Sara Glojnarić Foto: Sara Glojnarić

An diesem Sonntag wird an der Stuttgarter Staatsoper die Oper ,,Station Paradiso“ uraufgeführt: eine musikalische Zeitreise durch die Geschichte der Stuttgarter Diaspora.

Mit 15 Jahren hat Sara Glojnarić schon Kompositionsunterricht genommen, zum Studieren wollte sie dann unbedingt an die Stuttgarter Musikhochschule wegen ihrer großen Neue-Musik-Tradition. Jetzt hat Glojnarićs – wie sie es nennt – Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause Premiere im Großen Haus.

 

Frau Glojnarić, mit „Station Paradiso“ wird am Sonntag an der Stuttgarter Staatsoper ein sehr ungewöhnliches Musiktheaterprojekt uraufgeführt, dessen Idee von Ihnen stammte. Worum geht es in Ihrer Oper?

Es geht darin um die Stuttgarter Diaspora, die aus den Gastarbeiterfamilien entstanden ist. Fast die Hälfte aller Stuttgarter:innen haben einen südosteuropäischen Migrationshintergrund. Der Reichtum der Stadt wurde mit ihnen aufgebaut. Sie kamen seit den späten 1960er Jahren aus der Türkei, Griechenland, Italien, dem ehemaligen Jugoslawien, also aus Kroatien, Serbien und Bosnien hierher. Es ist das erste Mal, dass die Migrationsgeschichte einer Stadt auf der Bühne eines Opernhauses landet – als eine Zeitreise von den 1960er Jahren bis ins Heute.

Das Libretto von Tanja Šljivar beruht auf vielen Interviews mit Betroffenen.

Ja, es waren 27 Gespräche, die ich mit Menschen, die oder deren Familien sich im Stuttgarter Raum seit den 1960er Jahren angesiedelt haben, geführt habe. Es waren sehr berührende, oft traurige, traumatische, aber auch humorvolle Geschichten, die ich gehört habe. Die Autorin Tanja Šljivar hat aus diesem Material ein episodisch gebautes Libretto gemacht. Aber nicht dokumentarisch, sondern als ein Sample aus vielen Erzählungen, die dann auch medial miteinander verwoben werden, denn es gab sehr viele Überschneidungen. Es ging immer auch um den schmerzhaften Spagat zwischen der Heimat und dem Ort, an dem man sich aktuell befindet. Dieser Spagat ist das zentrale Thema dieser Oper. Wo ist denn das „Paradies“? Im Land, das wir verlassen haben, oder dort, wo wir jetzt ein neues Leben aufgebaut haben?

Sie nennen „Station Paradiso“ eine „Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause“. Was hat es damit auf sich?

Am Beginn unserer Recherchen stand eine Kassette, auf die wir in der Dauerausstellung des Stuttgarter Stadtpalais gestoßen waren. Auf der steht „Neapel 76“. Man hört darauf eine Familien-Weihnachtsfeier: Die Oma singt Lieder, die Kinder rezitieren Gedichte. Uns war sofort klar, dass noch viel mehr solcher Tonträger als Erinnerung an die Heimat existieren müssen. Viele meiner Interviewpartner:innen besaßen dann tatsächlich solche Kassetten oder CDs. Sie sind alle in die DNA des Stücks eingegangen – als Text, in die Inszenierung oder in die Musik.

In „Station Paradiso“ nimmt ein Busfahrer eine Reisegesellschaft mit auf eine Fahrt von Stuttgart entlang der ehemaligen Europastraße 5 nach Neapel und wieder zurück. Warum?

Diese Strecke dient als Verbindung zwischen den Erzählungen. Sie war die legendäre „Gastarbeiterroute“, auf der seit den 1960er Jahren Millionen Menschen im Sommer in den Heimaturlaub fuhren – mit voll beladenem Auto, Richtung Jugoslawien, Türkei, Griechenland oder Italien. Alle Interviewpartner:innen können sich an solche Reisen im Sommer erinnern. Die Fahrten waren sehr lang, man hörte viel Musik, um sich auf das Ankommen in der Heimat vorzubereiten. Lieder aus der Heimat wurden so zum Soundtrack der Reisen. Zuhause dienten sie dann der Erinnerung. Es war oft dieselbe Musik, die in den Autos lief. Die italienischen Familien hörten Pino Daniele, die türkischen Orhan Gencebay, die kroatischen Oliver Dragojević. Es gibt eine Szene in der Oper, in der aus diesem Klangpool zitiert wird, wenn der Busfahrer statt eines Fahrscheins einen Song aus der Heimat verlangt. Als wir diese Szene geprobt haben und ein Song von Dragojević erklang, lagen sich unsere kroatischen Ensemblemitglieder Diana Haller, Martina Mikelić und Goran Jurić plötzlich in den Armen und haben mitgesungen. Das ist genau die Energie, die Musik freisetzen kann.

Was erwartet das Publikum am Sonntag ansonsten musikalisch?

Technisch sehr Anspruchsvolles. Wir werden die volle audiotechnische Kapazität des Opernhauses nutzen, ihr hervorragendes Surroundsystem. Es gibt Gesang, Orchester, drei live gespielte Synthesizer im Graben, dazu Tonbänder, Samples, Elektronik. Alles wird per Clicktrack synchronisiert. Die akustische Wirkung ist immersiv.

Wie kamen Sie eigentlich zum Komponieren?

Ich habe damit früh angefangen. Meine ersten kompositorischen Versuche fanden im digitalen Raum statt. Mein Papa ist IT-ler, und bei uns zuhause liefen immer 20 Computer gleichzeitig, alles hat nach Computer gestunken. (lacht) Mein Papa hatte damals die Software Magix Music Maker, und dazu gab’s auf CD einen bunten Mix aus Samples – Jazz, Pop, Rock. Man konnte die Bestandteile dieser Samples dann wie Lego zusammenbauen. So habe ich das erste Gespür für Zeit, Form, Dramaturgie, vor allem für gleichzeitig ablaufende Vorgänge entwickelt. Als ich zwölf war, hatte ich das große Glück, dass mein damaliger Klavierlehrer erkannt hat, dass ich Lust hatte, zu komponieren. Er hat mir dann beigebracht, wie man Musik aufschreibt. Ab 15 habe ich dann Kompositionsunterricht genommen, und mit 18 begann dann mein Kompositionsstudium an der Musikakademie Zagreb.

Sie sind dann nach Stuttgart gewechselt. Wie kam es dazu?

Ja, ich wollte unbedingt an die Stuttgarter Musikhochschule wegen ihrer großen Neue-Musik-Tradition. Sie ist weltweit bekannt für Cutting Edge Musik, also besonders innovative, experimentelle Musik. Eigentlich wollte ich hier nur für zwei Semester studieren. Aber dann bin ich geblieben. Es war die richtige Entscheidung. In Kroatien habe ich das kompositorische Handwerk gelernt, in Stuttgart habe ich mich künstlerisch entwickelt. Es war eine sehr glückliche Zeit. Aber auch eine sehr harte. Meine Familie lebt ja weiterhin in Kroatien. Und ich bin hier in Deutschland. Immer zwischen zwei Welten. Mein Herz ist zweigeteilt. Deshalb ist das Thema der Oper auch meins.

Info

Vita
Sara Glojnarić, geboren 1991 in Zagreb, studierte Komposition an der Musikakademie Zagreb sowie an der Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Sie lebt und arbeitet als freischaffende Komponistin seit 2023 in Leipzig. Sie komponiert in unterschiedlichsten Musikstilen und setzt sich mit der Popkultur, deren Ästhetik und den damit verbundenen soziopolitischen Fragestellungen auseinander. Ihr Werk umfasst unter anderem Opern, Orchesterwerke, Kammermusik und Videokunst. Sie wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter der Ernst-von-Siemens-Förderpreis (2023) sowie der Kompositionspreis der Stadt Stuttgart (2024).

Premiere
Die Uraufführung „Station Paradiso“ in der Stuttgarter Staatsoper beginnt am Sonntag, 10. Mai, um 18 Uhr. Weitere Vorstellungen im Mai und Juni.