Jubelnde Frankfurter um ihren Kapitän Sebastian Rode, der den Europa-League-Pokal in die Höhe reckt. Foto: /Jan Huebner

Der Triumph von Eintracht Frankfurt in der Europa League löst große Begeisterung aus. Was die Verantwortlichen richtig gemacht haben – und wie es nun weiter geht.

Kurz vor der Siegerehrung war die Zeit reif für den sogenannten Diver, ausgeführt von Oliver Glasner: Der Coach von Eintracht Frankfurt nahm kurz Anlauf, warf sich bäuchlings auf den Boden und rutschte mit gestrecktem Körper über den Rasen – durch das Spalier seiner freudetrunkenen Spieler, die das Estadio Ramon Sanchez Pizjuan in Sevilla gar nicht verlassen wollten. „Ich feiere jetzt bis Samstag durch – und am Sonntag gehe ich den Urlaub“, kündigte Glasner an.

 

Es dauerte nicht lange, da starteten in Frankfurt die ersten Autokorsos

Der Europa-League-Triumph von Eintracht Frankfurt mit 5:4 (1:1, 0:0) im Elfmeterschießen gegen die Glasgow Rangers versetzte seine Protagonisten in den Ausnahmezustand. Wie das Ensemble nach dem Rückstand durch Rangers-Angreifer Joe Aribo (57.) in Person von Rafael Borré zurückkam (69.) und sich letztlich dank einer Elfmeterparade von Kevin Trapp gegen Aaron Ramsey belohnte, sorgte für eine Explosion der Gefühle.

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Nicht nur in Sevilla, auch daheim in Frankfurt: Es dauerte nicht lange, da starteten dort die ersten Autokorsos mit wilden Hupkonzerten und enthemmt feiernden Fans. Überall die schwarz-weißen Eintracht-Fahnen. Am Donnerstag füllte sich die Innenstadt früh mit den Menschenmassen: Die gigantische Sause auf dem Römerberg stellte selbst die rauschende Feier zu Pfingsten 2018 nach dem DFB-Pokal-Sieg in den Schatten.

Ein Investor wie Lars Windhorst bei Hertha BSC? Nicht bei Frankfurt.

Die Begeisterung für die launische Diva vom Main ist sprunghaft gewachsen, weil die Vereinsführung in jüngerer Vergangenheit ganz viel richtig und wenig falsch gemacht hat, um die Herzen der Menschen zu erreichen. Es kann kaum eine größere Anerkennung geben, wenn Schulkinder die gängigen Eintracht-Hymnen, von „Schwarz-weiß wie Schnee“ bis hin zum „Im Herzen von Europa“, längst in- und auswendig kennen. Niemand käme als Heranwachsender in Frankfurt gerade auf die Idee, Anhänger des FC Bayern oder von Borussia Dortmund zu werden – die Eintracht bietet alles, was ein Fußballfan, egal welchen Alters, welcher Nationalität, welchen Geschlechts, welcher Religion, sich wünscht.

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Karl-Heinz Körbel, der Markenbotschafter, Rekordspieler und Leiter der Eintracht-Fußballschule verweist zu Recht darauf, dass der besondere Spirit „nicht von heute auf morgen geboren, sondern in den letzten Jahren gewachsen ist“. Die Eintracht hätte nie eine Finanzspritze eines solch sprunghaften Investors wie Lars Windhorst bei Hertha BSC angenommen.

Wolfsburg, Gladbach oder Hoffenheim muss man nicht mehr fürchten

Einer der Baumeister dieser sagenhaften Erfolgsgeschichte ist Vorstandssprecher Axel Hellmann – der Jurist war treibende Kraft, den Club nach dem soliden Mittelmaß der Heribert-Bruchhagen-Ära mit mehr Fantasie und ein bisschen mehr Risiko auszustatten. Hellmann verweist darauf, dass es sich bei dem Cup-Gewinn nicht um ein Zufallsprodukt handelt. „Wir waren in den vergangenen sechs Jahren fünf Mal in einem Halbfinale des DFB-Pokals oder der Europa League.“

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Die Adlerträger kommen mit der Krönung ihrer Europareise ins Geschichtsbuch des deutschen Fußballs. Bundestrainer Hansi Flick lobte eine „herausragende Leistung“. Man könne Verein, Fans, Mannschaft, Trainer und Manager nur beglückwünschen.

Dass „nicht einer der üblichen Verdächtigen“ (Hellmann) erstmals die Europa League gewinnt, beschert der Bundesliga noch einen fünften Champions-League-Teilnehmer. Zwar ordnet sich Frankfurt wirtschaftlich weiter klar hinter Bayern, Dortmund, Leipzig oder Leverkusen ein, aber Wolfsburg, Gladbach oder Hoffenheim muss man nicht mehr fürchten. Die Fortsetzung der internationalen Festspiele erleichtert Sportvorstand Markus Krösche die Gespräche mit Akteuren und Agenten.

Präsident Fischer: „Heute geht nur freuen, feiern, diesen verdammten Pokal nach Frankfurt bringen.“

Erst einmal aber steht die nächste Pilgerfahrt nach Helsinki an, wo am 10. August das Finale um den Supercup gegen den Champions-League-Sieger – entweder gegen den FC Liverpool oder Real Madrid – steigt. Bis dahin will der Club die Verträge mit Europa-League-Helden wie Filip Kostic, Daichi Kamada oder Even Ndicka verlängert haben, die ansonsten unweigerlich auf der Verkaufsliste gestanden hätten. Verstärkungen in allen Mannschaftsteilen sind zwar nötig, trotz allem will sich der Verein aber treu bleiben.

„Wir gehen jetzt nicht groß einkaufen, weil wir uns einmal für die Champions League qualifiziert haben“, versprach Präsident Peter Fischer in einem nüchternen Moment. Ansonsten war auch das heisere Sprachrohr der Eintracht nicht mehr zu halten: „Das ist der größte Moment der Vereinsgeschichte. Deshalb bin ich ein monsterstolzer Präsident. Heute geht nur freuen, feiern, diesen verdammten Pokal nach Frankfurt bringen.“ Das „elendige Miststück“, wie das Vereinsoberhaupt die Trophäe in seinem Überschwang titulierte, gehöre eben einfach in eine Stadt wie Frankfurt.