Das Tafelwasser, der Sprudel und die mit Zitronenaroma versetzte Hohenstaufenperle waren weithin bekannt und wurden 1929 in Karlsruhe mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Foto: Christophsbad

Ohne das Sauerwasser wäre die Stadt nicht, was sie ist. Mit dem bevorstehenden Aus von Aqua Römer am Stammsitz geht eine Tradition zu Ende. Das zeigt sich auch bei einer stadtgeschichtlichen Erkundung mit Anton Hegele.

Göppingen - Still und leise stirbt Aqua Römer an seinem Stammsitz in Göppingen, und die Öffentlichkeit nimmt dies in aller Seelenruhe hin. Anton Hegele wundert das sehr. Schließlich bedeute dies für Göppingen, was für Paris eine Schließung des Eiffelturms wäre. Und damit war er auch schon mitten im Thema der stadtgeschichtlichen Erkundung, die am Mittwoch das Göppinger Sauerwasser in den Mittelpunkt stellte. Der Geologe erinnert sich, dass in den Siebziger- und Achtzigerjahren jedes Mal ein Sturm der Entrüstung los brach, wenn einer der Brunnen im Stadtgebiet aus irgendwelchen Gründen geschlossen werden musste. Aktuell seien mehrere dieser Zapfstellen außer Betrieb, und niemanden kümmere es.

Dabei hat das Göppinger Sauerwasser eine große und lange Tradition, die Anton Hegele bei der Führung, an der rund 40 Menschen teilnahmen, in einem kurzweiligen Vortrag beleuchtete. Im Jahr 1404 wurde der Brunnen vor dem Klinikum Christophsbad, dem Ausgangspunkt für die stadtgeschichtliche Erkundung, erstmals urkundlich erwähnt. Kurz darauf genoss er schon Weltruf. Sogar der Schweizer Arzt Paracelsus (1494-1541) lobte ihn. Dem Sauerwasser ist es zu verdanken, dass zur Kur regelmäßig Prominenz in Göppingen abstieg. Kein Geringerer als der württembergische Herzog Christoph genas in der Stadt. Damit die hohen Herrschaften, die in der Folge mit großer Entourage anreisten, standesgemäß untergebracht werden konnten, wurde das Schloss erbaut.

Bad-Kuren in großen Zubern

Schon früh erkannten die Ärzte der damaligen Kuranstalt, was Werbung bewirkt. Hegele zeigte einen Prospekt aus dem Jahr 1644, auf dem alle Vorzüge des Wassers gepriesen wurden. Er erläuterte auch, wie eine Badekur damals aussah. Männlein und Weiblein wurden im Badhaus – selbstverständlich räumlich getrennt – in Holzzuber gepackt und nach einer langsamen Eingewöhnung schließlich bis zu drei, vier Stunden gebadet. „Wer diese Rosskur überlebte, der war vorher schon gesund“, konstatierte Hegele trocken. Auch die Trinkkuren hatten es in sich. Bis zu sechs Liter Sauerwasser wurden den Kurgästen am Tag verabreicht. Davon versprach man sich, dass krank machende Körpersäfte ausgeschwemmt wurden.

So gut der Ruf des Sauerwassers auch war, nach dem 30-jährigen Krieg kamen immer weniger Kurgäste. Schließlich kauften der Oberamtsarzt Ludwig Palm und der Arzt Heinrich Landerer das Bad und versuchten, an die alten Erfolge anzuknüpfen. Vergeblich. Besser florierte der Sauerwasserversand, den die beiden aufzogen. Nachdem Palm ausgestiegen war, baute Landerer eine Heil- und Pflegeanstalt auf, die sich stetig weiterentwickelte und heute im Klinikum Christophsbad fortbesteht. Gleichzeitig investierte er in den Vertrieb des Sauerwassers. Eine einfache Abfüllanlage wurde westlich des Badhauses gebaut, wo das Wasser in Tonkrüge gefüllt wurde. Damit die Kohlensäure nicht entwich, wurden sie von Hand versiegelt. Bereits 1881 gingen mehr als eine Million dieser Krüge auf die Reise.

Wünschelrutengänger suchten Quellen

1961 expandierte die Brunnen-Union und erwarb die Niedernauer-Quelle. Seit 1981 wird das Mineralwasser im benachbarten Jebenhausen abgefüllt. Pro Stunde schaffen die beiden Anlagen jeweils 60 000  Flaschen. Die Abfüllanlagen werden bald jedoch stillstehen. Dann kann man den Göppinger Sprudel nicht mehr in Flaschen kaufen. Auch ob man ihn selbst abfüllen kann, ist fraglich.

Anton Hegele erläuterte, dass es in der Stadt noch im 20. Jahrhundert einen Sauerwasser-Hype gab. Wünschelrutengänger suchten auf Geheiß der Stadt neue Brunnen. In der Regel wurden sie fündig. So eröffnete 1931 der Brunnen am heutigen Freibad, 1949 ging ein Industriebrunnen in Betrieb, wo Göppinger Betriebe 100-Liter-Kanister für ihre Belegschaft abfüllten. Schwierig gestaltete sich die Suche in den Mörikeanlagen. Die Lokalpresse ätzte am 1. Mai 1951: „Öl statt Sauerwasser in den Mörikeanlagen“. Doch irgendwann kam tatsächlich Sauerwasser zutage, und ein Brunnenhäuschen wurde errichtet. Auch in der Karlstraßen-Allee gibt es einen Brunnen. Von diesem und einem Brunnen im benachbarten Eislingen hatte Hegele jeweils einen Kanister zum Verkosten mitgebracht. Tatsächlich schmeckt jedes dieser Wasser anders.

Bei der nächsten Station der Stadterkundung an den Filsterrassen weiter westlich wurde klar, dass die vergangenen 600 Jahre nichts sind im Vergleich zu der Zeitspanne, die es brauchte, bis der sogenannte Angulatensandstein entstand, der für die Entstehung von Mineralwasser wichtig ist: stramme 200 Millionen Jahre.

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