Ein Leben in freier Natur und ohne Zwang: Für Hermine hat sich die Flucht vor dem Metzger ausgezahlt. Sie darf auf Gut Aiderbichl alt werden. Foto: Dieter Ehrengruber/Aiderbichl

Das in Ditzingen vor einem Metzger geflohene Tier darf nun in der Natur Österreichs alt werden.

Henndorf - Der Weg zum Paradies führt einen Hügel hinauf. Es ist ein schmales Sträßchen, 400 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem ein 21 Monate altes Rind namens Hermine zu Fleisch und Wurst verarbeitet werden sollte. Doch jetzt, rund drei Monate nach dem Gang zum Metzger in Ditzingen (Kreis Ludwigsburg), springt Hermine über eine grüne Wiese. Auf dem Bichl (Althochdeutsch für Hügel) ist sie nun zu Hause. So wie rund 700 andere Tiere, mit denen es das Schicksal doch noch gut ­gemeint hat.

Der Hügel liegt in Henndorf, einer 4800-Einwohner-Gemeinde am Wallersee. Der Ort nahe Salzburg war früher als Treffpunkt bedeutender Schriftsteller bekannt. Carl Zuckmayer hatte dort 1926 eine ehemalige Mühle gekauft. Zum sogenannten Henndorfer Kreis gehörten unter anderen Stefan Zweig und Ödön von Horvath. Die Treffen endeten mit Zuckmayers Flucht vor den Nazis 1938. Heute dürfte der bekannteste Mann im Ort Michael Aufhauser sein – auch wenn er gar nicht hier, sondern in Salzburg wohnt. „Zusammen mit 18 Hunden“, wie er sagt.

Der 60-jährige Aufhauser hat im Jahr 2000 das Tierparadies gegründet, in dem Hermine nun leben darf, bis sie eines natürlichen Todes stirbt. Es heißt Gut Aiderbichl und umfasst 60 Hektar Land. Aufhauser, Ex-Schauspieler und Ex-Vizepräsident des Bostoner Reiseveranstalters Grand Circle Travel, hat in den vergangenen Jahren aus einem alten Bauernhaus mit Pferdestall ein schmuckes Anwesen gemacht. Hier leben Katzen in Zimmern mit Sofa und Sessel, hier hat der Stall für Esel einen edlen Holzboden.

Gnadenhof hat inzwischen 19 Ableger

Gut Aiderbichl in Henndorf ist Aufhausers erster und bekanntester Gnadenhof. Inzwischen gibt es 19 weitere sogenannte Außenhöfe wie den in Eichberg bei Deggendorf (Bayern). Dort darf Deutschlands wohl bekannteste Kuh in Ruhe alt werden.Die Kuh Yvonne hatte 2011 Schlagzeilen gemacht, weil sie drei Monate lang in einem Waldgebiet im oberbayerischen Kreis Mühldorf untergetaucht war.

„Yvonne wurde von den Medien gepuscht“, sagt Aufhauser. Die Rettung einer Gruppe von Schimpansen ist für ihn „echter“. In Gänserndorf bei Wien unterhält Gut Aiderbichl ein Affenrefugium. Untergebracht sind dort 39 Schimpansen, die teils Jahrzehnte ein Leben in engen Stahlkäfigen fristeten. Es waren Versuchstiere für Impfforschung. Als die Forschung vor einigen Jahren eingestellt wurde, bekamen sie ein Affenhaus in einem Safaripark. Der Park ging pleite. Jetzt gehören die Schimpansen zu Gut Aiderbichl – und haben vor kurzem ein großes Freigehege bekommen.

Doch zurück nach Henndorf: Das Gut ist täglich geöffnet, laut Aufhauser kommen 250.000 bis 300.000 Besucher im Jahr. Sie finden dort Esel wie den blinden Noldi aus der Schweiz oder Etsi aus Griechenland, die nach 14 Jahren als Lastenträgerin ausgesetzt worden war. Pferde wie Wolcelli leben dort, dem der Tod drohte, als er lahm geworden war und als Turnierpferd nichts mehr taugte. Es gibt Schweine, die aus säuischen Ställen gerettet wurden, und sogar Wildschweine und Füchse. Diese beiden Tierarten, meint Aufhauser, haben es schwer: „Sie sind keine Sympathieträger.“

Hermine sieht zum ersten Mal eine grüne Wiese

Auf Gut Aiderbichl gibt es auch ein Restaurant. Gekocht wird vegetarisch. Wer sich im Außenbereich niederlässt, kann leicht tierischen Besuch bekommen. Ziegen, Esel und Ponys laufen hier frei herum. Ein Zicklein schnüffelt neugierig am Hosenbein. Gleich nebenan haben sich Kindergartenkinder im Gras niedergelassen. Sie haben gerade eine Führung übers Gelände gemacht – und vespern jetzt.

Und wo ist Hermine? Wir finden sie bei unserem Besuch in Henndorf auf dem Sandplatz neben dem Kuhstall. Es ist die zweite Begegnung mit dem Rind, dessen Ende schon besiegelt gewesen war. Ihr Bauer hatte sie am 2. März zum Schlachten gebracht. Doch beim Ausladen vor der Metzgerei nahm Hermine Reißaus. Das rund 600 Kilogramm schwere Tier sprang zur Seite, riss so dem Landwirt den Strick aus der Hand und ließ sich auch von dem nach dem Strick greifenden Metzger nicht aufhalten. Er stürzte zu Boden.

Hermine flüchtete in den Schlosspark und ließ sich dort zwei Stunden lang nicht einfangen. Nicht vom Bauern, nicht von Polizisten, nicht von Mitarbeitern des städtischen Bauhofs und schon gar nicht vom Metzger. Eine Tierärztin mit Blasrohr betäubte Hermine schließlich. Sie kam zurück in ihren Stall. Dort, in Ditzingen-Heimerdingen, hatte sie der Autor dieser Zeilen wenige Tage nach der Flucht zum ersten Mal gesehen.

Hermine ist von einer Leserin unserer Zeitung gerettet worden. Die 66-Jährige, die anonym bleiben will, war vom Lebenswillen der Kuh beeindruckt. Die Frau kaufte ­Hermine dem Bauern ab. Ein Gut Aiderbichl verbundenes Ehepaar aus Weinstadt vermittelte den Kontakt zum Gnadenhof.

In Österreich hat Hermine, die ihr bisheriges Leben im Stall verbracht hatte, zum ersten Mal eine grüne Wiese gesehen. Dorthin darf sie auch jetzt wieder. Den kurzen Weg vom Sandplatz legt sie mit anderen Rindern zurück. An ihrer Seite ist Isabella, die Kuh mit dem verblüffend ähnlichen Schicksal. Isabella sollte im Januar in Bergheim (Bundesland Salzburg) geschlachtet werden. Sie stieß beim Entladen ihren Bauern um und hielt dann auf einer Wiese neben der Bundesstraße mehrere Polizisten mächtig auf Trab. Auch sie wurde am Ende betäubt.

700 Tiere leben auf dem Hof

Isabella und Hermine sind schnell Freundinnen geworden, erzählt Aiderbichl-Tierpflegerin Martina Neureiter. Die 26-Jährige hat sich von Anfang an um den Neuankömmling gekümmert. „Wir müssen zuerst eine Beziehung aufbauen. Die Rinder wissen ja nicht, dass wir die Guten sind.“ Bei Hermine scheint es geklappt zu haben. „Sie ist total munter. Sie kommt immer her und will gestreichelt werden“, sagt Neureiter.

Hermine war die ersten Tage im Stall gestanden. In der Box daneben Isabella. Dann gab’s den ersten Auslauf auf dem Sandplatz. Und nach zwei Wochen den ersten Gang auf die Wiese. „Sie ist immer Isabella nachgelaufen“, so die Tierpflegerin. Auch jetzt stehen die beiden Kühe einträchtig nebeneinander. Dann aber springt Hermine davon. Sie trabt den Hügel hinunter bis ans Ende der Weide. Dreht um, galoppiert den Berg ­hinauf – so sieht eine glückliche Kuh aus.

700 Tiere leben auf Gut Aiderbichl in Henndorf. 3800 sind es insgesamt, die unter dem Schutz dieser Einrichtung stehen. Aber was ist mit Millionen anderen? „Es sind symbolische Rettungen“, sagt Aufhauser. Und dass es sich bei den Aiderbichlern nicht um „klassische Tierschützer“ handle. „Wir polarisieren nicht und stellen nicht an den Pranger, wir sind mehr aufklärerisch.“ Und dann sagt er: „Hier geht es nicht um Tiere, hier geht es um den Menschen.“

„Es darf kein Hund geschimpft werden“

Eine Aussage, die durchaus überrascht. Von einem Tierfreund, der beim Rundgang übers Gelände zu bald jedem Schützling eine Geschichte erzählt. Von einem Mann, der die eiserne Regel aufgestellt hat, dass kein Tier auf Gut Aiderbichl unter Druck gesetzt werden darf, nicht einmal verbal: „Es darf kein Hund geschimpft werden, es muss immer ein Weg der Kommunikation gesucht werden.“ Der 60-Jährige erklärt den Satz so: Hermine und all die anderen geretteten Tiere stünden für die Möglichkeit, sich in ein anderes Lebewesen zu versetzen. In ein Lebewesen, das leidet. So wie es Hermines Retterin getan hat. „Ich möchte all diesen Menschen zeigen, sie sind nicht allein.“ Und er sagt: „Ich ermutige die Menschen, dass sie barmherzig sind.“ Denn Tiere sind „keine Sachen, sondern fühlende Mitgeschöpfe, die eine Persönlichkeit entwickeln“.

Aufhauser geht es „um die Menschen, die bereit sind nachzudenken – und vielleicht in der Folge umzudenken“. Er sagt: „Wir haben erst etwas erreicht, wenn wir Tiere nicht mehr vor uns Menschen schützen müssen.“ Das Aus für Atomkraftwerke in Deutschland macht ihm Hoffnung. „Es muss auch der Zeitpunkt kommen, an dem die Menschen sagen, und jetzt ist Schluss mit Fleisch.“ Darauf arbeitet er hin.

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