Julischka Eichel als Charlotte, Ole Lagerpusch als Werther Foto: JU_Ostkreuz

Warum subtil, wenn es auch banal und grobmotorisch geht, fragt sich Regisseur Simon Solberg. Er machte am 18. Januar im Schauspielhaus Stuttgart aus dem Schulstoff „Werther“ einen Theaterabend, der selten einmal Schultheaterniveau erreichte.

Stuttgart - Arme Charlotte (Julischka Eichel). Die umschwärmte Dame aus Goethes 1774 geschriebenem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ steht zwischen zwei Männern. Da ist Albert (Gunnar Teuber), ein militaristischer Macho, der ihr auch mal eine mitgibt, woraufhin sie unters heimische Klavier fliegt. Und da ist Werther (Ole Lagerpusch): ein schräger Vogel mit Gummiknochen, der ständig über seine Füße fällt, beim Reden zum Sabbern neigt, sich bei jeder Gelegenheit am Kopf kratzt und ratlos „O-oh!“ seufzt.

So kannte man diese Figuren aus der Lektüre noch gar nicht? War Werther nicht eigentlich der schwärmerisch-rasende junge Mann, der sich in der Homer-Lektüre verliert und eine Heldenwelt imaginiert, die der Wirklichkeit nicht standhält? Ein Charismatiker, dessen Selbsttötung zahlreiche Nachahmer im wirklichen Leben fand?

Nicht bei Regisseur Simon Solberg (35). Er benützt Homer-Szenen höchstens, um eine Ballerei zu inszenieren mit so viel Nebel, Explosionen, sich auf dem Boden wälzenden Gestalten und einem eigenartigen Gefährt, dass man ein Déjà-vu erlebt. Solberg zitiert sich selbst: Mit derlei Requisiten hatte er vergangene Saison schon Goethes „Urgötz“ bebildert.

Warum die schöne Charlotte überhaupt einen dieser zwei Kerle anschaut, bleibt Simon Solbergs Geheimnis am Sonntagabend im Schauspielhaus Stuttgart. Ansonsten liebt es Simon Solberg eindeutig, überdeutlich, plakativ.

Er liest den Schulstoff „Werther“ wie ein Teenager: Erwachsene sind lächerlich und doof und finden die Bundeswehr gut (Videowerbefilme der Bundeswehr passen ja immer). Werther ist verpeilt, ­Charlotte ist eine sicherheitsbedürftige Schlampine, die sich nicht traut, mit einem tollen, armen Schlucker durchzubrennen. Heuchlerisch ist sie sowieso – trägt ein „Cap Anamur“-Notärzte-T-Shirt und lässt sich von Albert mit Umwelt- und Dritte-Welt-Spenden schmieren, während der auf Großwildjagd geht.

Sollten die wahrscheinlich in der Dritten Welt superbillig produzierten Marken-Turnschuhe von Werther eine Kritik an dem sich selbst als rebellierenden Trotzkopf inszenierenden Außenseiter Werther sein, ist diese immerhin recht subtil geäußert.

Bei der Jagd, auf der Albert herumballert, herrscht er den tölpeligen Werther dann auch noch an: Töten ist okay, Selbstmord ist Unsinn. Dies alles in Kriegsfilm-Parodie-Gehabe. Angst bekommt man vor diesem Albert nicht, die subtile Gefahr und Macht, die er ausstrahlen könnte – verschenkt.

So platt und banal ist die Welt von Simon Solberg. Wichtige Sätze werden in einem Schülerreferat auf Video eingeblendet. Mehrfach zu hören sind Sätze über Werthers innere Leere: „Ach, diese Lücke! Diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle. Ich möchte mir oft die Brust zerreißen und das Hirn einstoßen, dass man sich so wenig sein kann.“ Eher grobmotorisch arbeitet sich die Regie an dem bei Goethe sich langsam steigernden Liebeswahn Werthers ab. Von Anfang an ist Werther jetzt einer, der sich nicht in die Gesellschaft einfügt, der als nicht sehr witziges Jerry-Lewis-Imitat über die Bühne stolpert. Er sagt Sätze wie „Ich bin dicht, und Goethe ist Dichter“, ist grundsätzlich dagegen und kommt weitgehend mit ein und demselben zerquälten Gesichtsausdruck aus.

Solberg macht klar, Charlotte sieht in Werther nicht nur einen Seelenfreund, mit dem sie gern tanzt und über Gedichte redet (die Klopstock-Passage aus dem Roman – gestrichen). Also fallen sie knutschend übereinander her. Und dazu – Achtung, Kalauer der Bühnen- und Kostümbildnerinnen Maike Storf und Christina Schmitt – taucht Albert als eiskalter Typ im Eisbärenkostüm auf und unterbricht das Tête-à-Tête.

Die berühmte tödlich endende, unglückliche Liebe allein scheint ohnehin nicht bühnentauglich genug. Bei seiner Goethe-Lektüre ist Solberg auf das Natur-Kultur-Thema gestoßen. Es animiert ihn zu Urwaldimpressionen, ­erotesker Schlammschlacht und Fotos von brandgerodeten Wäldern, die anklagend vor eine Videokamera gehalten werden. Da hätte sich der Regisseur in seinem politischen Sendungsbewusstsein vielleicht besser Goethes „Faust 2“ vorgenommen, wo Gier, Landnahme und Umweltverschmutzung tatsächlich Themen sind.

In diesem Bilder-Regiebaukasten-Gewirr gibt es immerhin gelegentlich ein Innehalten. Momente gibt’s, in denen Matti Krause oder auch Julischka Eichel Werthers Liebesnöte und Selbstvernichtungsfantasien zart spielen. Doch dann brüllt schon wieder jemand „Neeeiiinnn“, oder irgendwer rast mit Neonröhren über die Bühne. Erstaunlich, wie wenig Interesse der Regisseur am Können dieser Schauspieler zeigt.

Der musicalhafte Abend mit stereotypen Figuren und kitschigen Weltreise-auf-der-Drehbühne-Bildern endet lakonisch. Nach zwei langen Stunden springt Werther stumm von der Bühne und verlässt den Zuschauerraum. Er verkneift sich sogar das Türenschlagen. Hierin folgt man ihm ermattet.

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