Schön ruhig hier – wenn nicht gerade die Motorsäge kreischt Foto: AdobeStock/ArchiVIZ

Es ist ruhiger, entspannter, viel grüner als in der Stadt und längst nicht mehr so hinterwäldlerisch, wie es einmal war. Also ab in die Provinz? Was ein Glücksforscher rät.

Wer auf dem Land lebt, hat matschbeschmierte Gummistiefel, immer Mehl und Eier daheim sowie eine stattliche Motorsäge in der Garage. Auf dem Land weiß man, bei wem der Notarztwagen hält und wer gerade Besuch hat. Es riecht nach Kuhmist und Heu, nach Kuchen und Traktoren-Diesel. Vor allem aber herrschen auf dem Land diese Ruhe und Gemächlichkeit – glaubt man jedenfalls in der Stadt.

 

Von wegen: Auf den kleinen Zufahrtsstraßen ist manchmal mehr Verkehr als auf einer Stadtautobahn. Leider gibt es kein Gymnasium, keinen Facharzt und keine Ballettschule. Die Leute sind genauso in Eile – auch sie müssen zur Arbeit, und den ganzen Tag wird irgendwo gemäht, gesägt, gerodet oder anderer Lärm gemacht. Dennoch hält sich das Vorurteil, dass Landbewohner besonders zufrieden sind. Stimmt’s?

Auf was kommt es an?

„Man kann das aber nicht pauschal sagen, wer glücklicher ist“, sagt Professor Timo Lorenz, Organisationspsychologe an der Medical School in Berlin, Glücksforscher und selbst ein Stadtkind. „Die Quintessenz der aktuellen Forschung belegt, dass es weniger um die Frage geht ‚Was ist besser, Stadt oder Land?‘, sondern für wen ist was zu welchem Zeitpunkt im Leben günstiger. Alles ist lebensphasenabhängig.“

Persönliche Faktoren spielen eine große Rolle. Lorenz als Dozent hätte schon mal Schwierigkeiten, eine Uni auf dem Land zu finden. Für Kinder bedeutet Aufwachsen im Grünen vielleicht mehr Freiheit als zwischen Hochhäusern.

Ist man allerdings Teenager, wird das Dorf öde, und es zieht die jungen Leute an die angesagten städtischen Plätze. Tritt man dann ins Arbeitsleben ein, ist die Stadt verlockender, weil es mehr Jobs gibt und höhere Gehälter.

„Ein entscheidender Faktor für Lebenszufriedenheit ist tatsächlich das Einkommen, das in der Stadt meist höher ist und Nachteile ausgleichen kann“, erklärt Lorenz. Andererseits sind dort auch die Lebenshaltungskosten höher, Wohnraum ist knapper, der Verkehr gefährlicher, die Luft schmutziger. Lorenz: „Auf dem Land haben wir den Vorteil, dass schon alles etwas entschleunigter ist, und es gibt den schnellen Zugang zur Natur. Das ist tatsächlich wichtig für unser Wohlbefinden.“

Kann man die Vorteile der Stadt überhaupt nutzen?

Die Stadt hingegen bietet mehr Kultur, mehr Bildung, eine bessere medizinische Versorgung und Infrastruktur. Doch das muss man auch zu nutzen wissen. „Profitiere ich denn überhaupt von dem großen Jobangebot, bin ich ausgebildet für die neuen Berufe, die in der Stadt entstehen? Habe ich genug Geld, um mir eine Wohnung zu leisten, die so gelegen ist, dass ich Zugang zur Natur habe? Oder wohne ich in einer Gegend, wo kaum ein Baum steht?“, erläutert Timo Lorenz die Unterschiede, die es innerhalb einer Stadt gibt.

Wer neben der Grünanlage mit Ententeich wohnt oder eine Stadtvilla mit Garten bewohnt, hat andere Voraussetzungen, zufrieden zu sein, als jemand, der im Tiefparterre neben der U-Bahn-Station haust.

„Die schlechteste Variante ist definitiv die, arm in der Stadt zu sein“, so Lorenz. „Die Teilhabe fällt weg. Man nimmt nur die Negativseiten der Stadt mit, ohne einen Zugang zu den positiven Seiten zu haben.“ Der große Vorteil auf dem Land – unabhängig vom Einkommen und dem sozialen Status – ist nach Ansicht von Lorenz das soziale Miteinander. „In Städten ist Vereinsamung ein großes Thema. Soziale Kontakte sind äußerst wichtig fürs Glücklichsein.“ Auch wenn es im Dorf kein Varieté oder Gourmetlokal gibt, so sind da doch die Nachbarn, die wissen, wer man ist, und mal ein Stück Kuchen vorbeibringen. Die Stadt ist deutlich anonymer.

Leuchtende Farben machen Glückshormone mobil

Obendrein sind das Grün der Bäume und Wiesen sowie das Bunte in den Gärten als Faktor nicht zu unterschätzen, sagt die Farbpsychologin Tine Kocourek aus München. Leuchtende Farben regen nämlich die Dopaminausschüttung im Gehirn an und machen glücklich. „Und man weiß aus der Farbforschung, dass Patienten in Krankenhäusern, die einen Blick ins Grüne haben, schneller genesen als solche, die nur die Trostlosigkeit ihres Raumes sehen.“

Wer also stets nur vom Häusergrau der Stadt umgeben ist, dessen Leben ist automatisch farbloser, so Kocourek. „Wir Menschen kommen schließlich aus der Natur. Wir sind Jahrtausende da draußen rumgelaufen. Die Sehnsucht danach steckt noch in unseren Genen.“

Doch Grün heißt mitnichten ökologisch. Einkaufen geht meist nur mit Auto, und für Sport und Hobbys muss man sich selbst oder den Nachwuchs in entfernte Ortschaften kutschieren. Nicht jedem und jeder reicht die freiwillige Feuerwehr. Die Teenager, die sich nachts in den Clubs der Großstädte rumtreiben, müssen dort auch wieder abgeholt werden, wenn keine Busse mehr fahren.

„In den ländlichen Regionen wird definitiv mehr Auto gefahren, denn die Infrastruktur ist einfach weniger gut ausgebaut“, erklärt Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Öko? Von wegen!

Zudem gibt es einen weiteren Punkt, der den gemeinen Landbewohner leider ein wenig zur Öko-Sau macht: „Der Anspruch an Energieeffizienz wird zwar stetig höher, aber gleichzeitig sieht man gerade in ländlichen Regionen den Trend, dass die Wohnfläche pro Person immer weiter steigt“, sagt Bierwirth.

Adäquate Stadtentwicklung inklusive Verkehrsplanung ist deshalb ein wichtiges Thema – mit viel Luft nach oben. Organisationspsychologe Lorenz sagt: „Es muss bessere Verbindungen ins Grüne geben, um dem Stadtleben zur Erholung schnell mal entfliehen zu können und Landbewohnern den Weg in die Stadt zu erleichtern, um zum Beispiel kulturelle Angebote wahrzunehmen.“

Gerade der Ausgleich ist nämlich das, was Entspannung oder Glücksgefühle auslöst: wenn der Städter Urlaub auf dem Bauernhof macht oder der Dörfler einen Städtetrip bucht. „Es ist wie mit dem Job. Wenn ich mich von der Arbeit erholen möchte, sollte ich etwas tun, was nicht ist wie meine Arbeit“, empfiehlt Glücksforscher Lorenz. „Sitze ich den ganzen Tag vor dem Computer, sollte ich am Abend mal tanzen gehen oder Sport machen.“

Den Stadtmenschen oder das Landei gebe es ohnehin nicht, glaubt Lorenz. „Unser Gehirn ist sehr anpassungsfähig und fast immer in der Lage, mit neuen Gegebenheiten und somit auch einschneidenden Ortswechseln umzugehen.“ Stadt oder Land – das ist also auch die Fähigkeit, in der jeweiligen Situation das Schöne überhaupt sehen zu können.