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Wer die Technik überlisten will, muss manchmal unkonventionelle Wege beschreiten, findet unser Kolumnist Peter Glaser.

Stuttgart - Vor Kurzem ist in den USA ein Lied, das gar keines ist, in die Top 100 von Apples iTunes Store aufgestiegen. Es heißt „A a a a Very Good Song“ und besteht aus etwa zehn Minuten durchgehender Stille. Eigentlich ist es ein Hack, das heißt, die geschickte Umgehung einer nervigen Software-Macke. Die besteht darin, dass sich mancher Besitzer eines Autoradios oder Bluetooth-Lautsprechers, der sich seine Musik von einem Apple-Gerät holt, immer erst den Anfang des ersten Stücks auf seiner Playlist anhören muss, ehe er es schafft, den Aus-Knopf zu drücken und eine bedarfsorientierte Neuauswahl vorzunehmen oder die Liste mit dem letzten abgespielten Track fortzusetzen.

Es sind eben nicht alle Leute in ihren Hörgewohnheiten so orientiert wie Andy Warhol es in seinen Essgewohnheiten war. Der hat seine gesamte Kindheit hindurch zu Mittag immer ein Sandwich und eine Campbells-Dosensuppe gegessen. Ältere Zuhörer draußen an den Geräten werden sich im Übrigen noch an Zeiten erinnern, zu denen es im Fernsehen einen sogenannten „Sendeschluss“ gab – das Fernsehprogramm, liebe Kinder, hörte einfach auf, und es wurde die Nationalhymne gespielt, woraufhin der fernsehende Teil der Nation hektisch nach der Fernbedienung mit dem Aus-Knopf zu suchen begann.

AAAAA Klempnermeister Robert Rohr

Der New Yorker Social-Media-Fachmann Samir Mezrahi, der, wenn man so sagen darf: Komponist des „Very Good Song“, verschafft also nun monotoniegefährdeten Musikhörern mit seinem Hit die Möglichkeit, an der ersten Stelle der Playlist Ruhe einkehren zu lassen. Die vier „a“ am Anfang des Songtitels stellen sicher, dass das Ganze automatisch alphabetisch an die Topposition sortiert wird. Der Trick wurde schon zu Telefonbuchzeiten – antiquierte dicke Bücher aus Papier voller Telefonnummern, liebe Kinder – auf den Gelben Seiten oder bei Zeitungskleinanzeigen gern angewandt, um Gewerbetreibende unterschiedlichster Art auf die vordersten Listenplätze zu schieben: „AAAAA Klempnermeister Robert Rohr“.

Stille ist im Kommunikationszeitalter, in dem es nur so summt und brummt vor lauter Texten, Bildern und Tönen, ein hohes Gut. Ähnlich dem Ansatz von Samir Mezrahi wird die totale Mitteilungsverweigerung als kommerzielles und durchaus künstlerisches Konzept aber auch anderweitig erprobt. So hat der New Yorker Student Brett Banfe 371 Tage lang online geschwiegen und dazu eine eigene Website eingerichtet. Eine im Zeitalter der Informationsüberflutung vorbildliche Initiative, könnte man meinen. Aber die Online-Omertà gibt auch ein Bild für das moderne Schweigen, das sich rund um das raunende Internet herum im wirklichen Leben ausbreitet. Nach Erkenntnissen britischer Forscher beschränkt sich der Signalaustausch im Familienkreis mittlerweile überwiegend auf kurze Zurufe, Brumm- und Grunzgeräusche. Dem schweigenden Student Banfe wurde die Askese übrigens durch 20 000 Dollar erleichtert, mit denen der Handyhersteller Motorola ihn sponserte: Für die unumgängliche Kommunikation mit Lehrern und der übrigen Umwelt verwendete er jeweils ein Taschenpiepser-Modell des Unternehmens.

Das Schweigen des Boxers

Das Skandalöseste, das sich heute in einem Informationsmedium ereignen kann, sind Schweigen und Stille – Pausen, die nicht sofort pflichtschuldigst mit News oder sonstwie aufrauschendem Content bedeckt werden. Mutter dieser Art von „Very Good Song“ ist das Live-Interview mit dem Boxer Norbert Grupe alias Prinz von Homburg, das am 20. Juni 1969 im ZDF-Sportstudio ausgestrahlt wurde. Nach einer K.-o.-Niederlage beantwortet Grupe sämtliche Fragen des Moderators mit Schweigen.

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