Bei den Häusern der Zukunft könnte nicht nur die Fassade grün sein. Foto: dpa

Wie wäre es, wenn man Immobilien aus Samen wachsen lassen könnte? Mit dieser interessanten Frage beschäftigt sich unser Kolumnist Peter Glaser.

Stuttgart - Meine Wohnung hat mitbekommen, dass ich aus dem Büro schlechte Laune mitgebracht habe. Nun versucht sie mich aufzuheitern. Während ich durch die Zimmer gehe, bleibt der Fußboden immer genau unter mir eine ruhige Fläche, während er einen Schritt entfernt sanfte Wellen schlägt und elegant alle Möbel ausbalanciert. An der Wand verfolgt mich ein Farbmuster in Pastelltönen, asymmetrisch geschwungen wie in den sechziger Jahren. Die Wohnung kennt meine Vorlieben.

Durch ein Fenster sehe ich auf eine der Wohnanpflanzungen gegenüber. Sie wird von jungen Leuten bewohnt, die öfters vergessen, ihren Lebensraum zu gießen, weshalb dieser schon ganz braun geworden ist. Die sensorisch feinfühligen Biostrukturen versuchen unausgesetzt, sich den Wünschen der Bewohner anzupassen; umgekehrt sorgen die menschlichen Nutznießer dafür, dass ihr lebendes Habitat gedeiht – eine Symbiose. Wohnpflanzen konkurrierender Saatgutproduzenten agieren auf unterschiedliche, durch das Patentrecht oder in der Biowohnbaugesetz­gebung geregelte Weise.

Lärm lässt die Dämmung der Wände wachsen

Manches grüne Haus reagiert nur auf ein paar schlichte Standardstimmungen seiner Bewohner, ist dafür aber im Mietpreis moderat. Die Luxus-Hausgewächse sind verständnisvoll und hilfreich wie ein englischer Butler, gesundheitsfördernd wie ein guter Therapeut und regeln Nachbarschaftsprobleme, die früher oft zu Unfrieden geführt haben, durch selbstständige organische Prozesse. Auf Lärm aus einer Nebenwohnung etwa reagiert gutes biologisches Baumaterial durch rasches Dämmungswachstum der betroffenen Wände.

Es waren die zunehmenden Anforderungen an Dämmstoffe gewesen, die zu einer Entwicklung weg von synthetischen und hin zu nachhaltigen biologischen Baumaterialien geführt hatten. Während erst Hanf, Holzfaser oder Filz zum Einsatz kamen, änderte sich die Situation mit der Erfindung der lebenden Dämmpflanzen grundlegend. Mit ihnen verwandelte sich der Begriff der Immobilie – der unveränderlichen Behausung – in etwas vital Bewegliches. Mehr und mehr Baustoffe wurden lebendig. In den Labors entstanden Pflanzen mit künstlicher Intelligenz und sensorischer Sensibilität für Bewohnerbedürfnisse.

Zum Abendessen ein Pflanzenfilet aus dem Türrahmen

Und so wie soziale Netze umso besser funktionieren, je mehr persönliche Informationen die Nutzer preisgeben, entfaltet das Leben in einer Wohnpflanze seinen eigentlichen Komfort erst richtig, wenn man bereit ist, eine Symbiose mit dem Objekt einzugehen. Meiner Wohnung ist es inzwischen gelungen, mich in eine erfreulichere Verfassung zu versetzen. Teile von ihr sind essbar, und ich schneide mir aus einem Türrahmen, an dem ich in den letzten Tagen Geschmack gefunden habe, ein Pflanzenfilet fürs Abendessen. Zugleich justiere ich den Düngerkreislauf so, dass die abgeerntete Stelle bereits nach kurzer Zeit wieder nachgewachsen ist. Müll wird in dieser naturnahen Art von Architektur nicht mehr weggebracht, sondern einfach an die Wohnung verfüttert, die daraus selbstständig Nähr- und Kraftstoffe gewinnt.

Das außerordentliche Wohlempfinden, das Wohnpflanzen zu erzeugen imstande sind, zieht auch zuvor unbekannte soziale Phänomene nach sich. So ist ein Fall bekannt, in dem ein Ehepaar sich hat scheiden lassen, weil der eine Partner sich in die jugendlich grünende Wohnung verliebt hatte und der andere eifersüchtig wurde. Mir könnte so was nicht passieren. Denn wie die meisten Menschen habe ich gelernt, wie man seine Wohnung im Zaum hält – indem ich ihr zum Beispiel ein wenig schlechte ­Laune zum Spielen mitbringe.

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