Ibrahim Weber ist seit 17 Jahren glücksspielfrei. Foto: Lichtgut/ Schmidt

Ibrahim Weber war jahrelang süchtig nach Glücksspielen. Inzwischen leitet er eine Selbsthilfegruppe bei der Evangelischen Gesellschaft - dort ist Online-Glücksspiel nicht erst seit Corona immer häufiger Thema in der Beratung.

Stuttgart - Ich hatte keinen Job und kein Geld mehr – da habe ich mich selbst aufgegeben“, sagt Ibrahim Weber. Wenn der 58-Jährige heute über seine Glücksspielsucht spricht, gestikuliert er viel mit seinen großen Händen. Er wirkt gefasst, doch wenn er von seiner Frau erzählt, werden seine braunen Augen glasig. „Ohne sie hätte ich es nicht rausgeschafft”, sagt der Esslinger. Seine Frau war es, die ihm 2003 „die Pistole auf die Brust setzte“. Sie ließ ihm zwei Optionen: Therapie oder Scheidung. Ibrahim Weber entschied sich für ersteres – und ist nun seit 17 Jahren glücksspielfrei.

 

Er konnte nie Nein sagen

Die Jahre davor verbrachte Weber jeden Freitagabend, manchmal auch das ganze Wochenende in der Spielhalle. Dort spielte er vor allem am Automaten, verzockte jedes Mal mehrere hundert Euro. Seine Kollegen bei einem Automobilhersteller bekamen davon nichts mit. Beim Arbeiten habe er immer hundert Prozent gegeben, so nach Anerkennung gesucht. Heute weiß er, dass er damals nie Nein sagen konnte und deshalb immer mehr Überstunden anhäufte. „Irgendwann war ich überfordert. Um Druck rauszulassen, bin ich in die Spielhalle gegangen“. Wann genau er in die Spielsucht abgerutscht ist, kann Ibrahim Weber nicht genau sagen. Auch Martin Epperlein, Suchtberater bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) erklärt, dass der Übergang zwischen Spielspaß und Spielsucht oft fließend sei. Es gebe zwar Indikatoren für eine Sucht wie Häufigkeit, Spieldauer und Geldsumme, doch die zentrale Frage sei immer: Warum spielen Sie? Wenn Spieler bei schlechter Stimmung oder zum Runterkommen in die Spielhalle gingen, sei das für ihn als Suchtberater ein klares Warnsignal. „Nicht die Summe und Dosis ist entscheidend, sondern die Funktionalität des Glückspiels“, erklärt Epperlein.

Außerdem hätten Glücksspielsüchtige oft das Gefühl, dass sie den Zufall besiegen könnten, so Epperlein. „Dahinter steckt die Vorstellung: ich muss nur lange genug weiterspielen, dann kriege ich mein Geld schon zurück.“ Gewinne würden von Süchtigen überbewertet, Verluste verdrängt. Auch Ibrahim Weber erzählt, dass seine Hoffnung immer „bis zum letzten Pfennig” da gewesen sei. Wenn er dann doch verlor, habe sich Frustration breit gemacht – er begann zu trinken. Dass er ein Alkoholproblem hatte, habe er erst 2003 während seiner stationären Therapie in Bad Herrenalb festgestellt. „Ich bezeichne die sieben Monate dort immer als meine zweite Geburt – danach hat für mich ein neues Leben angefangen”, sagt der 58-Jährige.

Schließung als Verschnaufpause

Deutschlandweit gab es 2019 nach Schätzungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 200 000 pathologische Glücksspielende. Für eine stationäre Therapie wie Ibrahim Weber sie machte, entscheide sich im Schnitt nur jeder zehnte Glücksspielsüchtige, sagt Martin Epperlein. Alle anderen würden auf Beratungsangebote oder Selbsthilfegruppen zurückgreifen. Gleich zwei solcher Gruppen für Spielsüchtige gibt es bei der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. Eine davon leitet Ibrahim Weber seit 17 Jahren. Ohne die Verantwortung der Gruppenleitung hätte er vielleicht nicht so lange durchgehalten, sagt er heute. So sei er verpflichtet gewesen, jede Woche zu kommen. Aufgrund der im Frühling geltenden Ausgangsbeschränkungen konnte sich die Gruppe von Ibrahim Weber für mehrere Monate nicht treffen. Aber auch die Casinos und Spielhallen blieben in diesem Zeitraum geschlossen. „Viele meiner Jungs waren glücklich, dass sie nicht spielen konnten”, sagt Weber. Ein Mann aus seiner Selbsthilfegruppe sei erst seit Anfang des Jahres spielfrei, ihm habe die Schließung der Spielhallen auf jeden Fall durch die schwierige Anfangsphase geholfen. Auch Martin Epperlein berichtet, dass viele seiner Klienten bei der Beratungsstelle die Schließungen als „Verschnaufpause“ wahrgenommen hätten.

Allerdings seien viele der Betroffenen auch einfach auf Online-Glücksspiele ausgewichen. „Das ist bei uns in der Spielsuchtberatung immer mehr Thema“, so Martin Epperlein. Online könnten Betroffene grenzenlos und jederzeit spielen – das sei besonders gefährlich. Epperlein und Weber ärgern sich über die massive Zunahme an Werbung von Online-Glücksspiel-Anbietern während der Corona-Pandemie.

Online-Glücksspiel soll bundesweit legalisiert werden

Die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU) hatte darauf bereits im April aufmerksam gemacht. „Solche Werbespots können Triggerpunkte für ehemals Spielsüchtige sein – vor allem wenn sie mehr Freizeit haben und viel Zeit zu Hause verbringen“, erklärt Ibrahim Weber. Aktuell ist Online-Glücksspiel in Deutschland zwar nur in Schleswig-Holstein legal, ab 2021 soll es aber bundesweit legalisiert und lizensiert werden. Deswegen fordert Epperlein jetzt schon: „Wir brauchen langfristige Prävention und keinen überstürzten Aktionismus“.