Start vor vollen Zuschauerrängen: Auf der Achtelmeile röhren die Motoren. Foto: /Simon Granville

Beim Bikertreff Glemseck 101 geht es natürlich um schwere Maschinen und viel PS. Aber es ist noch vieles mehr, das die 50 000 Menschen an den Stadtrand von Leonberg lockt.

Glemseck 101? Ein Fall ausschließlich für die glühenden Fans heißer Öfen und röhrender Motoren? Durchaus nicht. Das Motorradtreffen am Stadtrand ist längst zur größten Party von Leonberg avanciert. Hier treffen sich Jung und Alt: Jede Menge Biker aus ganz Europa, aber auch viele Menschen, die einfach die friedliche und fröhliche Atmosphäre genießen und staunen möchten. Rund 50 000 Leute sind an einem Wochenende unterwegs. Zu sehen bekommen sie wahrlich genug. Ein Rundgang.

 

Landesstraße 1187

Die Straße zwischen der Autobahnabfahrt Leonberg-Ost und dem Glemseck ist ein riesiger Basar. Hier reiht sich Stand an Stand: vom vietnamesischen Streetfood, über ein Info-Zelt der Polizei, bis hin zu jeder Menge Buden mit Devotionalien oder schweren Maschinen – etwa der legendären Boss Hoss.

Thomas Zenner auf einer Yamaha XS 650 von 1987, vor dem VW-Bus Sohn Kai. /Foto: Granville

Zwischendrin steht ein äußerst betagt ausschauender VW-Bus: Der ist in der Tat aus dem Jahr 1967, klärt Thomas Zenner auf. Der Saarländer ist mit seinem Sohn Kai und einigen Kumpels Stammgast am Glemseck. „Das ist noch der erste Lack“, sagt er stolz mit Blick auf den Bus. „Da ist nichts dran gefriemelt.“ Lediglich der Motor entspreche der heutigen Alltagstauglichkeit. Die Männer fühlen sich in Leonberg sauwohl, nur ihr Bier bringen sie lieber aus der Eifel mit.

Zur Not auch Stuttgarter Bier: Biker aus Relingen im Saarland. Foto: Simon Granville

Zeltplatz

An Craig Messmer kommt keiner vorbei. Der Mann vom Leonberger THW steht an der Einfahrt zum Zeltplatz hinter dem Hotel. Jahr für Jahr, er weiß nicht mehr seit wann, kassiert er von ankommenden Bikern die Gebühren. 25 Euro pro Wochenende und Zelt. Hier sind nur Leute mit Motorrädern zugelassen. Wer mit Wohnmobil oder Wohnwagen anreist, muss mit dem Parkplatz draußen Vorlieb nehmen.

20 Euro für eine Nacht, 25 Euro für zwei: Zahlstelle am Zeltplatz. Foto: Granville

Die Zwei- bis Dreimann-Zelte stehen dicht an dicht. Die Szenerie erinnert an Rockfestivals à la Woodstock. Platz zum Verweilen finden aber alle. Silvia Eicher und Thomas Bernstein („wie das Zimmer“) aus Hofheim am Taunus zum Beispiel. Sie ist mit dem Motorrad gefahren, er mit dem Auto. Beide finden es supercool hier, Thomas hätte sich allerdings eine bessere Ausschilderung zu den Parkplätzen gewünscht.

Cool hier: Silvia Eicher und Thomas Bernstein aus Hofheim am Taunus. Foto: Simon Granville

Keine Orientierungsprobleme hat ein Freundeskreis aus Ulm, der schon seit Jahren nach Leonberg kommt und die besten Schattenplätze kennt. Auch eine saarländisch-schwäbisch-britische Gruppe besteht vornehmlich aus Glemseck-Insidern. Patrick, Ed, David, Jessy und Chrissie haben sich hier zufällig kennengelernt. Die Freunde aus Illingen bringen sich lieber ihr eigenes Bier mit; David aus Brighton ist vom schwäbischen Pils durchaus angetan.

Die Glemseck-Routiniers aus Ulm kennen die besten Schattenplätze. Foto: Simon Granville

Leonberger Hundehütte

Ist der Leonberger Hund wirklich aus Leonberg? Diese Frage bekommen Nadja Reichert, Daniela Hofmann und Adriana Wenger dauernd zu hören. Die Citymanagerin und ihre Kolleginnen präsentieren in der „Leonberger Hundehütte“ die Schönheiten der Stadt. Dazu zählen vor allem die großen wie knuffigen Vierbeiner. Eine lebensgroße Nachbildung mit Rocking Dog-Bandanas, einem Schaltuch, ist eines der beliebtesten Fotomotive. „Der ist tausendfach fotografiert worden“, sagt Nadja Reichert.

Passt: Das Saarland, England und Schwaben treffen aufeinander. Foto: Simon Granville

Extra fürs Festival hat die Stadt eine Edition mit dem rockenden Hund als Motiv aufgelegt, entworfen vom Leonberger Grafiker Stephan Schwarz. Es gibt T-Shirts, Tassen, Fächer, Bierdeckel und Klebe-Tattoos. Ein Renner sind die Leonberg-Liegestühle, die sogar per Fahrrad abtransportiert werden.

Groß ist die Verzückung bei den Gästen freilich, wenn die Parade-Hunde in echt zu sehen sind. Die Züchter Melanie und Ralph Kaisser kommen immer mal wieder mit zweien ihrer Leos am städtischen Blockhaus vorbei. Wasser muss dann reichlich vorhanden sein. Die Tiere haben noch mehr Durst als die Menschen.

Der Hund rockt: Daniela Hofmann und Nadja Reichert mit Leo-Souvenirs. /Simon Granville

Auf der Achtelmeile

Natürlich darf der Blick auf das Herzstück des Bikertreffens nicht fehlen: die berühmt-berüchtigte Achtelmeile. Hier steigen die Sprints – so rasant, dass man ihnen kaum folgen kann. Zum Auftakt geht traditionell der Leonberger Oberbürgermeister an den Start. Doch diesmal muss sich Martin Georg Cohn auf einer BMW R18 mit dem zweiten Platz begnügen. „Ich habe falsch geschaltet“, sagt er. „Ist nicht schlimm.“

Top-Motiv: der Leonberger Hund mit Brille und Bandanas. Foto: Simon Granville
Sonst ist auch der Landrat stets als Fahrer dabei. Jetzt konzentriert sich Roland Bernhard darauf, eine legendäre Royal Enfield Interceptor 650 vorzustellen, die zugunsten der Hilfe für Gewaltopfer im benachbarten Seehaus verlost wird.
Kurz vor dem Start: Der Leonberger OB Martin Cohn mit der BMW R18. Foto: Simon Granville

Der Rest ist Party. „Wir sind in bis 3 Uhr in der Nacht zugange“, sagt Matze Groß vom SV Leonberg/Eltingen, dessen Grillteam die Hungrigen mit Speis und Trank versorgt.

Mit Gottes Segen: Biker-Pfarrer Jürgen Schwarz auf der Achtelmeile. Foto: Simon Granville