Foto: dpa

Ghostwriter und Schreibagenturen sehen sich als Gewinner der Guttenberg-Affäre.

Stuttgart - Nach dem Wirbel um den Rücktritt von Karl Theodor zu Guttenbergs boomt die Ghostwriter-Branche. Die Agenturen erwirtschaften Millionen mit Abschlussarbeiten und mit Plagiatsprüfungen.

Ein Gespräch mit Ghostwriter Thomas Nemet (40) übers Ghostwriting zu führen ist nicht einfach. Nicht etwa dass er sich nicht in der Öffentlichkeit über seinen Beruf äußern wollte. Thomas Nemet hat bestimmte stilistische Vorstellungen. Ob man später schreiben werde: Thomas Nemet und in Klammern sein Alter, fragt er. Und rät davon ab. Es klingt nach "Bild"-Zeitung. Besser wäre es, die Klammern wegzulassen und zu schreiben: "sagt der 40-Jährige". Eine weitere Möglichkeit wäre auch, das Alter einfach wegzulassen.

Man könnte auch gleich den Artikel schreiben, meint ein anderer. Falls sich das Thema nach Guttenbergs Rücktritt noch verkaufen lasse. Sonst besser etwas Leichtes: "Möchte Ihr Chefredakteur eine Kolumne schreiben?", fragt ein promovierter Kollege von Nemet. Da sei er der richtige Ansprechpartner. "Aber meinen Namen erwähnen Sie selbstverständlich nicht." Diskretion ist alles in der Branche der unsichtbaren Schreiber. Bisher arbeiteten sie im Verborgenen. Seit dem Rücktritt des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg interessieren sich alle für sie - auch die potenzielle Kundschaft.

Otto Gantert sagt, dass er früher zwei, drei Anfragen pro Woche bekommen hätte. "Jetzt gibt es jeden Tag eine." Er betreibt seit 30 Jahren eine Ghostwriting-Agentur. Denkfabrik heißt die. Wer seine Auftraggeber sind, weiß er nicht. "Wir fragen ja nicht nach dem Lebenslauf", sagt er. "Uns interessieren nur drei Dinge: Umfang der Arbeit, Thema und Abgabetermin." Ganter beschäftigt 50 freie Autoren aus allen möglichen Fachrichtungen.

Die Agenturen lassen sich ihre Dienste gut bezahlen. Wissenschaftliche Leistungen erhalten einen ökonomischen Wert: Kürzere Arbeiten bis zu 30 Seiten kosten 30 bis 40 Euro - pro Seite. Umfassendere Arbeiten wie eine Diplom-, Bachelor- oder Masterarbeit kosten 34 bis 50 Euro je Seite. Wer die Arbeit besonders schnell haben will, muss einen Aufpreis zahlen.

Der Preis hänge von der Schwierigkeit des Textes ab und vom Anspruch des Autors, sagt Nemet. Das Geschäft rentiert sich. "Unsere Kunden sind nicht gerade Hartz-IV-Empfänger." Er beschäftige einen Autorenpool von 250 Mitarbeitern und setzte im Jahr eine Million Euro um, sagt Nemet.

Oft kommen Studenten der Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften

Die Ghostwriterbranche besetze einen Millionenmarkt, sagt Manuel Theisen, Professor an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. "Der Markt ist seit Jahrzehnten stabil und die Nachfrage unverändert hoch." Rechtsanwälte, Ärzte, Politiker und Professoren wenden sich an die Agenturen. "Sie könnten die Arbeit auch selbst schreiben", sagt Gantert. "Es fehlt ihnen nur an der Zeit." Studenten hingegen seien mit der Aufgabe oft schlicht überfordert. Manche sprechen darüber, manche sagen: "Schreib einfach." Anfragen kämen vor allem von Studenten der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, heißt es in der Branche. Nemet legt Wert auf die Feststellung, dass er sein Geld nicht mit fertigen Seminararbeiten oder Dissertationen mache. "Wir schreiben lediglich wissenschaftliche Texte", sagt er. Was der Kunde dann damit mache, könne er nicht beeinflussen. Er sei nicht das moralische Gewissen des Kunden, sagt er. Auch wer als vermeintlicher Kunde bei ihm anruft, bekommt die Ansage, dass Nemet wegen der Pressekampagnen, die zurzeit laufen, mit den Formulierungen vorsichtig sein müsse. Er liefere keine kompletten Dissertationen, nur Versatzstücke.

Für einen 100-seitigen Theorieteil veranschlagt er zwischen 5000 und 6000 Euro. "Als könne man Dissertationen kaufen wie die Produkte in einem Supermarkt", sagt eine Interessentin.

Auch mit der Angst der Studenten, dass ein Plagiat auffliegt, lässt sich Geld verdienen. "Wir verwenden die gleiche Software, die an den Universitäten angewendet wird", sagt ein Agenturchef. "Schicken Sie uns Ihren Text, wir lassen ihn durch das Programm laufen, anschließend werden die Stellen markiert, die in dieser Formulierung schon im Internet stehen." Die Prüfung kostet 80 Euro. Bei Nemet bekommt man einen Schein, der Plagiatsfreiheit zertifiziert.

In der Branche spricht man von zehn ernstzunehmenden Agenturen. Sie haben Namen wie Dr. Franke, ghostwriter.nu, Textagentur Steven. Der Kampf um Kunden wird über Google ausgetragen. Nur die zahlungskräftigsten können sich einen Platz in der farbig unterlegten Werbezone - ganz oben auf der Google-Trefferliste - leisten. "Der Preis für das Wort Ghostwriter steigt ständig an", sagt Aleksandra Fedorska, Chefin der Agentur writeservice. Als Zwitterwesen zwischen Wissenschaftler und Verkäufer sieht sie sich.

Als solche wollen die Ghostwriter einerseits auffallen, andererseits im Verborgenen bleiben. Dementsprechend uneinig ist sich die Branche auch, was sie von dem aktuellen Hype halten soll. Dass Nachfrage besteht, verraten die Jobangebote der Firmen. Fast jede Agentur sucht Mitarbeiter.

Rechtlich sei den Agenturen schwer beizukommen, sagt Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. "Sie tun ja nichts. Derjenige, der betrügt, ist der Student, der so was einreicht."

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: