Die Firma Silberform aus Weil der Stadt bildet in technischen Berufen aus – mit dem Girls’ Day will man bewusst Mädchen auf diese Möglichkeiten aufmerksam machen. Foto: Silberform AG/Juergen Mueller

Am 3. April finden der Girls’ Day und Boys’ Day parallel statt. Mädchen und Jungs sollen so einen Einblick in Berufe bekommen, die vom jeweils anderen Geschlecht dominiert sind.

Am 3. April ist es soweit: Beim deutschlandweiten „Girls' Day“ können junge Mädchen ab der fünften Klasse einen Tag lang in Berufe hineinschnuppern, die noch häufig stark männerdominiert sind. In der IT oder Ingenieursbranche etwa: Frauen machen hier nicht einmal 20 Prozent aus. Seit 2011 findet parallel der Boys’ Day statt, der wiederum weiblich dominierte Berufe präsentiert, in denen Männer noch weit unterrepräsentiert sind.

 

Auch im Altkreis Leonberg gibt es zahlreiche Betriebe und Einrichtungen, die für die beiden Aktionstage Plätze anbieten. Mit dabei ist etwa die Wimsheimer Firma Altatec, ein Hersteller für Zahnimplantate. An verschiedenen Stationen können sich die Mädchen hier als Industriemechanikerin oder Maschinen- und Anlagenführerin ausprobieren. Seit 2019 bietet die Firma Plätze für den Girls' Day an. „Die Nachfrage an der Teilnahme am Girls' Day ist leider immer geringer als der am Boys' Day“, sagt Personalerin Isabel Goerke. „Wir ermutigen Schülerinnen zu entdecken, wie vielfältig ihre Möglichkeiten auch in der Berufswelt sind.“

Mehr Frauen, neue Gruppendynamik

Bei der Silberform AG aus Weil der Stadt, die sich auf Produktdesign und Protoypenentwicklung für die Automobilbranche spezialisiert hat, gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal einen Girls' Day. Das ist gut angelaufen: „Alle Plätze waren innerhalb einer Woche ausgebucht“, berichtet die Personalsachbearbeiterin Luca Marie Baittinger. Beim Aktionstag am 3. April werden die Mädchen hier etwa ein Schneidebrett herstellen oder dreidimensionales Zeichnen lernen. Frauen seien bei Silberform in fast allen Teams vertreten, die technischen Bereiche aber seien nach wie vor überwiegend von Männern geprägt. Geschlecht sei aber nur ein Aspekt, der zu einer breiten Sichtweise beitragen kann, so Baittinger. „Eine vielfältige Zusammensetzung führt zu einer dynamischeren und kreativeren Arbeitsweise.“ Mehr Frauen im Team würden oft die Gruppendynamik verändern – und neue Herangehensweisen fördern.

Die innere „Artemis-Power“ wecken will derweil Christine Volk-Uhlmann aus Korntal-Münchingen. Sie bietet Coaching und Persönlichkeitsentwicklung an – mit Pfeil und Bogen. Beim Girls’ Day sollen die teilnehmenden Mädchen von ihr einen Einblick in das Gründen und Führen eines eigenen Unternehmens lernen. Coaching, besonders mit Bogenschießen, wird aus ihrer Erfahrung überwiegend von Männern angeboten. „Die unausgesprochene Botschaft: Männer wissen, wie es geht, Frauen lernen von ihnen“, sagt Volk-Uhlmann. „Ich bin anderer Meinung.“ Und es geht um Selbstbewusstsein: Frauen mit Bogen in der Hand stünden gleich aufrechter, wehrhafter und selbstsicherer da. „Zu erleben, wie viel Kraft man hat und wie gut es sich anfühlt, diese Kraft gezielt auf eine Zielscheibe loszulassen, ist ein unglaublich starkes und stärkendes Gefühl, das hängen bleibt, auch wenn man den Bogen wieder abgibt“, sagt die Trainerin.

Fachkräftemangel macht mehr Männer in der Pflege nötig

In diesem Jahr zum ersten Mal nach einigen Jahren wieder mit dabei ist Atrio in Leonberg: Der Verein, der Menschen mit Behinderung unterstützt, bietet beim Boys’ Day einen Einblick in soziale Berufe. In den vergangenen Jahren hat es laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend einen leichten Anstieg der Fachkräfte in sozialen Berufen gegeben. Jedoch sei der Anteil der Männer mit rund 20 Prozent in diesen Berufen „noch sehr gering“ – was die Politik auch im Kontext des Fachkräftemangels gerne verändert sehen würde.

„Viele denken bei sozialen Berufen direkt an Pflege, dabei steckt viel mehr dahinter: Begleitung, Unterstützung und Förderung von Menschen mit Behinderung“, erklärt Janine Lubnow, die bei Atrio für digitale Teilhabe zuständig ist. Der Boys' Day helfe außerdem, Hemmschwellen abzubauen und erste Berührungspunkte mit dem Berufsfeld zu schaffen. Rund zwei Drittel der Mitarbeitenden bei Atrio ist weiblich. Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis ist laut Lubnow nicht nur für eine Vielfalt von Perspektiven wichtig. In der Arbeit mit Menschen mit Behinderung gebe es auch viele persönliche und intime Themen, bei denen sich männliche Klienten wohler fühlen, wenn sie eine männliche Ansprechperson haben.

Monokulturen sind anfälliger

Ein Klassiker unter den beim Boys’ Day angebotenen Arbeitsplätzen ist wohl: Der Kindergarten. Die „co.natur“ gGmbH, die in der Region neun Waldkindergärten betreibt, ist in diesem Jahr das zweite Mal dabei. „Es gibt immer einen großen Ansturm“, berichtet Geschäftsführerin Evelyn Quass. In den neun Einrichtungen sind rund zehn Prozent der Mitarbeitenden männlich, eine höhere Quote wäre laut Quass wünschenswert. „Es profitiert alles von Unterschiedlichkeit und Diversität“, sagt sie. Das gelte für das Geschlecht, aber etwa auch für das Alter. Die Parallele zwischen Waldkindergarten und Natur ist naheliegend: „Wir versuchen ja auch den Kindern zu vermitteln, dass Monokulturen anfälliger sind“, sagt Quass. „Je mehr verschiedene Bäume es im Wald gibt, desto besser.“

Girls’ und Boys’ Day

Zahlen
Den Aktionstag für Mädchen gibt es seit Anfang der 2000er-Jahre. 2024 konnten sich Teilnehmerinnen für über 135 000 Plätze anmelden. Seit 2011 gibt es den Boys’ Day. Für Jungen gab es 2024 rund 44 000 Plätze.

Teilnahme
Einige wenige Plätze sind noch kurzfristig zu haben. Eine Liste ist unter www.girls-day.de beziehungsweise www.boys-day.de zu finden.