Glücksspielsüchtige verspielen Hab und Gut, die Sparbücher ihrer Kinder oder Kredite, die sie nicht zurückzahlen können. Viele verlieren den Job. Foto: dpa

Spielautomaten und Wetten ziehen Menschen aller Gesellschaftsschichten in den Bann – und stürzen sie oft in den Ruin. Auch Dieter Schneider stand kurz davor. 28 Jahre lang hatte ihn die Glücksspielsucht im Griff. Dann fand er den Ausweg.

Ludwigsburg - Er war noch im Anfangsstadium seiner Sucht, da passierte eines Abends das, wovor Dieter Schneider (Name von der Redaktion geändert) sich am meisten gefürchtet hatte: Er trat in Ludwigsburg aus der Spielhalle, und direkt gegenüber ging sein Chef spazieren. „Er hat mich damals bestimmt gesehen“, erinnert er sich an den für ihn zutiefst beschämenden Moment. Darauf angesprochen hat ihn sein Vorgesetzter nie. Vielleicht hätte Schneider, der im Kreis Ludwigsburg wohnt, aber den Ort nicht nennen möchte, sich sonst früher eingestanden, dass er Hilfe braucht. Glücksspielsucht ist eine Krankheit. Sie ist unheilbar, kann aber zum Stillstand gebracht werden.

Um die 800 000 Menschen im Land haben ein Glücksspielproblem, 462 000 sind pathologische Spieler. Die Dunkelziffer ist hoch. Die Liste der Spieler-Selbsthilfegruppe des Diakonieverbandes für den Kreis Ludwigsburg führt 154 Mitglieder, „und auf meiner Homepage“, sagt Gruppenleiter Hans-Joachim Petri, „waren schon 10 000 Besucher.“ Wer Spielsüchtige pauschal in der Schmuddelecke verortet, täuscht sich: Automaten und Wetten locken Junge und Alte, Frauen und Männer, Arme und Wohlhabende. Auch Menschen wie den Beamten und Familienvater Dieter Schneider.

Das Lügen wird zur Gewohnheit

Sie verspielen Hab und Gut, die Sparbücher ihrer Kinder oder Kredite, die sie nicht zurückzahlen können. Manche beklauen ihre Arbeitgeber, verlieren den Job, zocken ihre Familien in den Ruin. Und: Ihnen wird das Lügen zur Gewohnheit. „Im Geschichtenerzählen sind Glücksspieler die Größten. Sie müssen ja eine Fassade aufrechterhalten“, sagt Schneider. „Stolz ist keiner darauf. Es ist ein dunkler Fleck auf der Seele.“

Schneider macht schon als Heranwachsender mit dem Spielen Bekanntschaft: In einer Bäckerei in seiner Heimat steht in der angeschlossenen Kegelbahn ein Automat. Die blinkenden Lichter, die Geräusche und die Illusion, man könne rotierende Scheiben nach eigenem Willen stoppen, faszinieren den Jungen. Kein Mensch aus dem Laden hakt nach, was er eigentlich an dem Gerät zu suchen habe. Hat der Automat sein Taschengeld geschluckt, rennt er heim und wickelt seine Oma für weitere Münzen um den Finger. Spuckt der Automat ab und zu kleine Gewinne aus, ist der Bub im Glück.

Später – inzwischen ist Schneider beruflich arriviert und stets am Weiterkommen interessiert – belegt er Abendkurse zur Fortbildung. Einmal fällt der Unterricht aus, er biegt stattdessen zu einer Spielhalle ab. „Komisch. Eigentlich wusste ich, dass es der Anfang vom Ende ist, wenn ich diese Schwelle überschreite“, meint er im Rückblick. „Und ich hab’s trotzdem gemacht.“

Das Suchtteufelchen ist immer da

Von da an ist er regelmäßiger Gast in Spielhöllen. Seine Frau denkt, er sei bei der Fortbildung, dabei hat er die inzwischen an den Nagel gehängt. Sie fragt auch nicht, wohin das Geld verschwindet – ums Finanzielle kümmert ohnehin er sich. „Am Anfang gewinnt man ja seltsamerweise auch immer. Und das High-Gefühl war einfach toll“, erzählt der 64-Jährige. Auch wenn er seine Frau zum Einkaufen begleitet oder sonst mal Leerlauf hat, zieht es ihn an die Automaten. „Früher hingen die ja ganz offen rum, zum Beispiel im Breuningerland oder im Karstadt. Und das Fatale am Glücksspiel ist: Seinen Geldbeutel hat man ja in der Tasche. Und damit auch das Suchtmittel.“

Ebenso verheerend: „Man sieht Geld nicht mehr als Wert, sondern nur noch als Spielmaterial“, berichtet Schneider. „Wenn man spielt, ist man wie im Tunnel: Alle Probleme, alle Gedanken sind weg. Erst wenn man aus der Halle rausgeht, kommt der große Hammer, und man beschimpft sich: Was hast du jetzt wieder verspielt! Das war jetzt aber wirklich das letzte Mal!“

Von wegen. 28 Jahre lang währte Schneiders Sucht. Die konkrete Summe, die er verlor, will er nicht beziffern. „Es ging in die Hunderttausende“, sagt er. Er bekam schwere Depressionen, trug sich mit Selbstmordgedanken: „Ich hatte mir schon einen Baum ausgesucht, auf den ich fahren wollte, und mir überlegt, wie ich es anstelle, damit es wie ein Unfall aussieht.“

Dass er schließlich von der Glücksspielsucht wegkam, verdankt er einer stationären Therapie, in der er unter anderem lernte, die Unruhe, den Spieldruck und die Schlaflosigkeit zu bekämpfen und sich um aktive Freizeitgestaltung zu bemühen.

Die Freitags-Treffen finden immer statt

Iris Pellenz-Weyhing, Sozialarbeiterin bei der Psychosozialen Beratungs- und ambulanten Behandlungsstelle für Suchtgefährdete und -kranke bei der Kreis-Diakonie, betont aber: „Eine Therapie ist nicht der Schlusspunkt, sondern der Beginn, um die Krankheit in den Griff zu bekommen.“ Die Erfahrung von Hans-Joachim Petri, dem Leiter der Selbsthilfegruppe, ist: „Mit Unterstützung der Gruppe kann man die Krankheit eher zum Stillstand kriegen. Die Schwelle, rückfällig zu werden, ist höher.“ Die Freitags-Treffen finden deshalb statt, komme was wolle. Selbst am Karfreitag.

Dieter Schneider hat im April 2018 seine letzte Schuldenrate getilgt: „Die Privatinsolvenz war nie ein Thema für mich, ich wollte das Geld zurückzahlen.“ Das Suchtteufelchen, sagt er, sitze einem aber immer auf der Schulter. Ihm zu widerstehen bleibe eine lebenslange Herausforderung.

Es geht um Millionen

Einträgliches Geschäft
2017 betrug der Umsatz von Lotterie und Glücksspielmarkt in Deutschland 45 Milliarden Euro, 30 Milliarden aus Glücksspielautomaten. Der Staat nahm in diesem Sektor aus Vergnügungs-, Umsatz- und Gewerbesteuer etwa 1,8 Milliarden Euro ein.

Gefährliche Spirale
Die Glücksspielsucht verläuft in drei Phasen. In der letzten ist das Spiel Lebensmittelpunkt – Verzicht ist unmöglich.

Mitgefangen, mitgehangen
Zwischen fünf und acht Millionen Menschen in Deutschland (Familie, Freunde, Kollegen, Arbeitgeber) sind direkt oder indirekt von dieser Sucht betroffen.

Glücksspiel-Staatsvertrag
Dieser Tage verhandeln die Ministerpräsidenten über die Aktualisierung des Glücksspiel-Staatsvertrags. Es geht unter anderem um die Legalisierung von On­line-Casinos und die Frage nach einem übergreifenden Sperrsystem für Suchtgefährdete.

Nicht allein
Selbsthilfegruppen-Treff ist freitags, 18 Uhr, Am Japangarten 6, in Bietigheim-Bissingen. Infos unter Telefon 0 71 42 / 9 74 30 oder www.spieler-selbsthilfegruppe.de.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: