Ein Schultes entsteigt den Fluten: Jochen Müller, völlig durchnässt. Foto: Stoppel

Ein bisschen Spaß muss in in diesen pandemiegeplagten Zeiten sein: Bürgermeister Jochen Müller hatte einen besonderen Grund, im feinen Zwirn per formvollendetem Kopfsprung ins Freibad zu hüpfen.

Fellbach - Es ist schon erstaunlich, welch eigentümliche Aktionen Aufmerksamkeit erregen. Beispielsweise, indem etwa Frauen an einem Miss-Wet-T-Shirt-Wettbewerb mitmischen, der ihnen gewisse Publicity beschert, weil der Anblick die männlichen Betrachter ganz wuschig macht.

 

Doch das war früher. Schließlich sind in Zeiten der Emanzipation, der MeToo-Debatten und Gendersternchen solche Zurschaustellungen weiblicher Proportionen, bestens sichtbar dank nasser Oberbekleidung, nicht mehr opportun. Aber was für Frauen gilt, muss für Männer ja nicht bindend sein. Dies belegt eine Aufnahme vom vergangenen Wochenende, die offenbart, was auch Dorfregenten so alles abverlangt wird.

Lachender begossener Pudel

Schauplatz des aufs Foto gebannten denkwürdigen Vorgangs ist das Freibad in Korb. Einerseits wie ein begossener Pudel, andererseits laut lachend entsteigt den Fluten kein geringerer als der dortige Schultes. Doch was soll diese Showeinlage von Bürgermeister Jochen Müller? Womöglich hängt das freudige Bad im kühlen Nass zusammen mit Müllers erst vor wenigen Tagen begangenen 40-Jahr-Jubiläum im öffentlichen Dienst, inklusive Gratulationsrede und Lobpreisung durch Rems-Murr-Landrat Richard Sigel? Der schwärmte: „Sie sind geradlinig und tragen das Herz am richtigen Fleck!“

Doch jetzt trägt Müller vor allem den nassesten Anzug der Verwaltungsgeschichte. Warum opfert einer seinen feinen, blauen Zwirn? Nun, Müllers Wassereinsatz hängt mit einem anderen, einem Wetteinsatz zusammen: Am Wochenende spielten Thomas Stiefel und Andreas Schwartz im Korber Freibad jenes Schokokussfangen nach, mit dem sie im ZDF vor einem Millionenpublikum bei „Wetten dass?...?“ bereits am 13. November 1999 reüssiert hatten. Müller, damals schon sechs Jahre im Amt, hatte seinerzeit selbst den siegreichen „Wettkönigen“ zu Hause den gebührenden Empfang bereitet.

Ohne Badehose, dafür im Anzug

Und nun also auf ein Neues. Stiefel als Werfer und Schwartz als Mund-Fänger bewiesen, dass sie nichts verlernt haben, selbst als die Schaumküsse bei Windböen über die Breitseite des Beckens flogen. Als Wettpate im ZDF fungiert hatte damals der Rennfahrer Heinz-Harald Frentzen, der auf Anraten seiner Gattin als Einsatz angeboten hatte, seine Koteletten abrasieren zu lassen. Diesmal stellte sich Müller als Wettpate zur Verfügung. Der Bürgermeister hat keine abzurasierenden Koteletten. „Du lässt deine Haare, wie sie sind“, mahnte seine Gattin. So offerierte der Schultes: „Ich springe ohne Badehose ins Bad“, was zunächst ein leichtes Geraune verursachte, ehe er ergänzte: „Ich lasse den Anzug an.“

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Müller setzte natürlich patriotisch aufs Gelingen der Kussfangwette. Als das schleckige Duo jetzt tatsächlich gewann und somit Müllers Einsatz gar nicht mehr notwendig gewesen wäre, erkannte Müller eine gewisse Enttäuschung am Beckenrand über seinen nun nicht mehr erforderlichen Wassergang. Spontan entledigte sich der 59-Jährige seiner Krawatte, seiner Slipper, seiner Socken, kletterte aufs Einmeterbrett und hechtete mit schwungvollem Anlauf in die Fluten – formvollendet wie ein Olympiakrauler. Müller selbst sieht darin keine besondere Leistung: „So nen Spicker krieg ich schon noch hin“, erklärt er anderntags. Nach ein paar Zügen hatte er jedenfalls die Leiter erreicht und kraxelte unter dem Applaus und lautem Gejohle der Freibadbesucher patschnass die Ausstiegssprossen hoch.

Flugeinlage als Tagesgespräch

Dank zahlreicher gezückter Fotohandys ist Müllers sportliche Flugeinlage jetzt Tagesgespräch in Korb. „Aber der Anzug isch hinüber“, erklärt er auf Nachfrage. Allerdings: „Ich geb zu, das war nicht das neueste Modell, den hab ich schon länger als vier Wochen.“ Die Schuhe hatte er vorsorglich ausgezogen, „man hatte mir gesagt, dass es schwierig wäre, damit zu schwimmen.“

Müller jedenfalls, obwohl in der Regel sehr seriös auftretend und fast immer korrekt mit Anzug und Binder unterwegs, hat die Aktion trotz des Anzugverlusts Spaß gemacht. „Man muss schon aufpassen, so was kann man nicht jede Woche machen“, warnt er vor zu viel Schabernack. „Aber es gibt derzeit sehr viele ernste Dinge, da ist so ein kleiner Spaß auch mal nicht verkehrt.“