Auf der CMT zieht ein Gottesdienst Hunderte Besucher an – mit dabei ist Daniela Milz-Ramming. Die Ludwigsburgerin sorgt dafür, dass Kirche für Taube erlebbar wird.
Sonntagvormittag, kurz nach 9 Uhr am Westeingang der Landesmesse. Es ist der letzte Tag der CMT, vor den Zugangsschleusen haben sich bereits Warteschlangen gebildet. Kaum öffnen die Tore, strömen die ersten Besucher ins Atrium. Dort zieht ein ungewöhnlicher Auftakt die Aufmerksamkeit auf sich: Mitreißende Gospelrhythmen erklingen, binnen kurzer Zeit sammelt sich eine große Menschenmenge – später werden es auf mehr als 600 geschätzt. Der Gottesdienst bildet den Start eines ganztägigen Bühnenprogramms.
Auf der großen Atriumsbühne steht an diesem Vormittag Daniela Milz-Ramming. Neben einer groovigen Band, einem Chor voller spürbarer Begeisterung und kirchlichen Mitarbeitenden beider Konfessionen aus ganz Baden-Württemberg übernimmt die Ludwigsburgerin eine besondere Rolle: Sie übersetzt die religiösen Texte in Gebärdensprache.
In den vorderen Reihen verfolgen Mitglieder der württembergischen Gehörlosen-Community aufmerksam das Geschehen. „Wir nehmen die Vibrationen am Boden wahr, die gehen dann richtig in den ganzen Körper über“, freuen sich die tauben Gottesdienstbesucherinnen Dagmar Bathke und Angelika Stahl.
Der Auftritt auf der Messe ist für Daniela Milz-Ramming mehr als ein riesiger, musikalischer Gottesdienst. Für die Landespfarrerin für gebärdensprachliche Gemeindearbeit aus Ludwigsburg geht es darum, Kirche für taube Menschen sichtbar, erfahrbar und selbstverständlich zugänglich zu machen.
Schon als Schülerin für das Thema interessiert
Die Pfarrerin wurde bereits als Schülerin durch eine bekannte Jugendzeitschrift auf das Thema Taubheit aufmerksam, und es hat sie seitdem nicht mehr losgelassen. Wenige Jahre später bekam sie die Zulassung für ihren ersten Kurs in Gebärdensprache. Danach folgten weitere, darauf aufbauende, Kurse. Solch eine anspruchsvolle Sprache zu lernen bedeute viel mehr als Übung darin zu gewinnen, Wörter in Handbewegungen zu übertragen, sagt Milz-Ramming. „Die Bedeutung ergibt sich erst durch das Zusammenspiel von Mimik, Gebärde und Mundbild.“ Mit Mundbild ist dabei die Lippenform beim Sprechen gemeint.
„Gehörlose wachsen mit visuellem Denken auf und nehmen Dinge wahr, die Hörende nicht sehen“, erklärt Milz-Ramming. Trotzdem können diese auch den fröhlichen, kräftigen Gesängen im Gottesdienst viel abgewinnen. Insgesamt findet Milz-Ramming das Adjektiv „taub“ statt „gehörlos“ passender: „Gehörlos beschreibt ein Defizit, taub einen Zustand.“
Viel mehr als nur Gottesdienste
Wie bei jeder anderen Sprache kommt auch bei der Gebärdensprache der Punkt, an dem das theoretisch Erlernte in die Praxis umgesetzt werden muss. „Man hat uns gesagt: Geht raus und lernt Gehörlose kennen.“ Milz-Ramming nahm diesen Rat ernst und absolvierte nach dem Studium ihr Vikariat bei einem Pfarrer, der sich für Gehörlose engagierte.
Sie wird schließlich selbst evangelische Pfarrerin – und bleibt der Arbeit mit tauben Menschen treu. Heute ist sie hauptamtlich bei der Württembergischen Landeskirche als Gehörlosenseelsorgerin tätig. Das bedeutet, besonders an Sonntagen viel mit dem Auto unterwegs zu sein. Die Fachkräfte im Land sind rar, die Wege lang. Und so kann es durchaus vorkommen, dass Daniela Milz-Ramming an einem Sonntagnachmittag einen Gottesdienst in Oberschwaben gestaltet und am nächsten im Raum Heilbronn.
Auch außerhalb der Gottesdienste ist sie Ansprechpartnerin für taube Menschen: bei Taufen, kirchlichen Trauungen oder Beerdigungen. „Ich bin eine leidenschaftliche Lobbyistin für die Gehörlosen“, sagt Milz-Ramming. Was sie an dieser Arbeit besonders schätzt, ist das Familiäre: „Wir sind eine kleine Community und kennen uns alle untereinander, von Mecklenburg-Vorpommern bis Baden-Württemberg.“