Ein erster Zug rollt durch die Stuttgart-21-Tunnel. Statt Fahrgästen transportiert er allerdings lediglich weitere Schienen für das Projekt. Foto: Milankovic

Stuttgart 21 kämpft mit Kostensteigerungen, anhaltendem Protest und juristischen Auseinandersetzungen. Auf den Baustellen ist von alldem nichts zu merken. Dort ist der erste Zug durch das Tunnelgeflecht gefahren.

Stuttgart - Wer neue Bahnstrecken baut, darf nicht zart besaitet sein. In der Nacht zum Dienstag ist der erste Zug angekündigt, der durch einen Tunnel von Stuttgart 21 fahren soll. Die Fuhre, die von Kornwestheim kommend Schienen für das Milliardenprojekt via dem neuen Feuerbacher Tunnel anliefert, ist für Mitternacht avisiert. Doch zur Geisterstunde tut sich nichts. Weil der Schienentransport den übrigen Zugverkehr nicht behindern darf, verschiebt sich die Ankunft auf frühestens drei Uhr morgens. Das Grüppchen von Gleisbauern und DB-Mitarbeitern, das sich zu nachtschlafender Zeit im Stuttgarter Norden versammelt hat, ist für Witze über die bahnübliche Verspätung nicht empfänglich.

 

Die nächste Kostensteigerung steht vor der Tür

Diese drei Stunden sind auch so gut wie nichts, wenn man sich die Verzögerungen anschaut, die das Gesamtprojekt mittlerweile vor sich herschiebt. Nach kühnen Voraussagen aus der Vergangenheit hätten 2008 die ersten Züge rollen sollen. Noch ist die mit dem Bau betraute Bahn-Projektgesellschaft PSU zuversichtlich, es bis 2025 hinzubekommen, allerdings machte jüngst auch schon die Jahreszahl 2026 die Runde. Als ausgemacht gilt mittlerweile, dass die 8,2 Milliarden Euro, die noch als offizielles Budget gelten, nicht reichen werden. Derzeit lässt die Bahn nochmals nachrechnen, es dürfte wohl eine weitere Milliarde dazukommen.

Den Gleisbautrupp, der im nächtlichen Feuerbach ausharrt, fechten Überlegungen zum Zeit- und Kostenplan nicht an. Die Männer wollen ihren Auftrag erledigen. Und der lautet in dieser Nacht: Schienen anliefern. Dass dabei etwas Besonderes geschieht, ist den meisten nicht bewusst, oder es bewegt sie nicht sonderlich. So auch den Lokführer, der lieber nicht namentlich erwähnt werden möchte, obwohl er es ist, der den ersten Zug durch einen der Stuttgart-21-Tunnel fährt. Er sei überrascht, wie weit er mit seiner Fuhre schon auf der neuen Strecke fahren könne. Dass er damit eine Premiere hinlegt, war ihm zu Dienstbeginn nicht bewusst. Mehr ist ihm nicht zu entlocken.

Die Projektgegner demonstrieren zum 600. Mal

Deutlich mitteilsamer sind da schon die Gegner des Projekts. Am Montag kommen die Stuttgart-21-Kritiker zur sage und schreibe 600. Montagsdemo zusammen. Coronabedingt wird das runde Protestjubiläum allerdings ins Internet verlagert. Die virtuelle Zusammenkunft steht unter dem erprobten Motto „Ihr kriegt uns nicht los, wir euch schon!“. Unter anderem wird der Kabarettist Gerhard Polt seine Sicht der Dinge darlegen. Auch wenn die Protestveranstaltungen nicht mehr den Zulauf wie zu Hochzeiten der Auseinandersetzung genießen, so beeindruckt doch schon die schiere Zahl an Wiederholungen.

Der lange Atem wird sicherlich auch dadurch begünstigt, dass die Bahn zwar auf ihrer Baustelle am Bahnhof selbst spürbar das Tempo angezogen hat. Und auch wenn am zurückliegenden Wochenende die mittlerweile 19. von 28 Kelchstützen, die einmal das Dach der Bahnsteighalle bilden werden, in Beton gegossen wurde, so ist angesichts der Baustellenwüstenei schwer daran zu glauben, dass in gut dreinhalb Jahren im Untergeschoss Fahrgäste in ihre Züge steigen werden, während oben Gras über den Bahnhof wächst. Der Zeitplan bleibt angespannt. Eigentlich hätten im März die Arbeiten an den Oberlichtern auf den Kelchstützen, den sogenannten Lichtaugen, begonnen werden sollen. Dem Vernehmen nach wird das aber nicht vor Herbst so weit sein.

Den Reisenden wird unterdessen künftig die Möglichkeit eröffnet, die Baustelle ausführlich und aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Die sich abzeichnende neue Wegeführung zu den Gleisen, die im Frühjahr in Betrieb gehen soll, ist vor allem eines: ein gewaltiger Umweg.

Juristische Auseinandersetzungen gehen weiter

Und dann ist da noch der nicht nachlassende Eifer einiger, vor Gericht offene Fragen im Zusammenhang mit dem Projekt zu erörtern. Jüngstes Kapitel in der langen Geschichte juristischer Fingerhakeleien: Gegner und Bahn sind sich uneins darüber, ob ein einstmals vor dem baden-württembergischen Verwaltungsgerichtshof zwischen den Parteien geschlossener Vergleich erfüllt ist oder nicht. Darin geht es um die Forderung der projektkritischen Gruppe „Ingenieure 22“, Einblick in eine Evakuierungssimulation zu erhalten. Die Bahn ist der Ansicht, alle geforderten Papiere vorgelegt zu haben, die Kläger sehen sich aber hingehalten und wollten ihrer Forderungen Nachdruck verleihen, indem sie gerichtlich Zwangshaft gegen den PSU-Chef Olaf Drescher erwirken wollten. Das sah das Verwaltungsgericht Stuttgart anders – weswegen die Kläger abermals vor den Verwaltungsgerichtshof weiterziehen. Die Bahn ihrerseits wollte sich vom selben Verwaltungsgericht nicht nachsagen lassen, der Vergleich sei nicht erfüllt, und hat deswegen zum Instrument der Vollstreckungsabwehrklage gegriffen. Ein Fest für Freunde juristischer Finessen.

Den Normalbahnpassagier dürften unterdessen ganz andere, weiterhin im Zusammenhang mit Stuttgart 21 offene Fragen umtreiben. Etwa die Anrainer der Gäubahn, also der Strecke von Stuttgart Richtung Schwarzwald, Bodensee und Nordschweiz. Die soll anders als heute künftig über den neuen Halt am Flughafen und an der Messe geleitet werden. Auf welchem Weg das geschieht, ist weiterhin offen. Und damit ist auch unklar, wie lange die im Raum stehende Unterbrechung der Strecke dauern wird, bis die neue Trasse fertiggestellt ist. Neuen Schwung in diese Diskussion dürfte der Aufstieg des FDP-Politikers Michael Theurer zum Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium gebracht haben. Der Liberale war in seiner langen politischen Karriere auch schon mal OB der Gäubahnanrainerstadt Horb am Neckar. Das Amt brachte auch den Vorsitzenden im „Interessenverband Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn“ mit sich. In dieser Eigenschaft sprach er sich deutlich gegen eine allzu lange Unterbrechung aus. Angesichts des politischen Gewichts eines Staatssekretärs dürfte der Druck auf die Bahn steigen, dass Gäubahnthema noch einmal mit besonderer Aufmerksamkeit zu bedenken.

Gleisbau Richtung Bad Cannstatt beginnt

Und nebenbei muss ja auch weitergebaut werden. Mittlerweile ist es kurz nach vier Uhr in der Früh, und der Premierenzug hat seinen Bestimmungsort erreicht. Tief unter dem Kriegsberg werden die 120 Meter langen Schienenstücke abgeladen. Die nicht ganz einfache Arbeit geschieht unter den wachsamen Augen von Marius Frenz, der für das Bauunternehmen Eiffage arbeitet, das diesen Abschnitt des Gleisbaus verantwortet. Insgesamt sind am frühen Dienstagmorgen Schienen mit einer Gesamtlänge von 5000 Metern, die zusammen 300 Tonnen wiegen, transportiert worden. Damit soll in den kommenden Tagen der Gleisbau Richtung Bad Cannstatt beginnen. „Dass heute der erste Zug durch einen Tunnel von Stuttgart 21 gerollt ist, ist ein tolles Gefühl“, sagt Frenz. Das ganze Hickhack ist da für einen Moment sehr weit weg.