Erik Hess vom SV Affalterbach (Kreis Ludwigsburg) gewinnt bei den Deaflympics, den Olympischen Spiele der Gehörlosen, in Tokio Gold im Dreistellungskampf mit dem Kleinkalibergewehr.
Vorsichtig öffnet Erik Hess das schmucke Holzkästchen, das für ihn einen ganz besonderen Schatz verwahrt – die Goldmedaille, die er im Dreistellungskampf mit dem Kleinkalibergewehr bei den Deaflympics, den Olympischen Spielen der Gehörlosen, in Tokio gewonnen hat. Noch ist offen, wo das Goldstück einen Platz in seiner Wohnung in Bittenfeld finden wird, wo er mit seiner Partnerin Julia Fraschka lebt. „Da suchen wir noch nach einem schönen Ort“, sagt Fraschka, die auch Sportschützin ist.
Das Paar sitzt am Tisch im Schützenraum auf der Anlage des SV Affalterbach, wo die beiden bis zu dreimal die Woche trainieren und auch für die Mannschaft in der Regionalliga an den Start gehen. Sie erzählen von der gemeinsamen Leidenschaft – dem Schießen. Das Duo teilt aber nicht nur seinen Lieblingssport, sie sind auch beide gehörlos.
Geräte geben die Geräusche der Welt zurück
Ein Gespräch ist dennoch auch ohne Gebärdensprache möglich, weil beide sogenannte Cochlea-Implantate (CI) tragen, elektronische Hörprothesen, die die Funktion der geschädigten Hörschnecke ersetzen. Der Schall wird dabei in elektrische Impulse umgewandelt, die direkt den Hörnerv stimulieren und so das Hören und Sprachverstehen ermöglichen. Man muss schon genau hinsehen, um die Geräte zu sehen, die ihnen die Geräusche der Welt zurückgeben. Im Alltag und bei der Arbeit. Aber nicht im Sport.
Wenn Hess und Fraschka bei den Wettbewerben der Gehörlosen antreten, dann ist es um sie herum still. Dennoch sind sie unerhört treffsicher bei dem Versuch, die kaum drei Zentimeter großen Ringe aus 50 Meter Entfernung zu treffen. Vor allem Erik Hess hat inzwischen ein sehr hohes Level erreicht. Der 34-Jährige übt diese Disziplin schon deutlich länger auf Top-Niveau aus als seine um elf Jahre jüngere Partnerin. Bei den Deaflympics 2022 hatte er schon Silber geholt. Diesmal war es Gold mit Weltrekord. Bei der Entscheidung mit dem Luftgewehr hatte er davor Rang acht erreicht. Und dann deklassierte er die Konkurrenz im KK-Dreistellungskampf um 9,2 Ringe und stellte mit 459,8 Ringen einen Weltrekord auf. Später lauschte Erik Hess auf dem Podest berührt der deutschen Hymne. Da hatte er seine CIs dann wieder drin.
Die Ohren sind beim Schießen wichtiger als man meinen könnte
Julia Fraschka war beim wichtigsten internationalen Sportereignis für gehörlose Sportlerinnen und Sportler auch dabei und verpasste als Neunte im Gewehrschießen nur knapp das Finale. Das soll dann bei den Europameisterschaften im kommenden Jahr in Serbien besser werden.
Beim gebürtigen Frankfurter Erik Hess war die Behinderung angeboren. Bei Julia Fraschka wurde es im Alter von 14 Jahren still um sie herum. Beim Schießen, denkt jetzt vielleicht der ein oder andere, ist es doch gar nicht so unpraktisch, etwas weniger von dem ganzen Geknalle zu hören. Doch tatsächlich ist es auch in diesem Sport ein Handicap, wenn die Ohren nicht richtig funktionieren. Denn das Gleichgewichtsorgan ist beeinträchtigt. Das macht es schwieriger, das Ziel zu treffen. „Mit Koordinationsübungen kann man den Gleichgewichtssinn trainieren. Aber so ganz normal wird es trotzdem nicht“, sagt Erik Hess.
Ein weiterer Nachteil bei den Wettbewerben: Gehörlose bekommen statt einer Ansage ein Lichtsignal oder Gebärdensprache als Zeichen, wann sie losschießen dürfen, während sich Schützen mit einem intakten Gehör in der Zeit schon auf das Ziel fokussieren können. „Da muss man immer wieder raus aus dem Anschlag, und das macht es schwieriger für uns“, sagt Erik Hess.
Die kleinste Abweichung hat große Folgen
Doch was fasziniert Julia Fraschka an diesem Sport? „Ich finde es spannend, dass schon die kleinste Abweichung einen sportlich so weit zurückwerfen kann. Und es ist sehr viel Kopfsache“, sagt die Notfallsanitäterin. Für Hess ist es diese Suche nach der Perfektion, die den Medientechniker antreibt. Um besser zu werden opfert er wie seine Verlobte gerne den Urlaub. Neben dem Training in Affalterbach sind die beiden auch regelmäßig im „Kraftkompetenz-Centrums“ beim Olympiastützpunkt in Stuttgart oder bei Lehrgängen des Verbandes.
Im Januar steht ein weiterer Höhepunkt an. Dann geht es mit dem SV Affalterbach um den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Den Meistertitel hat der Klub fast schon sicher – danach entscheidet die Relegation. Auch hier wollen die beiden Sportschützen wieder unerhört treffsicher sein.