Unser Bild zeigt die beiden Göppingerinnen Lisa Berg (links) und Katharina Kipp im Göreme-Tal in Kappadokien. Foto: Team Blueberry

Ein halbes Jahr lang waren zwei Göppingerinnen auf Motorrädern in Vorderasien unterwegs. Kurz vor ihrer Heimkehr blicken sie zurück auf eine intensive Zeit. Auf matschige Pässe, heftigen Wind und viele Kamele.

In der kleinen georgischen Ortschaft Uschguli geht es auf Mittag zu, als Lisa Berg und Katharina Kipp endlich einen Kaffee bekommen, der auch in diesem Teil der Welt schlicht „Kaffee“ heißt. Die Frauen aus Göppingen sitzen in der wärmenden Frühjahrssonne, im Hintergrund klappert Geschirr, Stimmen fliegen umher. Hinter den beiden Motorradfahrerinnen, die seit Mitte Januar Vorderasien erkunden, liegt bereits ein „aufregender Morgen“, wie sie am Smartphone berichten. Ein matschiger Pass behinderte ihren Weg, ließ sie nicht recht vorankommen auf der Etappe, die sie der Türkei, ihrem nächsten Zielland, entgegenbringen soll. Uschguli bedeutet „mutiges Herz“, liegt auf 2200 Metern Höhe. 80 Familien leben dort unter anderem vom Tourismus, die gut erhaltenen Wehrtürme zählen zum Unesco-Weltkulturerbe.

 

Mitunter ist der Wind zu heftig zum Weiterfahren

Noch nicht lange ist es her, dass Lisa Berg und Katharina Kipp 3000 Kilometer durch die kasachische Steppe zurückgelegt haben – eine Fahrt durchs Nirgendwo, auf der es wenig Zivilisation, dafür umso mehr Kamele gab. „Wovon leben die Menschen?“, fragen sich die Reisenden. „Sie haben die Tiere“, lautet die Antwort. Ansonsten ist keine tragfähige Lebensgrundlage in Sicht, nur dürrer Boden, stechende Sonne – und Wind. Der ist bisweilen so heftig, dass die Frauen sich und ihren Maschinen, die sie bis dato beinahe klaglos schon über mehr als 32 000 Kilometer getragen haben, vorsichtshalber bisweilen eine Pause gönnen.

Die Sozialarbeiterin Berg und die Juristin Kipp sind vor knapp einem halben Jahr in eine fremde, Respekt einflößende Welt aufgebrochen. Länder wie Iran, Irak, Kirgisistan oder Tadschikistan lagen auf ihrer Route, um nur einige zu nennen. Mit einem Transitvisum ging es auch drei Tage durch Russland, wo sie freundlichen Einheimischen und einigen sehr neugierigen Polizeibeamten begegneten, die viele Fragen stellten und den Deutschen das mulmige Gefühl vermittelten, nicht recht erwünscht zu sein im Reich des Wladimir Putin: „Wir waren froh, als wir die Grenze nach Georgien überquert haben.“

In Georgien sprechen die jungen Leute Englisch

Dort fühlt sich das Leben leichter an, auch wenn die politische Situation im Land angespannt ist. Ende Mai setzte die Regierung ein Gesetz zur schärferen Kontrolle von Medien und Nichtregierungsorganisationen durch, die mehr als 20 Prozent ihrer Einnahmen aus dem Ausland erhalten. Die Opposition sieht Parallelen zu einem ähnlichen, in Russland erlassenen Gesetz, mit dem kritische Organisationen mundtot gemacht werden sollen, und befürchtet einen Stolperstein auf dem Weg des Landes zum geplanten EU-Beitritt.

Von den landesweiten Protesten gegen das Gesetz sind Berg und Kipp nicht betroffen, sie freuen sich über die herzliche Aufnahme durch die Menschen im Land. Und darüber, dass sie wieder ohne Übersetzungsprogramm mit Einheimischen kommunizieren können – vor allem junge Georgier sprechen Englisch. „Die Strecken in Georgien waren nach Russland und Kasachstan eine Wohltat und ziemlich spektakulär“, erzählen die beiden. „Endlich gab es wieder Berge, Täler und viel Grün.“ In der Hauptstadt Tiflis bekommen zudem ihre Motorräder eine Generalsanierung, um fit zu sein für die folgenden Etappen über rund 3800 Kilometer in Richtung Heimat.

Ein Missverständnis verzögert die Weiterreise

Davon haben die Frauen inzwischen bereits knapp die Hälfte zurückgelegt. Vor ihnen liegt „nur“ noch die Strecke von Istanbul nach Hause, wo sie noch im Juli ankommen wollen. Doch schon die Türkei wirkt auf die beiden weniger fremd und unbekannt als die Länder, die sie in den vergangenen Monaten „erfahren“ haben. Allerdings baute die türkische Bürokratie vor dem Grenzübertritt aus Georgien noch eine überraschende Hürde auf – die Beamten wollten Berg und Kipp die Einreise zunächst erst nach 42 Tagen genehmigen. Begründung: Sie seien beim ersten Aufenthalt auf dem Hinweg im Januar zu lange im Land gewesen – was sich glücklicherweise als Missverständnis entpuppte. So wurde der Weg nach stundenlangen Verhandlungen frei für die Fahrt nach Istanbul. Ansonsten hätte eine langwierige und kostspielige Überfahrt mit der Fähre von Georgien nach Bulgarien gedroht.

Nun scheint Deutschland wieder recht nah

Stattdessen stehen Lisa Berg und Katharina Kipp nun am Bosporus und blicken zurück auf sechs intensive Monate. Auf die herzlichen Menschen im kurdisch-irakischen Halabdscha, die den Gästen über Nacht als Andenken Kleider schneiderten. Auf den matschigen Pamir-Highway ganz im Osten der Tour, der die Frauen und ihre Maschinen an den Rand der Erschöpfung brachte. An das irritierende, von der Welt weitgehend abgeschirmte Turkmenistan mit seiner imposanten Hauptstadt Aşgabat, den schlechten Straßen und armseligen Dörfern im Landesinneren. Auf die fröhlichen Georgier – und vieles mehr. Die Reise, die bei Schnee und Eis begann, neigt sich bei sommerlichen Temperaturen dem Ende zu. Weitgehend auf EU-Straßen wird es von nun an Richtung Schwaben gehen. Verbunden mit der Erkenntnis: „Deutschland scheint plötzlich sehr nah.“