Göppingen Herrscher über die Königin der Instrumente

Von Sabine Riker 

„Wenn man Orgel spielt, ist man Herrscher über ein ganzes Orchester“ – Leonard  Kunz über seine große Leidenschaft. Foto: Ines Rudel
„Wenn man Orgel spielt, ist man Herrscher über ein ganzes Orchester“ – Leonard Kunz über seine große Leidenschaft. Foto: Ines Rudel

Leonard Kunz ist erst 14 Jahre alt und ein viel versprechendes Talent an der Orgel. Er hat schon zahlreiche Preise bekommen. Zurzeit bereitet er sich allerdings auf die Fischerprüfung vor. Er angelt nämlich gern.

Göppingen - Was ist schon eine Orgel gegen eine Katze?“ Der Teenager, der diese rhetorisch gemeinte Frage so nachdrücklich stellt, ist der Orgel nicht abgeneigt. Ganz im Gegenteil, er liebt sie. Doch gegen die königliche Kleopatra mit ihrem dichten grauen Fell und den bernsteinfarbenen Augen kommt selbst die imposanteste Königin der Instrumente nicht an. „Kleo ist so süß“, sagt Leonard Kunz, der findet, dass seine Katze das größte Geschenk seines noch jungen Lebens ist. Zum Glück muss er sich nicht für eine seiner beiden Leidenschaften entscheiden. Denn der gerade erst 14-Jährige ist ein viel versprechendes Talent an der Orgel. Bei zahlreichen Wettbewerben hat er erste Preise nach Hause gebracht. Sein Lehrer ist der Göppinger Kirchenmusikdirektor Klaus Rothaupt. „Und der ist so gut wie Bach“, schwärmt Leonard.

Wenn ihr Sohn so vor Begeisterung sprudelt, dann schaut Natalia Kunz ihren Jüngsten mit einer Mischung aus Amüsement und Verwunderung an. Woher Leonard seine Begabung hat, kann sie sich nicht erklären. „Das liegt nicht in der Familie“, sagt sie. Sie selbst könne nicht ein einziges Instrument spielen. Doch zweifellos war es ihre Erziehung, die Leonard schon früh das Tor zur Musik öffnete. Natalia Kunz lässt ihre Kinder – es gibt noch einen älteren Bruder namens Daniel – alles ausprobieren. Und wenn ihnen etwas gefällt, dann dürfen sie auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen.

Die Beine waren zu kurz

Daniel begann mit vier Jahren, Klavier zu spielen. Klar, dass Leonard ihm nacheiferte. Er war fünf, als seine Mutter seinem Drängen nachgab und auch ihn zum Unterricht schickte. So fleißig Leonard auch auf dem Klavier übte, sein Herz schlug von Anfang an für die Orgel. Gesehen hatte er das Instrument zum ersten Mal in einem Zeichentrickfilm. Behauptet er. Seine Mutter widerspricht lachend. Das sei ja ganz anders gewesen. Doch Leonard bleibt dabei. Er habe damals noch gedacht, das sei ein Fantasieinstrument, erzählt er. Die erste richtige Orgel – auch in diesem Punkt gehen die Erinnerungen von Mutter und Sohn auseinander – will er in der Kapelle der Göppinger Klinik am Eichert gesehen und gehört haben. Da war er sechs Jahre alt und sofort entflammt. Die Orgel sei etwas ganz Besonderes, schwärmt Leonard. „Wenn man Orgel spielt, ist man Herrscher über ein ganzes Orchester.“

Doch die Liebe zu dem Instrument hatte zunächst einen Haken. Leonards Beine waren zu kurz. Sie reichten nicht von der Bank bis zu den Pedalen. „Er muss noch wachsen“, bescheinigte Klaus Rothaupt dem enttäuschten Jungen, der sich daraufhin wieder dem Klavierspiel widmete. Mit großer Energie, wie seine Mutter sagt, die nie das Problem hatte, ihren Sohn morgens aus dem Bett zu bringen. Dafür hatte sie eine ganz andere Sorge: Wie lotst man Leonard vom Klavier weg zum Frühstück?

Einmal in der Woche Unterricht

Ein paar Jahre zogen ins Feld, bis Leonard Ende der fünften Klasse erneut bei Klaus Rothaupt vorstellig wurde. In der Göppinger Stadtkirche war das – und diesmal waren die Beine lang genug. Leonard seufzt tief, als sei er einer großen Gefahr entronnen. Seither nimmt er einmal in der Woche Orgelunterricht bei Klaus Rothaupt. Der sei so gut, dass er sich im Musikunterricht in der Schule oft langweile, klagt er. Das will was heißen, denn das Eislinger Erich-Kästner-Gymnasium, das er besucht, hat ein Musikprofil.

Die Musik bestimmt Leonards Tage. Er nimmt Orgel- und Klavierunterricht und übt täglich mehrere Stunden. Außerdem singt er in einem Kinder- und einem Erwachsenenchor. Auf das Singen ist er zurzeit allerdings nicht gut zu sprechen. Er ist im Stimmbruch. „Das ist die blödeste Zeit, die man haben kann“, beschwert er sich. „Man kann weder hoch noch tief singen, und dafür hat kein Komponist der Welt etwas komponiert.“

Traumort Frankreich

Leonard schaut auf die Uhr. Er will noch in die Kirche Sankt Maria. Dort darf er die historische Walcker-Orgel spielen. Er schnappt sich seine Noten und trabt los. Als er die Kirchentür aufstößt, atmet er tief durch. Er hat große Ehrfurcht vor diesem Ort, das ist ihm anzumerken. Er schließt das schmiedeiserne Tor zur Empore auf und sperrt es gewissenhaft hinter sich zu. Dann nimmt er auf der Orgelbank Platz und wirkt plötzlich sehr erwachsen. Sein Körper strafft sich, als er die ersten Tasten anschlägt. Der Kirchenraum füllt sich mit eindrucksvollen Klängen. Der 14-Jährige studiert zurzeit Bachs „Dorische Toccata“ ein. Bach, so schwärmt er, sei der Größte, und er sei ein Urenkelschüler von ihm.

Als kleiner Junge wollte Leonard Traktorist werden oder Lokomotivführer, doch diese Wünsche sind längst Vergangenheit. Seit Leonard die Orgel spielt, will er Kirchenmusiker werden. Und er will reisen. Bevorzugt nach Frankreich. „Da gibt es kleine Dörfer mit riesigen Kathedralen“, sagt er. Und wo Kathedralen sind, sind auch Orgeln. Doch bis dahin hat es noch Zeit. Sein nächstes Ziel hat mit Musik nichts zu tun. Er bereitet sich auf die Fischerprüfung vor. Leonard angelt auch gern.

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