Das Schicksal zweier Tauben in der Stadt ging ihr zu Herzen: Jetzt prangert die Esslinger Taubenwartin Gabriele Quade klar und deutlich Tierquälerei an.
Immer wieder fliegen an Hochzeitstagen weiße Tauben. Ein schwarzer Tag für den Tierschutz? Die Vögel sollen nach einer Trauung Liebe, Treue, Glück und ein langes, gemeinsames Leben verheißen. Der Brauch ist beliebt, aber umstritten. Gabriele Quade wird deutlich. Die ehrenamtliche Taubenwartin der Stadt Esslingen, nennt das Ritual eine Tortur für die Tiere.
Sie will nicht länger schweigen. Das Schicksal zweier Tauben ging ihr so zu Herzen, dass sie sich an die Öffentlichkeit wendet. Die Tiere, berichtet Gabriele Quade, seien vor wenigen Wochen bei einer Trauung im Alten Rathaus in Esslingen aufgelassen worden, so der Fachausdruck für das Aufsteigenlassen der Tiere. Einen der Vögel habe sie mit gebrochenem Flügel auf einem Gehweg gefunden. Er sei wohl gegen eine Hauswand geflogen. Wenig später sei die Taube verendet. Das andere Tier habe völlig verstört auf dem Boden beim Alten Rathaus gelegen. Sie habe es aufgepäppelt und in den Taubenschlag im Neuen Rathaus zu seinen Artgenossen gebracht.
Das symbolische Auflassen weißer Tauben am Hochzeitstag ist in den Augen von Gabriele Quade eine Qual für viele Vögel. Im Internet oder auf dem freien Markt könnten die Tiere billig erworben werden: „Hochzeitstauben werden leider selten bei örtlichen Züchtern bestellt. Diese Tiere haben den Vorteil, mit Fußringen gekennzeichnet zu sein, und sie können nach dem Auflassen zu ihrem Schlag zurückfliegen.“
Tiere aus dem Internet könnten das nicht. Sie würden oft in Kartons angeliefert, so Quade. In diesem kleinen Gefängnis würden sie manchmal tagelang ohne Wasser und Futter bis zum Hochzeitstag verbleiben. Werden sie dann herausgelassen, seien sie dehydriert, hungrig, mit Kot verschmutzt, verängstigt und orientierungslos. Sie hätten nie gelernt, nach Futter zu suchen oder für sich selbst zu sorgen. Die Tiere würden verhungern, elendig zugrunde gehen oder Opfer von Raubvögeln.
Von 1000 Tauben überleben laut Quade höchstens fünf
Von 1000 so aufgelassenen Tauben würden höchstens fünf überleben, schätzt die Tierfreundin. Sie setzt deshalb auf Aufklärung, Einsicht und Verbote durch die Kommunen: „Für ihr Glück und ihre Zukunft sind die Brautleute selbst verantwortlich. Sie sollten das nicht auf Kosten der Tiere anstreben.“
Keine Tauben am Hochzeitstag? Michael Nirk vom Verband Deutscher Rassetaubenzüchter in Stuttgart macht Abstriche. Generell, meint er, sei das Auflassen bei Trauungen weder eine extreme Belastung noch Tierquälerei. Es sei ein ungewohntes Ereignis für die Tiere – sicher. Doch die Fahrt in einem Transportbehältnis zum Hochzeitspaar entspreche dem Stress von Menschen bei einer Bahnfahrt in einem vollen Zug: „Es gibt Entspannteres. Aber es ist keine Situation, in der ich Leid feststellen könnte.“
Ausschlaggebend ist laut Nirk, dass Tauben in den heimischen Schlag zurückfinden. Brieftauben könnten das. Sie würden seit Jahrzehnten auf Leistung gezüchtet und darauf trainiert, von einem x-beliebigen Ort nach Hause zu fliegen. Rassetauben dagegen würden wegen ihrer Schönheit und anderen Merkmalen wie Größe, Farbvariationen oder Federstruktur gezüchtet. Manche würden im Freiflug, die meisten aber wegen Beutegreifern und Verschmutzungen in Volieren gehalten. Diese Tier würden meist nicht zurück in den heimischen Schlag finden. Ihr Auflassen bei Hochzeiten „ist eine klare Tierquälerei, da diese Tauben größte Schwierigkeiten haben, Futter und Wasser zu finden und auch keine Scheu vor Beutegreifern haben und dann geschlagen werden.“
Bei den Brieftaubenzüchtern fehlt laut Nirk der Nachwuchs
Der Großteil der Züchter würde solche Verkäufe für Hochzeiten ablehnen, sagt Nirk: „Jedoch habe ich schon von ,Zwischenhändlern’ gehört, die Tauben von Züchtern aufkaufen und diese dann weiter veräußern. Diese Verkäufe durch das Internet oder auch von Züchtern, die nur den Kommerz sehen, sind sehr problematisch.“ Eine Unterscheidung sei für Verbraucher schwer, meint Nirk. Seine Empfehlung: „Die beste Option ist, bei einem Brieftaubenzüchter im Umkreis Tiere zu holen. Jedoch werden diese Züchter leider immer weniger und sie sind mit ihrem Hobby kurz vor der kompletten Auflösung, da es wenig bis keinen Nachwuchs gibt.“
Die Tierrechtsorganisation Peta dagegen lehnt das Auflassen am Hochzeitstag ab: „Tauben für Unterhaltungszwecke auszusetzen und sich selbst zu überlassen, bedeutet für die Vögel immer großes Leid.“ Dabei mache es keinen Unterschied, wo die Tiere herkommen würden. Das Schicksal sei – unabhängig von der Herkunft – dasselbe, meint Monic Moll von Peta Stuttgart: „Der Trieb, zurück zum Schlag und zu ihren Partnern zu fliegen, wird von den Züchtenden gezielt ausgenutzt. Denn meist werden Partnertiere voneinander getrennt, somit soll der Trennungsschmerz den Anreiz der Tauben erhöhen, schnell wieder zurückzufliegen.“
Rassetauben würden als „Hochzeitstauben“ missbraucht, meint Peta
„Rassetauben“ würden häufig als „Hochzeitstauben“ missbraucht. Sie würden etwa Federn an den Füßen aufweisen, die ein richtiges Gehen kaum ermöglichten, oder Federformen am Kopf, die das Sichtfeld einschränken können, so Moll: „Es handelt sich dabei um sogenannte Qualzuchten, die nur gezüchtet werden, um dem Menschen ästhetisch zu gefallen, aber verhindern, dass die Tauben ein artgerechtes und meist auch schmerzfreies Leben führen können. Wir bitten deshalb Hochzeitspaare, ihren besonderen Tag nicht zum Albtraum für andere Lebewesen werden zu lassen.“