„Manifest“ habe „den allgemeinen Anstand, die moralische Sauberkeit sowie die Keuschheit, Scham und Sittlichkeit der Gesellschaft verletzt“, lautet der Vorwurf. Foto:  

Gegen die erfolgreiche Popgruppe „Manifest“ wird ermittelt – wegen Exhibitionismus. Das eigentliche Problem Ankaras: Die sechs jungen Bandmitglieder stehen aufseiten der Opposition.

„Recht! Gesetz! Gerechtigkeit!“ skandierte das Publikum bei einem ausverkauften Konzert der Popgruppe „Manifest“ in Istanbul am Wochenende – den Slogan der Protestbewegung gegen das Regime von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

 

„Recht! Gesetz! Gerechtigkeit!“ skandierten auf der Bühne auch die Sängerinnen, die den Slogan in einem ihrer Hits vertont haben. Bei den Protesten gegen die Inhaftierung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu im März bekannt geworden, hat die Girl-Band „Manifest“ seither die türkischen Charts und Stadien erobert; die sechs jungen Frauen sind zu Superstars und Symbolen der Frauenpower geworden. Jetzt schlägt das Regime zurück: Nach dem Konzert vom Wochenende leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen sie ein – wegen Exhibitionismus und Obszönität.

Kometenhafter Aufstieg zur derzeit erfolgreichsten Popgruppe der Türkei

Die Band hätte mit ihrem Auftritt in Istanbul „den allgemeinen Anstand und die moralische Sauberkeit sowie die Keuschheit, Scham und Sittlichkeit der Gesellschaft verletzt“, erklärte die Generalstaatsanwaltschaft Istanbul zum Tanz der jungen Frauen, die bei dem Auftritt knappe Shorts und Miniröcke, hohe Stiefel und Strapse trugen. Die Justiz habe deshalb Ermittlungen wegen „obszöner Handlungen“ und „Exhibitionismus“ aufgenommen. Auch Gefährdung der Jugend warf die Staatsanwaltschaft den jungen Frauen vor. Dabei waren Jugendliche unter 18 Jahren bei dem Konzert nicht zugelassen. Die sonst bunt gekleideten Sängerinnen probierten dort einen neuen Look aus und traten ganz in Schwarz auf. Sie wurden am Dienstag vorübergehend festgenommen und vom Haftrichter unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt; dabei erhielten sie eine Ausreisesperre und dürfen die Türkei nicht verlassen.

„Manifest“ hat in dem halben Jahr seit ihrer Gründung bei einer Talentshow einen kometenhaften Aufstieg zur derzeit erfolgreichsten Popgruppe der Türkei erlebt und füllt bereits mühelos die größten Veranstaltungsorte des Landes. Ihr Debüt-Album „Manifestival“ stieg im Frühjahr zur Nummer Eins der Türkei auf. Ihr erster Hit „Zamansizdik“ kam bisher auf mehr als zwölf Millionen Streams, zwei folgende Hits erreichten Platz zwei und drei in den türkischen Charts. Für ihre Herbst-Tournee sind viele Termine schon ausverkauft. Die sechs jungen Frauen im Alter von 21 bis 25 Jahren begeistern ihr junges Publikum mit Gesang und Tanz im Stil von koreanischem Pop mit türkischen Einflüssen wie von dem Mega-Star Tarkan.

Populär ist bei der Jugend auch ihre politische Haltung, sagt der Popkultur-Experte Kenan Behzat Sharpe von der Sabanci-Universität in Istanbul. „Als sie im März ihre ersten Songs veröffentlichten, kurz nach der Festnahme von Imamoglu, da beschlossen diese sechs Frauen, die Veröffentlichung ihrer ersten Single zu verschieben, um nicht von den Protesten abzulenken“, sagt Sharpe. „Das war ein sehr kluger Schachzug: Sie positionierten sich damit bereits vor ihrer ersten Single-Veröffentlichung klar auf der Seite der Opposition.“ Für ihre Fans reflektiere „Manifest“ die Nostalgie für die Zeit vor der AKP-Regierung von Präsident Erdogan „oder zumindest für eine Zeit, die als viel freier in Erinnerung ist“, erklärt Sharpe. Die Girl-Band werde zudem als Symbol eines säkularen Lebensstils jenseits des konservativen Frauenbildes im politischen Islam empfunden. Die Kritik an den jungen Frauen ließ nicht lange auf sich warten. Die erste Welle der Angriffe sei vor allem frauenfeindlich gewesen, sagt Sharpe – „viele männliche Youtuber, die über ihre Lieder und Stimmen schimpfen und alles, was Frauen machen, als dumm und frivol heruntermachen“. Inzwischen habe nun auch die konservative Reaktion eingesetzt. Erdogan-Berater Oktay Saral forderte Maßnahmen gegen die „unmoralischen, schmutzigen und schamlosen“ Shows von „Manifest“. Ein Konzert der Gruppe im ostanatolischen Erzurum wurde vorige Woche von der Stadt verboten, weil „ihre Kleidung unpassend“ sei. Darauf folgten nun die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Istanbul.

Popkultur-Experte Kenan Behzat Sharpe von der Sabanci-Universität in Istanbul Foto: Susanne Güsten

Kulturelle Eifersucht des Regimes?

„Mit diesen Ermittlungen will die Staatsanwaltschaft nicht nur die Gruppe ‚Manifest‘ kontrollieren, sondern alle Frauen“, protestierte die Frauenrechtlerin Hülya Gülbahar. In der Zeitung „BirGün“ erinnerte Gülbahar an die jüngsten Predigten des staatlichen Religionsamtes, mit denen Frauen aufgefordert wurden, sich züchtig zu kleiden und den Kopf zu bedecken, und Männer ermuntert wurden, Frauen ihren gesetzlichen Erbteil vorzuenthalten. Der Staat unternehme „einen umfassenden Angriff auf Lebensstil, Kleidung und Existenz der Frauen.“

Der Kultur-Experte Sharpe vermutet hinter dem staatlichen Vorgehen gegen „Manifest“ auch eine kulturelle Eifersucht des Regimes, das es in über 20 Jahren an der Macht nicht vermocht habe, einen konservativen Gegenentwurf zur Popkultur zu schaffen. „Das ist wohl auch ein Grund, warum Gruppen wie ‚Manifest‘ in Regierungskreisen Unbehagen hervorrufen oder zumindest nicht auf deren Gunst stoßen“, sagt Sharpe. „Weil diese ihnen vor Augen führen, dass sie, außer beim Fernsehen, in der populären Kultur erfolglos sind.“