Nadine und Stefan Liebler aus Böblingen arbeiten beide 50 Prozent und kümmern sich abwechselnd um ihren Sohn. Doch um ihr Modell der Gleichberechtigung leben zu können, muss die Familie finanzielle Einbußen hinnehmen.
Nadine und Stefan Liebler aus Böblingen sind vor neun Monaten Eltern geworden. Beide wollten weiter arbeiten, sich aber auch um ihren gemeinsamen Sohn Ben kümmern. Deshalb haben sie sich für ein Familienmodell entschieden, das immer noch Seltenheitswert hat: Beide arbeiten 50 Prozent und wechseln sich tageweise mit der Betreuung ihres Kindes ab. Das Paar hat diesen Weg bewusst gewählt und ist sehr zufrieden mit der Entscheidung. Doch es gibt einen Haken: Mit ihrem Familienmodell bekommen sie sehr viel weniger Elterngeld, als wenn einer der beiden Vollzeit zu Hause bleiben würde, während der andere arbeiten geht. Ihre Arbeitsteilung ist vom Staat so einfach nicht vorgesehen, sagen die beiden.
„Ich glaube, viele Leute sind sich gar nicht darüber bewusst, dass Teilzeit für Vater und Mutter funktionieren kann“, sagt Nadine Liebler. Sich gleichzeitig um die Familie zu kümmern und zu arbeiten, sei in der breiten Gesellschaft als mögliches Familienmodell noch nicht angekommen. Doch für das Böblinger Paar ist die Aufteilung genau das richtige: „Man freut sich, wenn man abends heimkommt und andersrum ist es so, dass man sich am nächsten Tag wieder auf die Arbeit freut“, erzählt Nadine Liebler, die als Managerin bei Advantest arbeitet.
Im Elternteilzeitmodell sind die beiden finanziell benachteiligt
Wenn sie über ihr Familienmodell sprechen, sind die meisten ihrer Gesprächspartner zunächst begeistert. Doch kommt man auf die Finanzen zu sprechen, schwindet bei vielen die Begeisterung innerhalb kürzester Zeit: Denn aufgrund ihres Elternteilzeitmodells müssen die beiden monatlich auf mehr als 1000 Euro verzichten. Grund dafür ist, dass bei der Berechnung des Elterngeldes jede Person einzeln betrachtet wird und nicht der finanzielle Gesamtverlust der Familie. „Es geht nicht darum, prinzipiell mehr Geld zu bekommen, sondern darum, dass zwei Personen das gleiche an finanzieller Unterstützung bekommen, wie eine Person, die auf das Kind aufpasst“, sagt Nadine Liebler. Um ihr Modell der Gleichberechtigung leben zu können, muss die Familie also finanzielle Abstriche machen. Trotzdem sind sie von ihrer Entscheidung überzeugt: „Wir würden das jederzeit wieder so machen“, sagt Nadine Liebler. Beide genießen es, alle Entwicklungsschritte ihres Sohnes gleichermaßen miterleben zu dürfen.
Auch sonst fällt den beiden auf, dass beim Thema Elternschaft und Gleichberechtigung noch ziemlich viel Luft nach oben ist: Während Stefan Liebler oftmals hört, wie toll es sei, dass er sich um den gemeinsamen Sohn kümmert, spürt Nadine Liebler selten die gleiche Anerkennung: „Die Leute meinen das meistens wirklich nicht böse, aber ich denke dann immer: Ich unterstütze ihn ja auch“, sagt die 32-Jährige.
Wenn es um Teilzeitarbeit geht, bemerken die beiden ebenfalls Unterschiede im Umgang: Während Stefan Liebler auffällt, dass in Gesprächen automatisch angenommen wird, dass seine Ehefrau die anderen 50 Prozent der Zeit auf den Sohn aufpasst, wird Nadine Liebler mit der Frage konfrontiert, ob dann eine Nanny die restliche Zeit auf den neun Monate alten Ben Acht gibt. Ihre Antwort: „Nein, wir haben da keine Nanny, wir haben einen Vater.“
Stefan Liebler wünscht sich mehr Unterstützung für Väter
Doch nicht nur Nadine Liebler hat manchmal mit den Vorstellungen anderer Menschen zu kämpfen, was ihre Rolle als Mutter angeht. Auch Stefan Liebler merkt seit der Geburt seines Sohnes am eigenem Leib, dass die Rolle des Vaters innerhalb der Familie gesellschaftlich an vielen Stellen noch hinter der der Mutter ansteht. So war beispielsweise klar, dass seine Ehefrau nach der Geburt Mutterschutz bekommt. Er allerdings musste sich seinen Urlaub zusammensparen und war in der glücklichen Situation, dass sein Arbeitgeber vier Wochen Sonderurlaub genehmigte. „Mutterschutz braucht man – keine Frage – aber Väter könnten die Zeit auch gut gebrauchen“, sagt Nadine Liebler. In anderen Ländern werden Väter nach der Geburt freigestellt: In Österreich beispielsweise gibt es den „Papamonat“, den frischgebackene Väter vier Wochen lang in Anspruch nehmen können.
Selbst offizielles Infomaterial konzentriert sich meist auf Mütter
Als er sich vor der Geburt durch Broschüren und Infomaterial las, bemerkte Stefan Liebler außerdem, wie geschlechtsspezifisch die meisten Texte über Elternschaft noch sind: „Die meisten konnte ich kaum lesen, weil ich als Vater gar nicht angesprochen werde“, erzählt er. Das zieht sich vom Schreibstil bis hin zur ganz konkreten Anrede. „In einem Rezept stand beispielsweise drin: ‚Je nach Belieben der Mutter’“, erzählt Nadine Liebler und zuckt die Schultern.
Ben jedenfalls findet es ganz normal, dass er zwei Bezugspersonen hat, die sich gleichermaßen um ihn kümmern und knabbert fröhlich an einem Apfel, während er abwechselnd bei Mama und Papa auf dem Schoß sitzen darf. Ob sich ihr Familienmodell positiv auf das Verhalten ihres Sohnes auswirkt, können die beiden noch nicht sicher sagen. Doch er genießt es sichtlich, zwei Bezugspersonen zu haben: Mit Vergnügen pickt er sich die Person heraus, die ihn ins Bett bringen oder mit ihm spielen soll.