Das Seniorenzentrum St. Martinus befindet sich direkt neben der katholischen Kirche St. Maria an der Marktstraße. Foto: Horst Rudel

Der Altenheim-Träger baut am Stadtrand neu, weil sich in der City die Vorgaben kaum erfüllen lassen

Göppingen - Eines der ältesten und bekanntesten Pflege- und Altersheime mitten in der Göppinger Innenstadt schließt im Herbst 2019 seine Pforten, weil es den neuen Anforderungen der Landesheimbauverordnung nicht mehr genügt – trotz einer umfassenden Sanierung für rund drei Millionen Euro in den Jahren 2003 bis 2005. Künftig dürfen Altersheime nur noch Einzelzimmer anbieten, doch gerade viele ältere Heime wie St. Martinus haben noch Doppelzimmer (siehe unten stehenden Text). Eine Sanierung rentiere sich nicht, sagt der Betreiber, die gemeinnützige Vinzenz von Paul Gesellschaft.

Dass die Vinzenzpflege am Stadtrand im Reusch ein neues Heim als Ersatz bauen will, beruhigt die Göppinger Stadträte nur so halb. Zu viele Fragen sind in einer Ausschusssitzung zu dem Thema offen geblieben. Viele Stadträte bedauern vor allem, dass der Standort mitten im Stadtzentrum, 200 Meter von der Neuen Mitte entfernt, aufgegeben wird. Das bestehende Heim gehört der katholischen Gesamtkirchengemeinde und liegt direkt neben der Kirche St. Maria. Der Gemeindesaal ist an das Heim angebaut.

Anwohner sind skeptisch

Zudem wird das neue Heim nur 45 der 90 Plätze in St. Martinus ersetzen. Für die andere Hälfte soll ein weiteres neues Heim geplant sein, doch ob es tatsächlich kommt und wenn ja, wann und wo, ist noch nicht bekannt. Die Pläne seien noch nicht spruchreif, heißt es von Seiten der Vinzenzpflege. Unklar ist auch, was mit dem St.-Martinus-Gebäude geschehen wird. Zumindest die Lage macht das Gebäude für Investoren interessant.

Im Reusch machen die Baupläne so manchem Anwohner Sorgen. Bei einer Informationsveranstaltung am Montag zeigte sich, dass vor allem die Parksituation die Bewohner umtreibt. Zwar hat die Vinzenzpflege einen Parkplatz mit bisher 18 Plätzen neben dem Gebäude geplant, doch viele Anwohner bezweifeln, dass dieser für alle Mitarbeiter, Besucher und die Fahrzeuge der ambulanten Pflege sowie die Bewohner der zwölf dort geplanten Seniorenwohnungen reichen wird. Deshalb gibt es nun offenbar Überlegungen, den Parkplatz größer zu bauen.

Stadträte stimmen wohl zu

Hinzu kommt, dass im Reusch ursprünglich nur Wohnbebauung geplant war und das Grundstück hinter der katholischen Christkönig-Kirche bereits außerhalb der Bebauungsgrenze liegt. Eine Familie sammelt offenbar bereits Unterschriften gegen das Vorhaben.

Trotz aller Fragen und Bedenken wird der Gemeinderat in seiner Sitzung an diesem Donnerstagabend aller Voraussicht nach der von der Vinzenzpflege benötigten Änderung des Flächennutzungsplanes und des Bebauungsplanes zustimmen. „Wir brauchen diese Pflegeplätze und wir können froh sein, dass der Träger bereit ist, in der Stadt zu investieren“, hatte die Bürgermeisterin Gabriele Zull in der Ausschusssitzung gemahnt – und die meisten Stadträte sehen das letztlich offenbar auch so.

Investition von rund acht Millionen Euro

Der Leiter der Göppinger Vinzen-von-Paul-Einrichtungen, Roy Hummel, kann die Bedenken nicht begreifen. „Das wird im Vergleich zu dem Angebot in St. Martinus ein Quantensprung“, sagt er. Die Einrichtung habe ein ansprechendes Erscheinungsbild und werde sich nicht nur gut in das Quartier einfügen, sondern auch die Infrastruktur für Senioren in dem Viertel verbessern. Auch wegen der Parkplätze macht sich Hummel keine Sorgen. Schließlich gebe es bei einem Altersheim keine Stoßzeiten wie bei einem Kindergarten.

Insgesamt rechnet die Vinzenzpflege mit Baukosten von acht Millionen Euro. Das Gebäude wird zwei Stockwerke und ein Gartengeschoss haben. In dem H-förmigen Bau sollen auf der einen Seite zwölf betreute Seniorenwohnungen untergebracht werden, die einen eigenen Eingang und Aufzug bekommen. Auf die andere Seite kommt die stationäre Tagespflege, der ambulante Pflegedienst sowie 45 Pflegeplätze – je 15 pro Stockwerk mit eigenem Gemeinschaftsraum und Küche.

Harte Zeiten (nicht nur) für kleine Heime

Göppingen - Die Träger haben lange Zeit noch gehofft, dass die Politik zumindest teilweise zurückrudert“, sagt die Altenhilfeplanerin im Göppinger Landratsamt, Isolde Engeler. Doch die Hoffnung war vergebens: Seit dem vergangenen Jahr ist klar, dass Alters- und Pflegeheime von September 2019 an nur noch Einzelzimmer mit mindestens 14 Quadratmetern Fläche anbieten dürfen. Einen Bestandsschutz für bestehende Heime gibt es nicht.

Doch zum 31. Dezember 2015 befanden sich allein im Kreis Göppingen noch 385 von 2535 Pflegeplätzen in Doppelzimmern. In den anderen Kreisen der Region dürfte es ähnlich aussehen. Für die Heimbetreiber heißt das nun in den meisten Fällen, dass sie die Zimmer entweder in Einzelzimmer umwandeln – und damit die Zahl ihrer Plätze verringern müssen – oder große Um- und Anbauten oder sogar Neubauten in Kauf nehmen müssen. Gerade für alte kleine, Heime könne das existenzbedrohend werden, berichtet Engler. So gebe es etwa im Oberen Filstal noch einige kleine Heime, die von Privatleuten geführt würden. Für diese seien die neuen Vorgaben nur sehr schwer zu erfüllen.

Heim in Wiesensteig aufgegeben

Insgesamt müssen die Betreiber im Kreis in den kommenden Jahren zig Millionen Euro investieren. Denn wie Herbert Nill, der Vorstandsvorsitzende des größten Altenhilfeanbieters in der Stadt Göppingen, der Wilhelmshilfe, berichtet, rechnet man heutzutage mit Kosten von 100 000 bis 120 000 Euro für den Neubau eines Pflegeplatzes. Für eine komplette Sanierung setze man 50 000 bis 60 000 Euro pro Platz an.

In Wiesensteig hat das bereits zum Aus für das Hospital geführt. Das Gebäude aus dem 17. Jahrhundert ist viele Jahre lang als Pflegeheim genutzt worden, doch ein Umbau würde sich nicht lohnen. Vor kurzem ist am Ortsrand Richtfest für ein neues Heim gefeiert worden. In Eislingen muss beispielsweise das Seniorenzentrum St. Elisabeth umbauen, wenn es künftig den Richtlinien entsprechen will.

Wilhelmshilfe investiert fünf bis sechs Millionen Euro

In der Stadt Göppingen ist die Vinzenzpflege bisher der einzige Betreiber, der seinen Standort in der Innenstadt aufgibt und in einen Neubau am Stadtrand umzieht. Doch auch andere sind betroffen. Im Christophsheim auf dem Gelände des Christophsbads gebe es beispielsweise ebenfalls noch vorwiegend Doppelzimmer, berichtet Manfred Vohwinkel, der Leiter der Kreisheimaufsicht.

Auch die Wilhelmshilfe kommt nicht ungeschoren davon. Nill rechnet ganz grob mit Investitionen im Bereich von fünf bis sechs Millionen Euro, die jetzt nötig werden. Zwar entsprächen die neueren Häuser in Bartenbach, Faurndau und Ursenwang bereits den Vorgaben. Doch die älteren Häuser, am Stammsitz in der Göppinger Hohenstaufenstraße und in Salach, haben zum Teil noch Doppelzimmer.

„Wir sind dabei zu überlegen, wie wir sie umbauen und umstrukturieren können“, berichtet Nill. In der Hohenstaufenstraße habe allerdings ohnehin eine Sanierung angestanden. Ob die Wilhelmshilfe alle Plätze in ihren Traditionshäusern erhalten kann, ist noch offen.

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