Brasilianer im Standard? Foto: Baumann

Benjamin Böhme und Vanessa Souza Thuille vertreten Brasilien bei den German Open Championship in Stuttgart – ausgerechnet im Standard.

Stuttgart - Die Lippen von Vanessa Souza Thuille leuchten feuerrot. Die blonden Haare hat sie streng nach hinten zu einem Knoten gebunden, das schwarz-weiß-getupfte Kleid sitzt wie eine zweite Haut und verleiht ihr den Look einer Spanierin. Optisch ist die 20-Jährige im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle beim German Open Championship (GOC) ein Hingucker, und auch ihr attraktiver Partner Benjamin Böhm passt ins Bild. Und dennoch ist es nicht einfach die Blicke der Wertungsrichter für sich zu gewinnen, wenn 17 andere Paare über das Parkett tanzen. Vor allem, wenn man wie Böhme und Souza Thuille neu in der Szene ist.

Die GOC sind erst ihr zweiter gemeinsamer Auftritt – kürzlich belegten sie bei der Premiere in Wuppertal Platz 39. „Wir wissen deshalb noch nicht, wo wir im Moment stehen“, sagt Benjamin Böhm, der nach dem ersten Tag nicht wirklich ein gutes Gefühl hatte. Es hat ihn nicht getrogen. Die zweite Runde beim Rising Star Standard haben sie verpasst. Und eigentlich ist das Duo, eines wie jedes andere bei dem Turnier. Aber nur eigentlich. Denn auf den zweiten Blick zeigt sich, dass es sich um ein außergewöhnliches Paar handelt: Denn beide leben in München, vertreten aber Brasilien und sind zudem sehr spät in den Tanzsport eingestiegen.

Vanessas Souza Thuilles Mutter stammt aus Brasilien und deshalb sind sie für das Land startberechtigt. Über den Deutschen Tanzverband stellten sie den Kontakt mit dem brasilianischen Pendant her. „Man hat uns von deutscher Seite sehr unterstützt“, sagt Vanessa Souza Thuille. Sie will das Heimatland ihrer Mutter und damit den brasilianischen Verband in der Turnierszene bekannter machen. Es ist auch der erste Auftritt Brasiliens bei den GOC.

„Da fehlen noch die richtigen Strukturen“, gibt Benjamin Böhm zu. Ein bisschen kurios finden sie es aber schon, dass sie das Land des Sambas ausgerechnet als Standardtänzer vertreten. „Standard ist in der brasilianischen Kultur unbekannt“, sagt Vanessa Souza Thuille. In den oberen Klassen gibt es nur drei Paare in dieser Disziplin. Diesen Mangel sehen die beiden aber auch als Chance. Für 2015 planen sie einen Start bei den brasilianischen Meisterschaften.

„Ein Traum wäre es, wenn wir dann für Brasilien an der WM teilnehmen können“, sagt Vanessa Souza Thuille, die erst vor drei Jahren den Weg aufs Parkett gefunden, davor Ballett und Hiphop probiert hat. Der 23-jährige Benjamin Böhm tanzt auch erst seit fünf Jahren. Davor hat er Tennis gespielt und ist nach einem Tanzkurs hängengeblieben. Die klassische Tanzausbildung im Kindesalter haben sie umgangen. Der zweite Bildungsweg muss kein Nachteil sein. „Wir stecken zwar noch in den Babyschuhen, aber mit einem strukturierten Training kann man das aufholen“, sagt Benjamin Böhm.

Seit einem Jahr trainieren sie als Zweitmitglied beim TSC Savoy München mit ihrem Heimcoach Marc Scheithauer. Vor allem für Souza Thuille war es eine harte Zeit, weil sie bislang in der B-Klasse, zwei Kategorien unter ihrem Partner getanzt hat. Schritt für Schritt hat sie jedoch aufgeholt. „Ich gebe mir sehr viel Mühe. Aber es kann noch ein Jahr dauern, bis wir uns auf der Tanzfläche so richtig gefunden haben“, sagt die Studentin für internationale Wirtschaftkommunikation.

Training ist das eine. Der Wettkampf das andere. Der eine braucht die Ansprache in der Vorbereitung, der andere seine Ruhe. „Ich gehe das Ganze gerne nochmal durch, Benjamin stresst das eher“, erzählt Vanessa Souza Thuille. Sie suchen jetzt nach der richtigen Balance, damit sich beide entsprechend konzentrieren können. Ob die Dosis passt können sie an diesem Freitag testen: Da gehen sie beim Grand Slam Standard erneut an den Start – für sich und Brasilien.

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