Um die Stimmung zu heben, wurde bei den deutschen Soldaten auch musiziert. Dabei durfte die Mundharmonika nicht fehlen, wie dieses Bild aus dem Ersten Weltkrieg zeigt. Foto: Deutsches Harmonikamuseum ​

Der Göppinger Hermann Weiss kämpfte im Ersten Weltkrieg als Soldat an der Westfront. Dort wurde seine Handharfe namens „Schwabentreue“ zum Lebensretter.

Es gibt spannende Exponate im Deutschen Harmonikamuseum in Trossingen zu bestaunen. Da steht das größte spielbare Knopfgriffakkordeon der Welt: 1953 gefertigt, ist es 1,23 Meter hoch, 22 Kilogramm schwer und muss von drei Personen gleichzeitig gespielt werden. Und da liegt die kleinste Mundharmonika der Welt, die „Little Lady“. Beides allein ist schon einen Besuch wert. Doch die vielleicht unglaublichste Geschichte verbirgt sich hinter der unscheinbaren, eingedellten Mundharmonika eines Göppinger Soldaten.​

 

In seiner Dauerausstellung präsentiert das Harmonikamuseum in Trossingen die zerschossene Mundharmonika des Göppinger Fotografen Hermann Weiss, der im Ersten Weltkrieg in verschiedenen deutschen Armeen an der Westfront kämpfte. Hermann Weiss überstand die Schlachten an der Somme und in Flandern, doch bei einem Angriff überlebte er nur durch seine „Schwabentreue“: „Die gleichnamige Mundharmonika führte er in der linken Brusttasche der Uniform mit sich, als ein Granatsplitter dort einschlug.“ So steht es auf der Ausstellungstafel. Der Splitter zerfetzte das Uniformtuch und das Harmonika-Etui, doch wie durch ein Wunder blieb es im Korpus der Mundharfe stecken.

Eisernes Kreuz auf der eingedellten Mundharmonika

Im Museum ist dem Göppinger und seinem „Lebensretter“, einer unscheinbaren Hohner-Mundharmonika, eine ganze Vitrine gewidmet. Denn: „Sehr wahrscheinlich hätte das Geschoss tödliche Wirkung gehabt, wenn die ‚Schwabentreue‘ nicht am rechten Fleck gewesen wäre“, berichten die Ausstellungsmacher. Im Eifer des Gefechts hatte Hermann Weiss das Etui falsch zusammengesteckt – ein rettender Fehler.​

Auf der eingedellten Mundharmonika sind das Eiserne Kreuz mit der Beschriftung „W 1914“ auf der Rückseite abgebildet, ebenso das „Schw“ aus dem Modellnamen „Schwabentreue“. Dazu befindet sich auf der rechten Hälfte der Rückseite ein Aufkleber mit der Händleradresse: „Musikhaus L. Jacob, Stuttgart, Königlicher Hoflieferant“.​

Die Geschichte der „wunderbaren Rettung“ wäre wohl verloren gegangen, hätte nicht Hermann Weiss junior aus Reichenbach an der Fils die Mundharmonika des Vaters, die Erkennungsmarke und das Foto des Soldaten dem Deutschen Harmonikamuseum als Leihgabe zur Verfügung gestellt.

Hermann Weiss war Sohn des Fotografen Januarius Weiss

Laut Martin Mundorff vom Göppinger Stadtarchiv hat Hermann Weiss kaum Spuren im Archiv der Hohenstaufenstadt hinterlassen. Klar ist nur so viel: Hermann Weiss wurde am 9. Februar 1870 geboren und starb am 15. März 1919 in Göppingen. Er war Sohn des Göppinger Fotografen Januarius Weiss, der seit den 1880er Jahren ein Fotogeschäft in Göppingen betrieben hatte. Neben dem bekannten Fotografen Max Zeller seien dies die Anfänge des Geschäftslebens im Bereich Fotografie in der Stadt gewesen, sagt Mundorff. 1901 heiratete Hermann Weiss. Die Eheleute hatten vier Kinder (Quelle: Personenstandsregister 16, Bl. 35). Mit dem Tod seiner Ehefrau verlieren sich die Spuren in Göppingen. Auch wenn Hermann Weiss längst aus dem Bewusstsein der Stadt verschwunden ist, seine Mundharmonika hat Hermann Weiss doch vor dem Vergessen bewahrt – zumindest für die Besucher des Deutschen Harmonikamuseums in Trossingen, die bis heute über die Geschichte einer wundersamen Rettung staunen.​

Vom Erfolg in die Krise und dann zum Comeback

Erfolg
Die Mundharmonika war eine Erfolgsgeschichte aus Schwaben. „Allein die Firma Hohner produzierte bereits 1887 gut eine Million Mundharmonikas“, sagt Salvatore Martinelli, der Direktor des Deutschen Harmonikamuseums in Trossingen. „98 Prozent der Produktion gingen damals in die USA“, betont er. Das Spielen auf Musikinstrumenten sei um 1870 in Amerika eine Angelegenheit für wohlhabende Leute gewesen. Das „Taschenklavier“ habe dies geändert. Auch für Soldaten wurde die Mundharmonika zum „musikalischen Seelentröster“ – oder sogar zum Lebensretter: „Belegt ist, dass mindestens 14 Soldaten überlebt haben, weil sie eine Mundharmonika in ihrer Brusttasche trugen“, sagt Historiker Martinelli.​

Rekorde
Das größte spielbare Knopfgriffakkordeon der Welt ist in der Dauerausstellung des Deutschen Harmonikamuseums in Trossingen ebenso zu sehen wie die kleinste Mundharmonika der Welt, die „Little Lady“ mit einer Länge von nur 3,7 Zentimeter. Diese wurde von Kapitän Walter Schirra an Bord des Raumschiffes Gemini VI geschmuggelt und erklang als erstes Instrument im Weltall. Der Kapitän spielte am 16. Dezember 1965 darauf das Weihnachtslied „Jingle Bells“ und ließ es per Funk zur Bodenstation übertragen.​

Aufstieg
Ab 1929 dominierte die Matthias Hohner AG den Weltmarkt, nachdem sie die größten Konkurrenten aufgekauft hatte. Bereits 1923 wurden weltweit 50 Millionen Mundharmonikas produziert, die Hälfte davon in Trossingen. 1939 hatte Hohner 5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – eine Zahl, die die Firma nie wieder erreichen sollte.​

Niedergang
Eine sinkende Nachfrage führte ab 1957 dazu, dass die Firma in eine Krise kam. Auch innovative Erfindungen, wie elektronische Tasteninstrumente, also Vorläufer von Keyboards, wurden nicht wie erwünscht angenommen. Als die Krise ihren Höhepunkt erreichte, kaufte 1987 das Land Baden-Württemberg die historische Sammlung der Firma Hohner auf, um sie zu sichern. Diese mehr als 25.000 Instrumente, Kataloge und Dokumente sind die Grundlage für das Museum.​

Comeback
Dennoch geriet die Mundharmonika nie in Vergessenheit. Im Gegenteil: Als „Blues Harp“ feierte sie im Rock-/Popbereich ihr Revival. Bob Dylan spielte ebenso auf der handlichen Hohner wie Popsängerin Shakira und Bono von der irischen Band „U2“. Heute arbeiten bei Hohner noch etwa 120 Angestellte.