In ihrer Autobiografie erobert sich Gisèle Pelicot ihr Leben aus einem Abgrund zurück, der sich nicht nur vor ihren Füßen geöffnet hat. Foto: AFP

Das Eliten-Netzwerk Jeffrey Epsteins scheint weit von den Kreisen entfernt, in denen Gisèle Pelicot zum Opfer der perversen Machenschaften ihres Mannes wurde. Doch das täuscht.

Manchmal enthüllt erst der Zufall der Gleichzeitigkeit Zusammenhänge zwischen Dingen, soweit sie auch voneinander entfernt liegen mögen. In diesen Tagen hat die Französin Gisèle Pelicot ein Buch veröffentlicht, das offenbart, was sich hinter der Fassade einer nach außen glücklichen Familie verbirgt: zu welchem teuflischem Doppelsinn der Begriff des liebenden Ehemanns fähig ist, welche widerwärtigen Abgründe er beleuchtet. Ein Mann, der seine Frau jahrelang mit Narkotika vergiftet, um sie zur Vergewaltigung an im Internet rekrutierte Sexzombies freizugeben. Es sind ganz normale Leute, dicke, dünne, aller Altersklassen, die den Körper Gisèle Pelicots zum Müllsack ihrer schmutzigen Fantasien gemacht haben. Über ihren Mann ragt das Unvorstellbare in prekäre Verhältnisse hinein, frühe Gewalterfahrungen, zerrüttete Familien, Armut.

 

Und damit zu dem Parallelgeschehen, soziale Lichtjahre von den gesellschaftlichen Kreisen entfernt, in denen die monströse französische Tragödie spielt. Hier sind es keine lüsternen Feuerwehrmänner, Krankenpfleger, Arbeitslose oder Rentner, die ein Elektriker in seinem überschuldeten Alterssitz auf seine wehrlose, betäubte Frau loslässt. Hier sind die Schauplätze Privatinseln, mondäne Stadtvillen, Luxusressorts, an denen Prinzen und Prinzessinnen, Spitzenpolitiker, Techmilliardäre, Wirtschaftsführer aus und ein gehen, Leute, in deren Händen die Mittel liegen würden, die Gesellschaft zu einem besseren Ort für alle zu machen.

Epstein-Files enthüllen die abstoßende Verkommenheit einer Elite

Doch wie der nun veröffentlichte Teil der Epstein-Files offenlegt, ist das Missing Link, das beide Sphären verbindet, ein nicht minder abstoßendes Ausmaß der Verkommenheit. Im Zentrum des Elitennetzwerks steht ein Sexualverbrecher, der seine oft minderjährigen Opfer nicht oder nicht nur mit sedierenden Substanzen, sondern mit Luxus, falschen Versprechen und Geld vergiftet hat. Nackt mögen seine Geschäftspartner, an die er die jungen Frauen vertickt hat, von jenen nicht zu unterscheiden gewesen sein, die Gisèle Pelicot vergewaltigt haben.

Und zur nackten Wahrheit tritt noch eine weitere Gleichzeitigkeit hinzu. Je schrecklicher beide Fälle die Triebstruktur einer fehlgesteuerten Maskulinität ins Licht setzen, desto mehr gewinnen Rollenmuster und rückwärts gewandte Strömungen an Boden, auf denen sie prächtig gedeihen. Darin gleicht der Kampf gegen Frauenhass und sexuelle Gewalt dem gegen den Klimawandel.

In ihrer Geschichte spiegeln sich trübe die Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse, die unsere Welt noch immer prägen, schreibt Gisèle Pelicot, Gewalt, schmutzige Geheimnisse, Traumata, Schweigen, das Nichtwahrhabenwollen. Entgegen der Pervertierung von Opfer- in Täterschutz im Umgang mit den Epsteindateien setzt Gisèle Pelicot aus eigenen Stücken auf radikale Offenheit. So wie ihr Mann ihren Peinigern in nackter Gestalt die Tür geöffnet hat, enthüllt sie schonungslos bis ins letzte Detail, was sie an ihr und ihrem Körper verbrochen haben – und erobert ihn sich so zurück. Denn mit der Scham wechselt das Bloßgestellte die Seite. Damit einher geht eine Resilienz, die die fatale Macht des männlichen Blicks bricht.

    Die offizielle Autobiografie der Frau, die das Schweigen brach

  • Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das Leben – Die Scham muss die Seite wechseln
  • Piper Verlag
  • 255 Seiten, 25 Euro

Diese Form der Selbstermächtigung ist unberührbar für perverse Millionäre und kleinbürgerliche Triebtäter. Nicht einmal die Macht über das Zerstörte will Gisèle Pelicot ihnen überlassen. Das ist der Sinn des irritierenden Titels eines Buches, das so viel Schreckliches an den Tag bringt: „Hymne an des Leben“. Es ist eine Hymne der Freiheit, die den Anspruch auf Glück nicht denen überlässt, die es mit Füßen treten.

Gisèle Pelicot schreibt ein Buch der Liebe

Man hat Gisèle Pelicot zur Ikone eines neuen Feminismus stilisiert. So sehr ihre Geschichte zeigt, wie viel es auf diesem Terrain noch zu erreichen gilt, so sehr unterschlägt jede noch so wohlmeinende Vereinnahmung das unbeirrte Versöhnungsangebot ihres Memoirs. Denn entgegen dem, was seine Autorin an sexuellen Pathologien erdulden musste, hat sie ein Buch der Liebe geschrieben.

Beim frühen Verlust der Mutter, zusammen mit dem in tiefer Trauer versunkenen Vater, spürte sie, „wie die Liebe uns einhüllte, eine unendliche Liebe, stärker als der Tod“. Dieses Gefühl hat sie nicht verlassen. Es geleitet sie durch die medialen Blitzlichtgewitter, die Beschämungsversuche gegnerischer Anwälte in der tiefen Überzeugung, „dass Männer und Frauen keine natürlichen Gegner sind, sondern dafür gemacht, zusammen zu leben.“ Und so endet, was den Blick in die Hölle ekelhafter Triebe freigeben hat, mit der Aussicht auf etwas Hoffnungsvolles. Für einen Neubeginn ist es nie zu spät.