Mit Akrobatik zum Sieg in Stuttgart: Die Ukrainer Tatiana Georgiiewska und Ivan Kartunow Foto: Baumann

Vom Finale können die deutschen Boogie-Woogie-Tänzer derzeit nur träumen. Die Podestränge holen sich auch bei den German Open Championships andere Nationen. Ein Paar aus Tübingen macht jedoch Hoffnung.

Stuttgart - Die Fans des Boogie-Woogie sind etwas Besonderes, etwas ganz Besonderes: Kurz bevor es losgeht, stürmen sie in die Halle, um auf dem Boden am Rand der Tanzfläche die besten Plätze zu ergattern. Und dann brüllen sie, sie kreischen und feuern an. Vor allem die Wertungsrichter brauchen da gute Nerven. Sie sitzen in der Stuttgarter Liederhalle auf Barhockern mit ihren Tablets in den Händen direkt daneben und geben in ihre kleinen Computer die Bewertungen der sieben Paare im Finale des World Masters Boogie der Hauptklassen ein.

Und das ist gar nicht so einfach: Denn bei keinem anderen Tanz fliegen die Füße schneller übers Parkett. Der Boogie-Woogie unterscheidet sich vom Rock’n’Roll durch die gemäßigtere Ausführung, ist aber in der Schrittfolge keineswegs langweilig. Im Gegenteil – geübte Tänzer schaffen 600 bis 700 in zwei Minuten und vermitteln immer noch ein Gefühl von Leichtigkeit. Nirgendwo sieht der Hüftschwung so lässig aus. Der Schwerpunkt liegt auf der Beinarbeit, der Schulterbereich sollte in einer Ebene geführt werden, und der Herr sorgt dafür, dass die Dame gut aussieht. Die Kunst liegt in der gelungenen Improvisation. Boogie-Woogie ist Schnelligkeit, das Spiel mit der Musik, Spontanität und Emotionen.

Niemand beherrscht diesen Spagat derzeit so gut wie Ivan Katrunow und Tatiana Georgiiewska aus der Ukraine. Kurz vor Mitternacht stehen sie im Beethovensaal ganz oben auf dem Podest und lauschen der ukrainischen Hymne. Für die Vize-Weltmeister Pontus Persson und Isabella Gregorio aus Schweden hat es wieder nur für Rang zwei gereicht. Dabei hatten sie nach dem Rücktritt der Weltmeister Thorbjon Solvoll Urskrog und Susanne Barkhald aus Norwegen darauf gehofft, dass der Weg endlich frei ist zu einem internationalen Titel. Auf Rang drei tanzten sich ihre Landsleute Rasmus und Tove Holmquist. Während aber die Schweden den Swing und die Franzosen das sportliche Tanzen in den Mittelpunkt stellen, bedienen sich Katrunov und Georgiievska bei der Kreation ihrer Figuren aus Ballett-Elementen und dem Contemporary Dance. Dieser neue Stil kommt bei den Preisrichtern offenbar an, auch wenn es dieses Mal knapp gewesen ist.

Grundsätzlich ist Boogie-Woogie die Kunst der gelungenen Improvisation, genauso wie die Vita der Ukrainer: Ivan Katrunow ist promovierter Strahlenphysiker, dann eröffnete er eine Tanzschule. Tatiana Georgiiewska studierte internationales Recht in den Niederlanden. Sie hat ein dreijähriges Kind. Über den Rock’n’Roll haben beide zum Boogie-Woogie gefunden. Beeindruckend war in Stuttgart aber auch der Auftritt der Franzosen Kelian Cornu und Elise Lacoste, denen der Übergang von den Junioren zur Hauptklasse mühelos gelang. Sie wurden auf Anhieb Vierte.

Davon können die deutschen Boogie-Woogie-Tänzer derzeit nur träumen. Für die beiden deutschen Paare Florian Pogats und Veronika Pfeffer sowie Christian Adler und Kathrin Guschal war in Stuttgart bereits im Viertelfinale Schluss. Dennoch sieht Katrin Kerber, Beisitzerin im Präsidium des Deutschen Rock’n’Roll- und Boogie-Woogie-Verbandes, zarte Fortschritte. „Die Zusammenarbeit zwischen Bundestrainer und Heimtrainern wurde ausgebaut und verläuft harmonisch“, sagt sie. Fünf deutsche Paare starten derzeit in der Hauptklasse, neun bei den Junioren. Großes Potenzial haben dabei Amina Gall und Marvin Kiel vom RR Tübingen, die sich seit eineinhalb Jahren als Autodidakten ohne Heimtrainer nach vorne gearbeitet und den Sprung in den Landeskader geschafft haben. „Wir haben viel Geduld miteinander und können uns auch kritisieren“, sagt Kiel. Beste Voraussetzungen, um in den nächsten Jahren die Boogie-Woogie-Fans in Stuttgart zum Kreischen zu bringen.

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