Göppingen Von einem, der auszog, die Welt zu beglücken

Von Sabine Riker 

Der Humpty Dumpty Circus war ein Verkaufsschlager. Foto: Stadtmuseum Göppingen
Der Humpty Dumpty Circus war ein Verkaufsschlager. Foto: Stadtmuseum Göppingen

Die Weihnachtsausstellung im Stadtmuseum ist dem Auswanderer Albert Schoenhut gewidmet. Der Göppinger gründete in Amerika eine Spielwarenfabrik – und wurde Millionär.

Göppingen - Vom armen Holzdrechsler zum Millionär – dieser Traum ist für den Göppinger Albert Schoenhut, der von 1849 bis 1912 lebte, Wirklichkeit geworden. 1866 wanderte er, gerade mal 17 Jahre alt, nach Philadelphia aus und gründete dort wenige Jahre später eine Spielwarenfabrik, die in ihrer Blüte die größte weltweit werden sollte. Zumindest behaupteten das seine Söhne. Kinderträume der A. Schoenhut Company und die Lebensgeschichte des Auswanderers stehen im Mittelpunkt der diesjährigen Weihnachtsausstellung im Göppinger Stadtmuseum Storchen. Titel: „Schoenhut – Von einem Göppinger, der auszog, die Welt zu beglücken“.

Raubtiere und Dompteure, Artistinnen und Akrobaten bevölkern das große Zelt des Humpty Dumpty Circus, der in mehreren Ausführungen im Storchen zu sehen ist. Die Figuren wirken so lebendig, als würden sie sogleich Kunststücke vollführen. Genau in dieser Bewegtheit liegt das Geheimnis des Schoenhut’schen Erfolgs, dessen Spielwaren nicht nur in Amerika einen Siegeszug antraten, sondern auch in ganz Europa. Die liebevoll gestalteten Holzfiguren haben bewegliche Gelenke, und so wurde der Humpty Dumpty Circus, der im Jahr 1903 auf den Markt kam, zu einem echten Verkaufsschlager. „10 001 astonishing tricks“, versprach ein Werbeslogan. Bereits zum Ende jenes Jahres hatte das Unternehmen 50 000 Zirkussets verkauft.

Exponate sind echte Hingucker

Selbstverständlich ließen sich das Personal und die Menagerie nach Herzenslust erweitern. In Originalkartons finden sich in den Museumsvitrinen verschiedene Ausführungen des Clowns „Cracker-Jack“. Ein Clown der etwas unheimlichen Art. Arme Leute konnten sich das Spielzeug nicht leisten. „Die größeren Exemplare haben in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg 20 Mark gekostet. Das war damals viel Geld“, sagt Karl-Heinz Rueß, der Leiter des Stadtmuseums.

Ein Hingucker sind auch die prächtigen Zirkuswagen, die von Pferdegespannen gezogen werden. „Die gibt es nur noch äußerst selten“, erläutert Rueß, der schon lange von einer Schoenhut-Ausstellung geträumt hat. Da das Museum nur wenige Stücke selbst besitzt, musste er sich erst auf die Suche nach Exponaten begeben. Er fand sie bei dem Ehepaar Angelika und Hermann Strauss im fränkischen Igensdorf und bei Suzy Vincent im englischen Milford. Die meisten der Raritäten, die im Storchen zu sehen sind, stammen von diesen beiden Sammlern.

Kinderklaviere als Verkaufshit

Außer dem Zirkus produzierte die A. Schoenhut Company alles, was Kinderherzen begehren: Puppen, Boote, Schwerter, Gewehre. Zum Zirkus gesellten sich im Laufe der Zeit eine Farm und eine Safari, die sich auf ein Ereignis bezieht, das wohl tatsächlich stattgefunden hat: der 26. Präsident der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt (1858 – 1919), auf Großwildjagd. Entsprechend wurde der Artikel als „Teddy’s Adventures in Africa“ vermarktet. In einer der Vitrinen ist Roosevelt mit Gewehr hoch zu Ross und umgeben von wilden Tieren zu bewundern.

Ein Verkaufshit waren auch die Kinderklaviere, die Albert Schoenhut 1872 – er hatte sich eben erst selbstständig gemacht – in Philadelphia erfand, wo eine größere Zahl Deutscher lebte. Auf ihnen konnten die Kinder tatsächlich spielen. Mittlerweile haben sich die Spielzeugklaviere zu ernst zu nehmenden Musikinstrumenten entwickelt, für die namhafte Komponisten sogar eigens komponierten. Der erste war kein geringerer als John Cage, einer er einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er schrieb im Jahr 1948 eine „Suite for Toy piano“.

Überhaupt waren es die Spielzeugklaviere, die den Ruhm des Unternehmens verbreiteten. Sie werden auch heute noch unter dem Namen Schoenhut in Florida produziert, allerdings in neuer Regie. Der Rest der A. Schoenhut Company überstand die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren nicht. Alle Versuche der Söhne Albert Schoenhuts, die Spielwarenfabrik zu retten, schlugen fehl.

Ergänzt wird die Ausstellung von historischen Dokumenten wie Original-Katalogen und Zeitungsartikel. Auch die Bürgerrechts-Verzichts-Urkunde ist zu sehen, die Albert Schoenhut einst unterzeichnen musste, als er nach Amerika auswanderte.

Nacht der Toy Pianos und Vortrag

Begleitend zu der Ausstellung über den Amerika-Auswanderer Albert Schoenhut findet am Dienstag, 30. Januar, um 19.30 Uhr im Museum im Storchen ein Vortrag über die Auswanderung im 19. Jahrhundert statt.

„Schoenhuts Traum – Nacht der Toy Pianos“ ist der Titel eines Konzertabends am 24. Februar um 19.30 Uhr im Zimmertheater. Zu hören sind Vera Kappeler, Peter Conradin Zumthor, Isabel Ettenauer und das Duo Fifty-Fifty mit Manfred Kniel und Ekkehard Rössle. Am 25. Februar um 11 Uhr bestreitet Isabel Ettenauer eine Matinee am Toy Piano. Es folgt eine Führung.

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