Überragt von seinen Models: Giorgio Armani im Juni bei seiner Schau in Paris. Foto: AFP/dpa/Alain Jocard

Giorgio Armani war nie ein barocker Modezar wie Karl Lagerfeld oder Gianni Versace. Sein Credo ist die Schlichtheit. Jetzt wird der Couturier 90 – und will weitermachen, so lange er kann.

Dunkles T-Shirt, schlohweißes Haar, tiefgebräunte Haut – an Giorgio Armani scheint der Zahn der Zeit nur ganz vorsichtig zu knabbern. Ende Juni stand der Italiener, der von seinen Models stets überragt wird, bei den Haute-Couture-Schauen in Paris auf dem Laufsteg und wüsste man es nicht, man würde nicht darauf kommen, dass der Designer am 11. Juli 90 wird. Mit dem Altern habe er sich abgefunden, sagte Armani kürzlich der italienischen Ausgabe des Hochglanzmagazins „Vanity Fair“: „Der körperliche Verfall ist ein Teil von uns. Alles verändert sich. Nichts bleibt.“

Die diesjährige Herbst/Winter-Kollektion aus dem Hause Armani Foto: AFP/Alain Jocard

Was bleibt, ist Armanis Stil. Der war nie so laut, so knallig, so offensiv wie der anderer italienischer Couturiers: Donatella Versace zum Beispiel oder Roberto Cavalli. Als dieser im April starb, würdigte ihn Armani als „wahren Künstler“, wenn auch seine Vision von Mode eine ganz andere sei. Armanis modisches Credo ist die Schlichtheit. Das fängt bei den Farben an: Schwarz, Weiß, Grau, Dunkelblau und ein Sandton, der in seinen Kollektionen immer wieder auftaucht. Alles zurückgenommen und zeitlos. Armani kultivierte die „Capsule Wardrobe“, bevor man die aufs Wesentliche reduzierte Garderobe überhaupt so nannte. Ganz nach Armanis Motto: „Eleganz heißt nicht, ins Auge zu fallen, sondern im Gedächtnis zu bleiben.“

Bei seiner Haute-Couture-Schau in Paris für den kommenden Herbst und Winter zeigte der Italiener Damenanzüge und Abendkleider in fließenden Stoffen, in elegantem Schwarz und schimmerndem Perlmutt. Armani sei lange nicht mehr so „Armani-ig“ gewesen, schrieb das Modemagazin „Vogue“.

Zuerst studierte er Medizin

Es hat eine Weile gebraucht, bis der 1934 in Piacenza bei Mailand geborene Armani zur Mode fand. Erst studierte er Medizin, 1957 heuerte er beim berühmten Mailänder Warenhaus „La Rinascente“ als Schaufensterdekorateur an. Der Herrenausstatter Nino Cerruti holte Armani in sein Unternehmen. Hier räumte der junge Autodidakt gründlich mit langweiliger Männermode auf. 1975 verließ er Cerruti und gründete mit seinem Geschäfts- und Lebenspartner Sergio Galeotti „Giorgio Armani S.p.A.“.

Don Johnson (rechts) und Philip Michael Thomas trugen in „Miami Vice“ Armani-Anzüge. Foto: Imago/Rights Managed/Allstar

Armani revolutionierte die Herrenmode: Sakkos müssen nicht kastig und steif sein, sondern sitzen locker-fließend auf den Schultern. Zum Anzug darf Mann auch T-Shirt tragen und barfuß in Mokassins schlüpfen. Und die Krawatte? Kann weg. Das ultracoole Cop-Duo aus „Miami Vice“, Don Johnson und Philip Michael Thomas, trug Armanis lässige Jacketts – ohne Schulterpolster, mit hochgekrempelten Ärmeln.

Schließlich brachte er sein modisches Understatement auch an die Frau. Ein bisschen abschätzig klang es, als die berühmt-berüchtigte „Vogue“-Chefin Anna Wintour einst sagte: „Armani entwirft für die Ehefrau, Versace für die Geliebte.“ Doch die Damen dankten es dem Couturier, dass er für sie Businessmode entwarf, die nicht nach Bürouniform aussah, sondern mit fließenden Stoffen und schmeichelnden Schnitten Weiblichkeit ausstrahlte.

Giorgio Armani mit Julia Roberts, die selbstredend eine Armani-Robe trägt. Foto: Imago/Everett Collection

Armani war nie ein opulenter Modefürst wie der 1997 ermordete Gianni Versace oder der 2019 verstorbene Karl Lagerfeld. Sondern ein fleißiger Schaffer, der sein Modehaus zum Imperium ausbaute. Er schuf mehr und mehr günstigere Nebenmarken und stieg früh ins Geschäft mit Parfüm ein. Irgendwann gab es auch Armani-Unterhosen. Die Flugbegleiterinnen bei Alitalia stattete er aus, genauso wie die italienischen Olympioniken und bei dieser Fußball-EM die inzwischen ausgeschiedene „Squadra Azzurra“. In Dubai und Mailand kann man seit ein paar Jahren sogar in Armani-Hotels residieren. Dass Armani ein cleverer Geschäftsmann ist, zeigt auch, dass er sich schon früh ein Standbein in Hollywood aufbaute und Filmstars wie Julia Roberts, Richard Gere oder Leonardo DiCaprio dazu brachte, seine Kleider zu tragen.

Was kommt nach Armani?

Über den Privatmann ist nicht viel bekannt. Ob er seit dem Tod seines Partners Sergio Galeotti Mitte der 1980er Jahre eine neue Liebe gefunden hat, weiß man nicht. Society-Partys bleibt der Workaholic lieber fern. Bekannt ist, dass er auf der Prominenten-Insel Pantelleria südwestlich von Sizilien ein Domizil hat.

Bis heute leitet der Designer die Geschicke seines Konzerns und bringt unermüdlich neue Kollektionen heraus. Rund 8700 Beschäftigte arbeiten in mehr als 2000 Geschäften und einem Dutzend Fabriken. Seit Jahren wird spekuliert, was passiert, wenn Armani sich zurückzieht. Steigen dann die steinreichen Agnelli-Elkanns ein, die schon bei Christian Louboutin die Geschäfte mitbestimmen? Vielleicht übergibt er aber auch an Leo Dell’Orco, der Armani seit einiger Zeit unterstützt, und an seinen Neffen und zwei Nichten. Die Arbeit sei für ihn immer auch ein Mittel gegen das Unglücklichsein gewesen, sagte er einmal „Vanity Fair“. „Und ich hätte gern, dass das weiterhin so ist. Aber es wird nicht so bleiben.“