Göppingen Mal eben einen Verlag gegründet

Von Sabine Riker 

Ein Leben mit Büchern: Manuela Kinzel und ihr Mann Rüdiger Wolff Foto: Horst Rudel
Ein Leben mit Büchern: Manuela Kinzel und ihr Mann Rüdiger Wolff Foto: Horst Rudel

Manuela Kinzel ist 23 Jahre alt, als ein Anruf aus Washington sie bestärkt, publizistisch tätig zu werden. Das ist 20 Jahre her. Seither ist sie Verlegerin. Der Erfolg auch in schwierigen Zeiten gibt ihr recht.

Göppingen - Die Zeiten für Verlage sind schwierig. Ungeachtet dessen floriert der Manuela-Kinzel-Verlag mit Sitz in Göppingen. Vor 20 Jahren hat ihn Manuela Kinzel in Dessau (Sachsen-Anhalt) gegründet. Da war sie gerade mal 23 Jahre alt und die DDR noch nicht einmal zehn Jahre Geschichte. „Es war ein Tag vor Weihnachten, als ich zum Gewerbeamt marschiert bin und den Verlag angemeldet habe“, erzählt Manuela Kinzel. Seither ist es immer aufwärts gegangen, auch wenn ihr Verlag sie nicht reich macht. „Wir haben sehr gute Autoren und sehr gute Manuskripte, viele Bücher gehen“, erzählt sie. Thematisch beackert sie ein weites Feld: vom veganen Backbuch über Wanderbücher bis hin zu Selbsterfahrungsberichten reicht das Programm des Verlages. Die Einschränkungen, die sie für ihre Veröffentlichungen macht, sind klar: „Keine Belletristik, kein Sex, keine Gewalt, keine Krimis.“

Wahrscheinlich muss man ein Naturell wie Manuela Kinzel haben, um ein Wagnis wie eine Verlagsgründung einzugehen. Inzwischen ist Kinzel 42 Jahre alt, und aus ihren Augen blitzt noch immer jugendlicher Unternehmergeist und eine Spur Unbekümmertheit. Ein bisschen unbedarft sei sie schon gewesen, sagt sie. Doch ihr Instinkt leitete sie sicher. „Wir setzen auf Nischen“, sagt sie. Wir, das sind sie selbst und ihr Mann Rüdiger Wolff. Seit 15 Jahren begleitet er sie, erst privat, seit 2010 auch geschäftlich. Er ist der Mann im Hintergrund. Er ist zuständig für die EDV, das Marketing, die Presse und das Kochen. „Egal, wo ich bin, wenn ich nach Hause komme, bekomme ich etwas zu essen“, erzählt Kinzel und lacht spitzbübisch.

Initialzündung aus dem Telefonhörer

Wenige Monate vor der Verlagsgründung eröffnete Manuela Kinzel in Dessau eine christliche Buchhandlung. Als ausgebildete Buchhändlerin hatte sie sich für die Selbstständigkeit entschieden. „Ich hatte zwar gute Angebote, aber ich wollte lieber ein eigenes Geschäft haben.“ Was es bedeutet, ein eigenes Unternehmen zu führen, das wusste sie genau. Ihre Eltern eröffneten nach dem Ende der DDR ein Pressefachgeschäft. Da war sie 14 Jahre alt. Über einen Onkel hatte ihre Familie Kontakte zum Springer-Konzern. Die Eltern gaben ihre Anstellungen als Werbeökonomin und Lehrer auf und verkauften fortan West-Medien, zunächst aus einem Transporter heraus.

Für Manuela Kinzel waren das prägende Jahre. „Ich weiß noch genau, dass wir einmal in einer einzigen Stunde 240 Exemplare der Bravo verkauft haben“, erzählt sie. In den neuen Bundesländern seien Zeitschriften und Zeitungen höchst begehrt gewesen. „Bei uns gab es ja nischt“, sagt sie und lässt kurz ein wenig Dialekt aufblitzen. Und nicht nur das. Auch bestimmte Bücher waren in den Buchhandlungen nicht zu finden. In ihr reifte die Idee, diese Nischen zu bedienen.

Die Initialzündung kam dann aber aus dem Telefonhörer. Alfred Radeloff, ehedem Pfarrer in Dessau, meldete sich aus Washington. Er wollte wissen, ob man die politische Entwicklung vom Herbst 1989 bis zur Wiedervereinigung im Oktober 1990 in Dessau nicht als Buch herausbringen könnte. Als Pfarrer hatte er dort den Niedergang der DDR erlebt. „Auch dort gab es Montagsdemonstrationen. Die Kirche war dann so voll, dass man Angst hatte, die Emporen würden runterstürzen“, erzählt Manuela Kinzel. Klar, dass sie dieses Thema reizte. Unter dem Titel „Die friedliche Revolution in Dessau“ erschien das Buch – das erste im eigenen Verlag.

16-Stunden-Tage sind keine Seltenheit

Fünf Jahre später siedelte Manuela Kinzel, die ihre Heimatstadt nie verlassen wollte, der Liebe wegen nach Göppingen über. Sie hatte Rüdiger Wolff kennengelernt, der als Chef einer EDV-Firma unabkömmlich war. Vor vier Jahren sind sie mit ihrem Verlag an den geschichtsträchtigsten Ort Göppingens gezogen, nach Hohenstaufen. Hoch über dem Filstal steuert die mittlerweile 42-Jährige ihren Verlag. 16-Stunden-Tage sind für sie keine Seltenheit. Dafür entschädigten sie die vielen schönen Bücher und jede Menge Zuspruch, etwa auch in Form eines Briefes aus dem Vatikan, der nun gerahmt in Manuela Kinzels Büro in Hohenstaufen hängt.

1000 Manuskripte bekommt die Verlegerin im Jahr. „Die kann ich nicht alle lesen“, sagt sie. Meistens merkt sie schnell, ob ein Stoff ein Buch hergibt. Im Zweifelsfall diskutiert sie mit ihrem Mann darüber. „Wenn einer von uns gegen ein Manuskript ist, dann lassen wir es.“ Von den 1000 Manuskripten schaffen es 20 bis 50 in den Druck. Mittlerweile hat der Verlag 250 lieferbare Titel. Manuela Kinzel scheint einen guten Riecher für Autoren und Themen zu haben. „Manchmal tut sich eine Nische ganz neu auf“, sagt sie. Deshalb wolle sie offen bleiben für alles, was komme.

Bücher, Bilder, Hunde

Ratgeber, Wanderbücher, Selbsterfahrungsberichte, Lokalgeschichte – das macht im Wesentlichen den Kern des Manuela-Kinzel-Verlags aus. Viele der Autorinnen und Autoren haben Lokalbezug. Sie stammen aus dem Kreis Göppingen oder aus Dessau und Umgebung. Unter ihnen befindet sich auch der Ex-Profifußballer Thorsten Albustin, der über seine Angsterkrankung berichtet, oder auch der Geislinger Journalist Manfred Bomm. Von ihm sind im Manuela Kinzel Verlag aber keine Krimis zu haben, sondern mehrere Wanderbücher.

Neben ihrem Verlag betreibt Manuela Kinzel in Hohenstaufen auch die Galerie Stauferland. Sie befindet sich direkt neben ihrem Wohnsitz in einem ehemaligen Ziegenstall in der Pfarrgasse 5. Und weil Papier allein nicht glücklich macht, haben sie und ihr Mann Rüdiger Wolff drei Hunde, darunter den Tanzhund Mozart. Nebenher versorgen sie vierbeinige Gäste in ihrem Hundehotel.

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