Bei dem Spiel „Catan“ aus dem Kosmos-Verlag ist Verhandlungsgeschick gefragt. Foto: Kosmos

Brettspiele sind in Zeiten der Pandemie gefragter denn je, die Branche, aber auch Spieleverlage wie Kosmos und Ravensburger freuen sich über Zuwächse. Viele Menschen haben das Spielen für sich entdeckt– als Therapie gegen Langeweile, um abzuschalten und wertvolle Zeit gemeinsam zu verbringen.

Stuttgart - Immer mehr Menschen finden Spaß an Gesellschaftsspielen, denn Restaurants, Bars und Kinos haben geschlossen, viele Freizeiteinrichtungen sind dicht, Geburtstage abgesagt. Ob Brett-, Karten-, Würfelspiele oder Puzzles, die Verkaufszahlen sind kräftig gestiegen. Prognosen zufolge dürfte die Spielwarenbranche in diesem Jahr mit einem Umsatzplus von rund acht Prozent auf 3,7 Milliarden Euro abschließen. Nach Angaben des Branchenverbandes (DVSI) trotzt sie erfolgreich der Corona-Krise – und wächst.

 

„Als der erste Lockdown kam, hätten wir damit nicht gerechnet“, sagt Clemens Maier, Chef vom Ravensburger Spieleverlag. „Doch mit dem Lockdown kam auch die Familienzeit“, sagt er, weil die Leute viel Zeit zuhause verbrachten. Klassische Familienspiele wie Labyrinth, Memory oder Kinderthemen, die eher edukativ sind wie er interaktive Tiptoi-Stift, waren besonders gefragt. „Im Gegensatz zu anderen Branchen hatten wir Glück“, sagt er.

Digitales Puzzleregal

Auch den Puzzlerekord von 2019 mit rund 21 Millionen verkauften Puzzles wird der oberschwäbische Spielwarenhersteller in diesem Jahr toppen. „Auf die 20 Prozent Wachstum im Jahr 2019 kommt noch mal ein deutliches Plus“, sagt Maier, denn Puzzeln sei mit Corona ein Trendthema geworden. „Wir sind in der Produktion an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen. Wir hätten sogar mehr verkaufen können“, sagt er angesichts des Puzzlebooms.

Seit gut zwei Wochen ist Ravensburger sogar mit einem digitalen Puzzleregal online. Puzzlefans können eigene Fotos hochladen und anderen zur Verfügung stellen. Wem ein Foto besonders gefällt, der kann es online puzzeln oder es sich als individuell gefertigtes Puzzle bestellen. Überhaupt – personalisierte Puzzles und Memorys mit Fotos von Festen oder Ausflügen hätten in diesem Jahr nochmals einen richtigen Schub bekommen.

Überdurchschnittliches Wachstum bei Kosmos

Auch beim Stuttgarter Spieleverlag Kosmos spricht Geschäftsführer Matthias Kienzle (Marketing und Vertrieb Kosmos Spielware) vom „Corona-Effekt, weil die Menschen mehr Zeit und das Hobby Spielen für sich entdeckt haben“. Er spricht von einem „überdurchschnittlichen Wachstum“ bei Spielen, das deutlich über dem Branchenwachstum von 20 Prozent bei Brettspielen liegt. Kosmos sei derzeit der am schnellsten wachsende Spielwarenhersteller unter den Top 50 im Inland.

Im Ranking der zehn größten Spieleverlage in Deutschland liegt Kosmos nach Erhebungen des Marktforschungsinstituts npd Group derzeit auf Platz zwei hinter Ravensburger. 2019 war es noch Platz vier hinter Ravensburger, Hasbro und Amigo.

„Das Erfolgsgeheimnis beim Spiel ist, mit anderen gemeinsam wertvolle Zeit zu erleben – abschalten und relaxen, aber nicht allein“, sagt Kienzles Kollege Heiko Windfelder (Verlagsleitung Kosmos Spielware). Kooperative Spiele, wie Exit (Rätsel müssen gemeinsam gelöst werden) und Adventure Games (Abenteuerspiele) und Spiele wie Andor oder Catan – hier muss man verhandeln und sich abstimmen – seien besonders gefragt. Catan ist das meist verkaufte Spiel von Kosmos. Seit es vor 25 Jahren auf den Markt kam wurden davon 30 Millionen Stück verkauft.

Digitaler Zusatznutzen

Dass in Zeiten der Digitalisierung und angesichts von Konkurrenz mit Nintendo und Playstation Brettspiele out sein könnten, befürchtet Windfelder nicht. Spielen sei ein weltweites Phänomen. Mit digitalem Zusatznutzen – etwa Erklärvideos auf Apps – hätte man sogar Leute fürs Spielen gewinnen können, die bislang vom Lesen der Spielanleitung abgeschreckt waren. Auch in Wohngemeinschaften und unter jungen Erwachsenen werde wieder sehr viel gespielt. Auch Partyspiele wie etwa ein Krimidinner (während eines Menüs klären die Spieler gemeinsam einen Mord) kommen gut an. Und manchmal läuft auch alles ganz anders, als man sich das vorstellt.

Kosmos hat 2020 das erfolgreiche PC-Spiel Anno 1800 als Brettspielversion herausgebracht, weil aber wegen Corona Messen und Spieletreffs ausgefallen sind, wurde das analoge Spiel einfach digital vorgestellt. „Die Branche ist da sehr erfinderisch“, sagt auch Clemens Maier. Wegen Corona sei das Testen von Spielen in der Produktentwicklung schwieriger geworden. Da haben schon mal die Mitarbeiter Spiele mit nach Hause bekommen, zudem wurden eigens Tester rekrutiert.

Trotz der Corona-Krise erscheinen in diesem Jahr nach Angaben des Verbands der Spieleverlage über 1500 Neuheiten auf dem Markt. Allein bei Kosmos sind es insgesamt 100 – kleine Mitbringspiele miteingerechnet. „In Zeiten von Lockdown, Homeoffice & Co. geben die Deutschen mehr Geld für Spielzeug aus“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands des Spielwareneinzelhandels, Steffen Kahnt.

Gezielte Käufe statt des gemütlichen Weihnachtsbummels

„Das Weihnachtsgeschäft wird aber sehr, sehr spannend“, sagt Ravensburger-Chef Maier. Die Nachfrage sei stark. Doch weil der Fachhandel nach wie vor das „Rückgrat“ von Ravensburger sei und im Ausland in einigen Ländern wegen des Lockdowns Läden geschlossen seien, wagt Maier keine Prognose. Ravensburger macht rund zwei Drittel des Umsatzes im Ausland. „Den gemütlichen Weihnachtsbummel in der Innenstadt können sich viele Leute nicht vorstellen“, glaubt er. „Die Menschen informieren sich vorab und gehen gezielter einkaufen“, meint er. Deshalb glaubt er auch, dass Klassiker und vertraute Marken gefragt sind.

Als krisenfest erwies sich auch die Modelleisenbahnbranche. Die meisten Hersteller seien mit der Umsatzentwicklung sehr zufrieden, sagte Ulrich Brobeil, Geschäftsführer des Deutschen Verbands der Spielwarenindustrie (DVSI) in Nürnberg. Hersteller wie Märklin aus Göppingen und Piko aus Thüringen verzeichnen eine gestiegene Nachfrage.