Zuwanderung als Chance für den baden-württembergischen Arbeitsmarkt: Ein Asylbewerber bearbeitet Holz in einer Schreinerei in Tettnang-Hiltensweiler. Foto: dpa

Diskutieren Sie mit - Rund 80 Prozent der Asylbewerber, die nach Baden-Württemberg kommen, haben keine Berufsausbildung. Umso schwieriger ist es, die Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Ein Bündel an Maßnahmen soll helfen.

Stuttgart - Für Nina Buchert geht es noch nicht mal in erster Linie um Deutschkenntnisse. „Wenn ich bei einem Jugendlichen auf dem ersten Platz seiner Wunschliste bin, kompensiert das Sprachkenntnisse“, sagt die Chefin einer Stuttgarter IT-Werkstatt. Ihre Firma bildet derzeit einen Flüchtling aus dem Irak aus. Kleine Betriebe beklagen, dass sie oft nur jene Lehrlinge abbekommen, die bei den großen Konzernen im Land abgeblitzt sind. Für diese Jugendlichen sind die kleinen Betriebe nur die zweite Wahl.

Viele Firmen schätzen daher das Engagement, das Flüchtlinge an den Tag legen, die in Deutschland unbedingt was erreichen wollen. Bis zum nächsten Ausbildungsjahr will der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) zusammen mit dem Ausbildungsbündnis im Land 1100 Flüchtlinge so fit machen, dass sie eine Ausbildung in einem baden-württembergischen Betrieb anfangen können. Das Bündnis besteht aus Vertretern von Politik, Wirtschaft, den Kammern, den Gewerkschaften und der Bundesagentur für Arbeit.

Bei seinem Spitzengespräch hat das Bündnis am Mittwoch ein Bündel an Maßnahmen beschlossen, das zum Ziel hat, Flüchtlinge so schnell wie möglich in den baden-württembergischen Arbeitsmarkt zu integrieren. Dabei gehe es nicht darum, Asylbewerber den Jugendlichen aus der Region zu vorzuziehen. Alle Leistungen kämen zusätzlich hinzu. „Das größte Potenzial sehen wir immer noch bei den Jugendlichen, die schon lange in Deutschland sind und noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben“, sagte der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid. Die Ausbildung von Flüchtlingen könne bei der Fachkräftesicherung im Land nur eine ergänzende Rolle spielen.

Bislang haben 866 baden-württembergische Jugendliche noch keinen Ausbildungsplatz gefunden. Er gehe davon aus, jedem dieser Jugendlichen bis zum Ende des Jahres ein konkretes Angebot machen zu können, sagte Christian Rauch, Chef der Regional­direktion der Bundesagentur für Arbeit in ­Baden-Württemberg.

Damit die Flüchtlinge möglichst schnell Deutsch lernen, habe das Land zusätzliche Lehrerstellen bereitgestellt, sagte Kultusstaatssekretärin Marion von Wartenberg (SPD). Zum Beginn des Schuljahres waren es 562 Stellen. Daneben beabsichtige das Land, weitere 600 Lehrerstellen für Flüchtlinge zu schaffen. Etwa die Hälfte der Lehrer werde an beruflichen Schulen unterrichten.

Bis zum Ausbildungsabschluss vergehen bis zu sechs Jahre

Christian Rauch rechnet damit, dass der Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit mehr als 300 Millionen Euro zusätzlich für die Integration von Flüchtligen in den Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen wird. Die Arbeitsagenturen wollen den ­Firmen mit der sogenannten assistierten Ausbildung für Flüchtlinge unter die Arme greifen, wenn sie junge Asylbewerber ausbilden. Die Bundesagentur für Arbeit werde 500 zusätzliche Plätze für assistierte Ausbildung fördern, sagte Rauch. Die Flüchtlinge könnten aber nicht von heute auf morgen als Fachkräfte zum Einsatz kommen. Etwa acht Prozent der Asylbewerber, die nach Baden-Württemberg kommen, hätten eine akademische Ausbildung und elf Prozent eine Ausbildung als Facharbeiter. Der Rest verfüge über gar keine berufliche Qualifikation, so Rauch. Bis ein Asylbewerber in Deutschland eine Ausbildung abgeschlossen hätte, vergingen daher bis zu sechs Jahre.

Bei den Arbeitgebern im Land gebe es eine hohe Bereitschaft, Flüchtlinge auszubilden, sagte Andreas Richter, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart. Dafür müsse aber gewährleistet sein, dass sich die Investition auch lohne. Die Arbeitgeber fordern daher, dass Flüchtlinge während der Zeit der Ausbildung und zwei Jahre danach nicht abgeschoben werden können.

Schmid will mit dieser Forderung auf Bundesebene einen zweiten Versuch starten, nachdem der erste aufgrund der Gegenstimmen von unionsgeführten Bundesländern gescheitert war.