Die Glückslehrerin Myriam Meier Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Noch wird das Unterrichtsfach „Glück“ nur an wenigen Schulen im Land gelehrt. Aber angesichts der neuen gesellschaftlichen Herausforderungen wächst das Interesse.

Es ist wie verhext. Seit zehn Minuten versuchen 25 im Kreis stehende Erst- und Zweitklässler der Astrid-Lindgren-Schule einen vierten Stein auf einen Turm zu platzieren, der in der Mitte der Aula steht. Jeder und jede von ihnen hält eine Schnur in der Hand, die zu einer baggerschaufelähnlichen Konstruktion führt. Mit deren Hilfe sollen sie den vierten Stein greifen und gemeinsam in die richtige Position bringen.

 

Doch obwohl der Stein immer wieder umkippt, fällt kein böses Wort. Kurz vor Ende der Schulstunde schaffen sie es dann doch. Der Jubel ist groß. Und auch Myriam Meier strahlt: „Obwohl es nicht gut lief, habt ihr euch nicht gegenseitig Vorwürfe gemacht, sondern seid ein Team geblieben. Das ist eine ganz tolle Leistung“, lobt die Lehrerin.

„Das klingt ein bisschen nach Esoterikecke – hat damit aber nichts zu tun“

Es ist die zweite Stunde an der Astrid-Lindgren-Grundschule in Erdmannhausen im Kreis Ludwigsburg. In der Schule steht jedoch nicht Mathe, Deutsch oder Musik auf dem Stundenplan. Das Unterrichtsfach, das Myriam Meier an diesem und an allen anderen Dienstagen des Schuljahres in den ersten und zweiten Klassen der Grundschule unterrichtet, heißt „Glück“.

„‚Glück‘ als Schulfach, das klingt zunächst ein bisschen nach Esoterikecke“, räumt Myriam Meier ein, lächelt und fügt dann schnell hinzu: „Damit hat das aber überhaupt nichts zu tun.“ Myriam Meier ist Grundschul- und Glückslehrerin, Coach und Lehrtrainerin für das Schulfach „Glück“. Neben ihrer Lehrtätigkeit veranstaltet sie in Waiblingen Fortbildungen, Workshops und Projekte zur positiven Pädagogik. Am Heidelberger Institut des Pädagogen und Autors Ernst Fritz-Schubert hat sie sich zur Glückslehrerin ausbilden lassen. Fritz-Schubert hat 2009 das Schulfach „Glück“ so entwickelt, dass es zumindest prinzipiell jede Schule im Land einführen könnte.

Grundidee stammt aus der positiven Psychologie

Offen räumt Myriam Meier ein, dass der Begriff Glückslehrer durchaus zwiespältig ist: „Eltern, denen ich das Fach vorstelle, können damit zunächst nicht viel anfangen“, erzählt sie. Aber bereits nach wenigen Wochen würden viele von ihnen erkennen, welche Idee hinter dem Fach stehe und wie positiv sich der Unterricht auf die Entwicklung ihrer Kinder auswirke.

Die Grundidee für das Lehrfach „Glück“ stammt aus der positiven Psychologie – und zielt darauf, das psychologische Wohlbefinden der Kinder zu steigern, ihre Kommunikationsfähigkeit und ihre Resilienz zu stärken und im Unterricht nicht nur die Sach- und Sozialkompetenz, sondern vor allem die Selbstkompetenz zu stärken.

Es geht um die Identitätsbildung der Kinder

„Wissenschaftlich betrachtet ist Glück Wohlbefinden“, erläutert Myriam Meier. Dabei gebe es drei Untergruppen. Da sei zum einen das subjektive Wohlbefinden, das vor allem die Frage in den Mittelpunkt rücke: Wie geht es mir jetzt gerade? Diese Gefühle hätten aber ebenso wenig etwas mit der eigenen Lebenskompetenz zu tun wie das objektive Wohlbefinden – also die Frage nach eigenem Besitz oder einem sozialversicherten Arbeitsplatz. Myriam Meier: „All das sagt doch nichts darüber aus, wie glücklich ich tatsächlich bin.“

Das Handlungskonzept Glück rücke deshalb das psychologische Wohlbefinden der Kinder in den Mittelpunkt. Es geht vor allem darum, die Identitätsbildung der Kinder zu stärken, ihnen ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, welche Fähigkeiten sie haben und wie sie innerlich stärker werden können, um später auch mit Krisen umgehen zu können.

Dieser Aspekt, sein eigenes Ich zu verstehen, sei schon immer wichtig gewesen. Er gewinne aber im schulischen Kontext in Zeiten, in denen Wissen oft nur einen Klick entfernt im Internet abrufbar sei, immens an Bedeutung. Damit wächst auch die Nachfrage nach dem Schulfach „Glück“. Zwar gebe es auch andere schulische Angebote, um die Eigenkompetenz zu stärken. Aber meist handele es sich dabei um einzelne Projekte oder Lernabschnitte in anderen Fächern. Myriam Meyer: „Es ist aber im Hinblick auf Nachhaltigkeit ein sehr großer Unterschied, ob ich etwas nur punktuell behandele oder ob ich ein strukturelles Konzept habe, das sich wie ein roter Faden durch die Schulzeit zieht. Nur dann habe ich einen Effekt auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.“

In Stuttgart ist die Stuttgarter Jugendhaus-Gesellschaft Vorreiter in Sachen „Glück“: An der Carl-Benz-Schule und an sechs weiteren Ganztagsgrundschulen in der Trägerschaft der Jugendhaus-Gesellschaft, wird „Glück“ losgelöst vom Unterricht angegangen. Es gibt wöchentliche Bildungsangebote, Projekte werden geplant und umgesetzt, aber vor allem wird Glück als Haltung gelebt. „Wir haben nur tolle Erfahrungen gemacht“, erzählt Miriam Roser von der Jugendhaus-Gesellschaft: „Alle fangen einfach an zu strahlen. Und das ist auch unsere Aufgabe in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Räume schaffen, in denen Kinder erfahren, wer sie sind, was sie können, was sie wollen oder auch nicht.“

Auch die Lehrer sollen vom Unterrichtsfach profitieren

Aber nicht nur die Schülerinnen und Schüler profitieren vom Schulfach „Glück“. Auch für Lehrerinnen und Lehrer, davon ist Myriam Meier überzeugt, ist die einjährige, in zwölf Module aufgeteilte Fortbildung zum Glückslehrer in jedem Fall ein Gewinn: „Auch die Lehrerinnen und Lehrer sind gesünder, haben eine höhere Identifikation mit ihrem Beruf, sind zufriedener, belastbarer und resilienter.“

Das Interesse am Unterrichtsfach „Glück“ ist groß. In Bayern ist es sogar schon flächendeckend eingeführt, heißt dort aber nicht immer „Glück“, sondern auch „Persönliche Entwicklung“. Mittlerweile gibt es 28 Weiterbildungseinrichtungen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, die sich auf Ernst Fritz-Schubert beziehen. Einziger Wermutstropfen: Die Teilnehmerinnen müssen bisher die Kurskosten – immerhin 2400 Euro – meist aus der eigenen Tasche bezahlen.

„Glück“ ist auch in der Kolping-Bildungswelt angekommen

Dafür hat Myriam Meier kein Verständnis: „Es kann eigentlich nicht sein, dass die Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder, die ja nun einmal unsere Zukunft sein werden, vom finanziellen Engagement einzelner Lehrkräfte abhängig ist. Das müssen wir ändern. Denn sonst dürfen wir uns nicht wundern, wenn das System kaputt geht.“ Immerhin, ein gewisses Umdenken stellt die Glückslehrerin mittlerweile fest: „In Einzelfällen kommt es schon vor, dass die Arbeitgeber die Kosten übernehmen.“

Auch in die Kolping-Bildungswelt ist das „Glück“ mittlerweile eingezogen. Seit dem Schuljahr 2022/2023 wird an der Kolping-Fachschule für Sozialpädagogik in Stuttgart das Fach „Glück“ angeboten. Die Sozialpädagogin Melanie Popp, selbst Schülerin bei Myriam Meier, hat dort ihre Angebote „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und „Gesundheit“ um das Fach „Glück“ erweitert und hält dieses „geradezu für ein Muss“ in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern, um sie auf die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Eltern vorzubereiten.

Ziel ist es, die Impulse aus dem Unterricht mit ins eigene Leben zu nehmen

Melanie Popp: „Die Schülerinnen und Schüler lernen, dass das Glück nicht vom Himmel fällt, sondern dass das Glücksempfinden persönlich und beeinflussbar ist. Sie lernen auch, wie sie das eigene Glücksempfinden beeinflussen können und dass das eigene Wohlbefinden besonders hoch ist, wenn man im Leben einsetzt, was man wirklich kann und in der Gruppe dazu ein wertschätzendes Feedback bekommt.“ Wenn es also den Schülerinnen und Schülern gelinge, die Impulse aus dem Unterricht in das eigene Leben zu übertragen, stiegen deren Selbstwertgefühl und das Gefühl, dass sie in der Lage sind, das eigene Leben in den Griff zu bekommen.

Für Myriam Meier ist das „Glück“ mittlerweile zur Lebensaufgabe geworden. Die Stunden, die sie für ihre Überzeugung opfert, will die zweifache Mutter lieber nicht zählen. Die Energie dafür tankt sie aus ihrer Überzeugung: „Ich glaube, das Fach ‚Glück‘ ist eine der Antworten auf die Frage nach der Zukunft der Schule.“

Der Ausbildungsweg zum „Glück“

Unterrichtsfach
Prinzipiell ist das Fach „Glück“ nicht auf Grundschulen beschränkt, sondern kann für Schülerinnen und Schüler jeder Altersgruppe angeboten werden. Die Weiterbildung zur Glückslehrerin erstreckt sich über ein Jahr, aufgeteilt in zwölf Module. Mit dem Abschlusszertifikat „Glückslehrer“ des Fritz-Schubert-Instituts erwirbt man die Lehrbefähigung für das Schulfach „Glück“.

Kontakt
Myriam Meier, die Inhaberin von Glücksschritte, veranstaltet ihre Seminare in Stuttgart, München und Erfurt. Termine finden sich unter https://gluecks-schritte.de/weiterbildung/.