Eine Freundin, mit der man jede Stunde des Tages verbringen könnte – vielen Menschen fehlt das. Foto: imago//Daniel Gonzalez

Wer Freunde hat, bleibt länger gesund und ist sogar weniger schmerzempfindlich. Aber nicht alle Kumpels machen uns glücklich. Ein Überblick.

Freunde sind manchmal wie eine Dosis Morphium. Weniger, weil sie uns in einen wohligen Rausch versetzen, sondern weil sie unsere Schmerzen lindern. Das haben die Forscher Katerina Johnson und Robin Dunbar von der Universität Oxford im Jahr 2016 in einer Studie herausgefunden. Sie ließen Studierende in der Hocke gegen eine Wand lehnen, eine Position, in der bald die Oberschenkel fürchterlich zu brennen beginnen. Und die Forscherin und der Forscher stellten fest: Wer ein größeres soziales Netzwerk hat, hält länger durch. Menschen mit größerem Freundeskreis schütteten mehr Endorphine – also Glückshormone – aus, und Endorphine seien Schmerzkiller, begründete Dunbar die Wirkung.

 

Auch senke die Anwesenheit von Freundinnen oder Freunden den Cortisol-Spiegel – also das Stress-Level –, sagt der Freundschaftsforscher Horst Heidbrink, der unter anderem an der Internationalen Hochschule in Hamburg lehrt. Kurz: Ein Leben mit Freundinnen und Freunden ist mindestens so gesund wie tägliche 10 000 Schritte oder regelmäßig ungesalzener Blumenkohl zum Mittagessen. Aber sind in dieser Hinsicht alle Freunde gleich viel wert – und wie viele sollten wir eigentlich haben?

Im Durchschnitt haben wir vier enge Freunde

Vier enge Freunde haben Menschen in Deutschland im Durchschnitt, ergab eine Erhebung des Sinus-Instituts. Enge Freunde, das sind jene, mit denen man alles teilt, über schwere Krankheiten und Eheprobleme spricht, die man in traumatische Erlebnisse aus der Kindheit einweiht. Allerdings hat auch ein Drittel der Menschen keinen besten Freund und keine beste Freundin. Laut dem Berliner Psychologen Wolfgang Krüger treffe das auf Männer deutlich öfter zu als auf Frauen.

Neben den engen Freunden gibt es den erweiterten Freundeskreis, Krüger nennt sie die Alltagsfreunde. Das seien Menschen, die man zwar möge, aber mit denen man in der Regel keine intimen Sachen bespreche. Laut der Sinus-Studie haben wir davon durchschnittlich zwölf.

„Laut meiner Erfahrung geht es nicht um die Anzahl von Freund*innen“, sagt die Bonner Psychologin und Psychotherapeutin Ream Hadi-Hohn, die in ihrer Praxis auch Freundschaftsberatung anbietet. Die Größe der Freundeskreise sei auch Typsache – fühle ich mich unter vielen Leuten wohl oder eher in kleinen Runden. Ausschlaggebender für das Glück sei die Art der Beziehung. „Menschen fühlen sich wohl in wenigen tiefen Beziehungen“, sagt Hadi-Hohn. Wie eine tiefe Beziehung definiert werde, sei unterschiedlich – meist aber über gemeinsame Aktivitäten, intime Gespräche. Zentrales Element sei allerdings der Umgang in Krisen: Wichtig sei für Menschen, in diesen Momenten zu merken, „ich kann mich bei jemandem melden und erfahre Wertschätzung und Unterstützung“, sagt Hadi-Hohn.

Von engen Freunden wird erwartet, in Krisen dazusein

Viele Alltagsfreunde könnten auch keine engen Freunde ersetzen, sagt der Psychologe Krüger. „Wen rufen Sie dann an, wenn Sie Eheprobleme haben oder schwer krank sind?“, sagt Krüger. Ein einziger bester Freund macht demnach also glücklicher als 50 Freunde, mit denen man aber allesamt nicht sehr eng ist.

Was, wenn es mit besten Freunden Stress gibt?

Unser Ideal besagt: Gute Freundschaften, das sind solche, die ewig halten. Aber tatsächlich endeten Freundschaften ständig, sagt Psychologe Krüger, unsere Freundeskreise seien wie Durchgangsbahnhöfe – alle sieben Jahre würde die Hälfte unserer Freundschaften scheitern, so Krüger. Die meisten davon klingen lautlos aus. Die gute Nachricht ist: Enge Freunde seien in der Regel nicht davon betroffen, sagt Krüger. Diese Freundschaften würden meist auch Umzüge und Lebensumbrüche überstehen, im Durchschnitt dauerten sie über 30 Jahre. Was nicht bedeutet, dass es mit diesen Freunden keinen Stress geben kann.

Bei Ream Hadi-Hohn tauchen oft langjährige Freundespaare in der Praxis auf, bei denen sich beide Teile verletzt fühlen. „Auslöser für eine Freundschaftskrise ist oft, wenn jemand das Gefühl hat, dass man nicht gesehen wird“, sagt Hadi-Hohn. Wie kann man entgegenwirken? „Manchmal bedarf es nicht vieler Worte. Aber wir kommen nicht darum herum, Bedürfnisse und Verletzungen in Freundschaften mitzuteilen.“ Dazu gibt es auch immer mehr Therapieangebote und Ratgeberliteratur für Freunde, wie es sie für Paare schon lange gibt.

Wer seine Gefühle kennt, ist im Vorteil

Freundschaft sei zudem ein kreativer Prozess, sagt der Psychologe Krüger. Man müsse immer wieder Angebote für Aktivitäten machen und damit Gemeinsamkeiten schaffen – mal ein Fotoalbum aus der Kindheit gemeinsam durchschauen, einen Kinokreis gründen, aber auch über Bedürfnisse reden. „Ich rufe manchmal Freunde an und frage: ‚Was kann ich tun, damit du glücklich bist?‘“, sagt Krüger, der auch in seinem Buch „Freundschaft: Beginnen, verbessern, gestalten“ Tipps zu Freundschaftsbeziehungen gibt. Dafür müsste man aber „Zugang zu seinem Inneren haben“, seine Gefühle kennen, meint Krüger. Gerade Männern fiele das schwer. „Männer müssen lernen, offen über sich zu reden“, sagt Wolfgang Krüger. Frauen würden das besser schaffen – und auf diese Weise zudem Solidarität untereinander herstellen.

Bei all dem sei immer ein gewisses Gleichgewicht wichtig, sagt Freundschaftsforscher Heidbrink. „Wir haben ein intuitives Gefühl dafür, welche Kosten und Nutzen eine Freundschaft für uns hat. Die Bilanz von Geben und Nehmen ist meist über die Zeit ausgeglichen. Aber wenn nicht, dann fühlen wir uns unwohl – etwa weil ein Freund immer die Rechnung in der Kneipe bezahlt oder in Gesprächen nie etwas von sich preisgibt, ich aber schon.“

Schluss machen mit Freunden kann sinnvoll sein

Falls sich Lebensrealitäten und Werte weit voneinander entfernt haben, kann es auch dazu führen, dass man mit seinen Freunden Schluss macht. „Wenn wir uns wirklich gekränkt fühlen, sollten wir eine Freundschaft bewusst beenden, etwa indem wir einen Brief schreibt, damit wir die vorangegangene Kränkung verarbeiten können“, sagt Krüger.

Aber auch beendete Freundschaften hätten ihren Wert, sagt Ream Hadi-Hohn. Die Freundschaft könne zu der Zeit eine wichtige Stütze in einer schweren Zeit oder bedeutend für die eigene Entwicklung gewesen sein. „Wir sollten nicht denken, dass eine Freundschaft nicht wichtig ist, wenn sie nicht ewig dauert“, sagt Hadi-Hohn.