Wiederkehr der Untoten: Ein Ur-Mythos der Völker (Szene aus dem Horrorfilm-Klassiker „I walked with a Zombie“ von Jacques Tourneur aus dem Jahr 1943). Foto: Verleih

Voodoo, Wiedergängerriten, Auferstehung: Die Angst vor den Untoten, die sich aus ihren Gräbern erheben, ist tief im Unterbewusstsein des Menschen verwurzelt. Ein Tripp durch Religion, Ethnologie und Kulturgeschichte.

Stuttgart - Der Tod ist jedem Menschen gewiss. Doch wie ist es mit der Auferstehung? Der Glaube daran verbindet mehr als 2,3 Milliarden Menschen auf der Welt. Jesus Christus ist der Archetypus des Wiedererweckten, der den Tod besiegt und die Unterwelt durchschritten hat. Auf diese Hoffnung bauen Christen im Angesicht des Todes. Sie ist der Kern ihres Glaubens. „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist euer Glaube nichtig, dann seid ihr noch in euren Sünden, also sind auch die in Christus Entschlafenen verloren.“ Dieser Satz aus dem Ersten Korintherbrief des Apostel Paulus (Kapitel 15, Vers 12-14) ist das zentrale Diktum der Theologie.

Wiederaufstehung von den Toten – auch für Zombies?

Der Gedanke, dass Jesus tot war, hat bei aller Schrecklichkeit doch etwas Tröstliches: Selbst in der tiefsten Verlassenheit ist Gotte Sohn den Menschen nahe. Nicht erst im Tod, schon im Leben. In Augenblick der Verzweiflung, Angst, des Schmerzes, des Verlustes, der tiefsten Trauer ist er da.

Das gilt nicht für Zombies. Die Untoten sind aus der Gemeinschaft der Auferstandenen ausgeschlossen. Sie sind dazu verdammt auf Erden umherzuwandeln und sich von Lebendigem zu nähren. Auch die Zombie-Mutation ist eine Metamorphose, eine Verwandlung. Allerdings unter negativen Vorzeichen, eine Art spiegelverkehrte Version des christlichen Erlösungsmysteriums – die Auferstehung der Untoten unter negativen Vorzeichen.

Voodoo-Kult auf Haiti

Der französische Ethnologe Michel Leiris beschreibt Zombies in seinem Buch „L’Afrique Fantôme“ („Phantom Afrika“, 1934) als „Individuen, die man künstlich in einen Scheintodzustand versetzt, beerdigt, dann wieder ausgegraben und geweckt hat und die infolgedessen folgsam wie Lasttiere sind, da sie ja gutgläubig annehmen müssen, dass sie tot sind“. Leiris fand Hinweise auf Zombies im haitianischen Voodoo-Kult und in der Religion der Yoruba, einem Volk im Südwesten Nigerias.

In dem zwar christianisierten, aber immer noch von heidnischen Bräuchen durchtränkten Leben der Haitianer besitzen Voodoo-Hexer und Priesterinnen die geheimnisvolle Fähigkeit, Lebende mit einem Fluch zu belegen, so dass sie scheintod sind.

Zombie-Gift: Wahrheit oder Schwindel

Der Ethnopharmakologe Wade Davis entdeckte 1982 auf einer Forschungsreise durch Haiti ein Gift, dass angeblich Menschen zu Zombies macht. Zerraspelte Menschenknochen, Krötensekrete und das Gift des Kugelfisches zusammengerührt, würden ein Pulver ergeben, das einen Zustand des Scheintods herbeiführt. Ob es sich bei Davis’ Fund um einen Schwindel oder eine wissenschaftliche Sensation handelt, sei dahingestellt. Fakt ist: Der Glaube an Zombies ist quicklebendig.

Soziologie und Archäologie des Zombie-Glaubens

„Homo homini Zombie“

In der Pop(ulär)-Kultur haben Zombies allen anderen Kreaturen der Nacht wie Vampiren oder Werwölfen den Rang abgelaufen. Die verschiedenen Zombie-Typen (der träge Umherwankende, der Agile, der magisch Verzauberte, der Infizierte, der in Horden Mordende etc.) werden nicht nur in Horrorfilmen thematisiert, sondern auch wissenschaftlich untersucht und philosophisch durchleuchtet.

Der Zombie-Hype hat auch gesellschaftskritische Implikationen. „Homo homini zombie“ könnte man in Anlehnung an den Satz des englischen Philosophen Thomas Hobbes („Homo homini lupus“) formulieren. Angesichts einer Pandemie fallen Normen weg, bricht das Gemeinschaftsgefühl zusammen, zerfällt die gesellschaftliche Ordnung.

In Zombie-Filme wie „Dawn of the Dead“, „Land of the Dead“ oder „Night of the living Dead“ steht eine isolierte Stadt oder ein Supermarkt für den Kollaps von Kultur, staatlicher Kontrolle und Gesetzen. An die Stelle von Solidarität und Stabilität treten Anarchie und Chaos. Zombies sind – so die metaphysische Deutung – das negative Spiegelbild unserer Selbst, die personfizierte dunkle Seite der menschlichen Seele, die vollständig die Kontrolle übernommen hat.

„Zombie-Sue“ und das untote Bewusstsein

Die britische Schritstellerin Susan Blackmore fragt sich in ihrem Buch „Gespräche über Bewusstsein“ (2003), ob Zombies ein Bewusstsein und inneres Erleben haben. Ihr Fazit: Wenn es eine „Zombie-Sue“ gäbe, würde sie „über kein Innenleben und kein bewusstes Erleben verfügen; sie ist eine Maschine, die Wörter und Verhaltensweisen produziert, während es in ihrem Inneren völlig dunkel ist“.

Nekrophobie

Die Angst vor den Untoten lässt sich auch psychologisch erklären. Nekrophobie (das Gegenteil ist Nekrophilie, die Liebe zum Tod und zu Toten) ist eine spezielle Art der Phobie, die sich in einer krankhaft übersteigerten Angst vor Toten und toten Dingen wie Leichen, Kadavern oder Mumien ausdrückt. Die Betroffenen haben eine Höllenangst vor der Nähe zu Sterbenden, Friedhöfen und Krankenhäusern.

Bizarre Begräbnisriten

Im bulgarischen Sozopol am Schwarzen Meer fanden Archäologen vor einigen Jahren ein Skelett aus dem 13. Jahrhundert, dass mit Eisenpfählen und Nägeln in der Brust an den Sarg festgenagelt war. Ein anderer Knochenmann, der in einem bulgarischen Kloster entdeckt wurde, war an Händen und Füßen gefesselt. In anderen Gräbern hat man Leichen gefunden, denen die Glieder zertrümmert, die Sehnen durchtrennt, das Herz gepfählt, Erde in den offenen Mund geschoben oder Kreuze auf die Brust gelegt worden waren.

Solche Funde deuten nach Ansicht von Anastasia Tsaliki auf bizarre Begräbnisriten hin, die von der Angst vor einer Wiederkehr der Toten angetrieben wurden. Die griechische Archäologin von der englischen Durham University hat sich intensiv mit dem Phänomen der sogenannten Wiedergänger-Gräber beschäftigt.

Tsaliki zufolge gibt es natürliche Erklärungen dafür, dass sich Tote im Grab regen. Der Leichnam kann sich durch bakterielle Fäulnisvorgänge in seinem Inneren aufblähen. Eilig zugeschart kann es sein, dass plötzlich ein Hand aus dem Grab ragt. Die Verwesung kann dazu führen, dass sich im Magen- und Darmtrakt Gease bilden, die entweichen und wie schmatzende Geräusche klingen.

Höllische Angst vor Wiedergängern

In der englischen Ortschaft Southwell fanden Archäologen 2012 ein Grab aus der Zeit 550 bis 700 n. Chr., das auf einen Vampir-Begräbnisritus schließen lässt. Dem Toten waren Pfähle in die Schultern, das Herz und die Knöcheln getrieben worden. Vermutlich in der Absicht, dass der so Fixierte seine Ruhestätte nicht mehr verlassen kann.

Ein Utensil, dass auf Wiedergänger wie Vampire schließen lässt, wurde indes nicht gefunden: die unentbehrlichen spitzen Eckzähne.

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