Barrierefrei: der Bahnhof in Freiberg am Neckar nach dem groß angelegten Umbau. Foto: factum/Simon Granville

Eckart Bohn hat sich seit 2015 als ehrenamtlicher Inklusionsbeauftragter des Kreises für die Teilhabe behinderter Menschen eingesetzt. Jetzt wird die Stelle hauptamtlich besetzt. Im Interview erzählt Bohn, was aus seiner Sicht gut läuft – und was noch nicht.

Ludwigsburg - Demnächst bricht Eckart Bohn seine Zelte im Ludwigsburger Landratsamt altershalber ab. Dort hat sich der Ruheständler im Unruhestand, der selbst kein Handicap hat, in den vergangenen fünf Jahren für die Belange behinderter Menschen im Kreis eingesetzt. „Inklusion ist kein Selbstläufer“, sagt Bohn. Vor allem bei den Themen Wohnen, Straßenbau oder Stadtgestaltung sei noch viel Handlungsbedarf.

Herr Bohn, die UN-Behindertenkonvention ist rund zehn Jahre alt. Auf den Landkreis bezogen: Was hat sie für Menschen mit Behinderung bewirkt?

 

Inklusion ist kein Selbstläufer. Es ist oft ein zäher und langwieriger Prozess, der alle angeht. Es gilt, Menschen so zu nehmen wie sie sind, zum Beispiel zu akzeptieren, wenn manche Dinge etwas länger dauern. Behinderte Menschen wissen inzwischen, dass sie die gleichen Rechte haben wie ihre nicht behinderten Mitmenschen und fordern dies ein etwa beim Thema Wohnen oder beim Thema Arbeit. Im Sport haben sich selbstbewusste Sportler mit Behinderung selbst durchgesetzt.

Sie hören nach fünf Jahren als Behindertenbeauftragter auf. Ihr Fazit?

Die UN-Behindertenkonvention, das Bundesteilhabegesetz und das Landesbehindertengleichstellungsgesetz mit der Installation von kommunalen Behindertenbeauftragten in jedem Land- und Stadtkreis haben die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten und nicht behinderten Menschen spürbar in Gang gesetzt. Die zunächst wohl wichtigste Voraussetzung, selbstständige Teilhabe möglich zu machen, ist die Herstellung von Barrierefreiheit jeglicher Art. Zum Beispiel im baulichen Bereich, ob Wohnungsbau, Straßenbau, Stadtgestaltung oder Planung eines Wohnungsumfelds muss Barrierefreiheit wichtiges Thema sein.

Am Zuschnitt der Stelle gab es immer wieder Kritik. Wie ließ sich das große Spektrum an Themen überhaupt im Ehrenamt bewältigen?

Bis zur Bestellung des ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten im Dezember 2015 durch den Kreistag gab es die berechtigte politische Diskussion um eine ehren- oder hauptamtliche Besetzung. Das Landesbehindertengleichstellungsgesetz lässt beides zu. Nach der Entscheidung gibt es bis heute eine vertrauensvolle, ungebrochene Zusammenarbeit mit allen Fraktionen, allen Institutionen und Ratsuchenden. Ich wurde überall freundlich, manchmal etwas neugierig aufgenommen. Inhaltlich habe ich keine Einarbeitung benötigt. Das Themenspektrum war mir aus meiner jahrzehntelangen beruflichen Tätigkeit bei der Arbeitsagentur und beim Kommunalverband für Jugend und Soziales hinreichend bekannt.

Wie weit und engagiert sind die Kommunen im Kreis in Sachen Barrierefreiheit – baulich, mental und virtuell?

In den Rathäusern ist angekommen, was Barrierefreiheit in ihrem Verantwortungsbereich heißt. Der Entwurf für die Fortschreibung des Nahverkehrsplans sieht zum Beispiel vor, dass alle Bushaltestellen im Landkreis barrierefrei zu sein haben. Viele Kommunen sind in Vorlage getreten und haben entsprechende Gesamtplanungen verabschiedet. Stufenlose und gekennzeichnete Einstiege sind ja für alle Fahrgäste bequem und kundenfreundlich, nicht nur für Fahrgäste mit Bewegungseinschränkungen. Ein großes Problem ist die Wohnungsknappheit, insbesondere der Mangel an barrierefreien Wohnungen. Es wäre dringend geboten, dass die Landesbauordnung die barrierefreie Zugänglichkeit aller Wohnungen vorschreibt, zumindest im Geschosswohnungsbau.

Was muss noch angegangen werden?

Viel Handlungsbedarf gibt noch bei öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Sport- und Veranstaltungshallen oder Rathäusern. Im kommunikativen Bereich wurde begonnen, Websites, Formulare und Informationen sprachlich zu vereinfachen. Das ist wahrlich ein lohnenswertes Unterfangen, nicht nur für behinderte Menschen. Und in der Weiterentwicklung zur inklusiven Kita hat der Landkreis mit dem Angebot einer Rahmenvereinbarung und jährlichen Qualifizierungsseminaren eine Vorreiterrolle im Land übernommen.

Was hat Sie besonders herausgefordert – vielleicht auch mitgenommen?

Die Durchsetzung gleichberechtigter Teilhabe ist ein Paradigmenwechsel vom Versorgungsprinzip zum selbstbestimmten Handeln. Das erfordert Geduld, Verständnis und Hartnäckigkeit. Da ist kein Platz für Resignation, man freut sich über jede gelungene Hilfe auch im individuellen Bereich. Auch die Verwaltungen können ja nicht plötzlich einen Hebel umlegen und müssen sich die neue Denkweise zu eigen machen. Großartig ist, dass nahezu alle Initiativen und Verbände sich im Landkreis unter Federführung des Vereins Tragwerk zu einem Netzwerk Inklusion zusammengeschlossen haben. Die Akteure arbeiten inklusiv zusammen und organisieren im Lande einmalig in wunderbarer Zusammenarbeit alle zwei Jahre eine Nacht der Inklusion, um inklusives Zusammenleben lebendig zu machen.

Wie erleben Sie die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Menschen mit Behinderungen?

Behinderten Menschen fehlen in dieser Zeit ganz besonders persönliche Begegnungen, Gespräche, Besuche. Virtuelle Möglichkeiten sind kein vollständiger Ersatz für gemeinsame Unternehmungen. Dies gilt für Seniorinnen und Senioren in Pflegeheimen ebenso wie für Bewohner von Wohnheimen oder anderen Wohnformen behinderter Menschen und ist eine besondere Herausforderung für das Betreuungs- und Pflegepersonal. Die anhaltende Situation ist eine Inklusionsbremse ganz besonderer Art.

Aus Ihrer halben Ehrenamt-Stelle wird nun eine ganze hauptberufliche. Welche Themen werden für Ihre Nachfolgerin die dringlichsten sein?

Welche Schwerpunkte meine Nachfolgerin setzt, möchte ich gerne in vollem Vertrauen ihr selbst überlassen. Meine Beratung, so erwünscht, habe ich zugesagt.

Bohn geht

Eckart Bohn, Jahrgang 1943, stammt aus Dornstetten im Schwarzwald und ist gelernter und studierter Bankkaufmann (Studium in Berlin, Promotion in Stuttgart-Hohenheim). Er arbeitete unter anderem zehn Jahre beim Landesarbeitsamt als Referent im Reha- und Schwerbehindertenbereich und war Planungsamts-Chef beim Landeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern – heute der Kommunalverband für Jugend und Soziales. Bohn saß außerdem 30 Jahre für die SPD im Ludwigsburger Gemeinderat, 25 Jahre davon als Fraktionsvorsitzender, und sieben Jahre im Kreistag. Er baute den Ludwigsburger Mieterbund mit auf. Seit 2015 war er ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter für den Landkreis.

Lychacz kommt

Claudia Lychacz, Sozialarbeiterin und bisher in der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstelle für Menschen mit Behinderung im Landkreis tätig, ist 42 Jahre alt. Sie kennt die Hausforderungen und Themen ihrer neuen Aufgabe also aus der Praxis und ist schon vielseitig vernetzt. Zu ihrer fachlichen Expertise bringt sie ihre persönliche Expertise als sehbehinderte Frau mit – und ihren Blindenführhund. „Wir sind sehr froh, dass wir Frau Lychacz mit ihrer vielfältigen Erfahrung für das Amt gewinnen konnten und sind uns sicher, dass sie viele Impulse für Inklusion und die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung mitbringen wird“, sagt Landrat Dietmar Allgaier. Claudia Lychacz bekleidet die Stelle hauptamtlich. Der Kreistag hatte die Besetzung der Stelle Ende vergangenen Jahres beschlossen.