Gewerkschaft vor Umbau Verdi will die Schlagkraft erhöhen

Von Matthias Schiermeyer 

Der dienstälteste deutsche Gewerkschaftschef Frank Bsirske hat es nicht geschafft, eine Frau oder einen Mann für seine Nachfolge aufzubauen. Foto: dpa
Der dienstälteste deutsche Gewerkschaftschef Frank Bsirske hat es nicht geschafft, eine Frau oder einen Mann für seine Nachfolge aufzubauen. Foto: dpa

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi will mit einer Reform ihre Kräfte bündeln. Von einer Zusammenlegung der Fachbereiche erhofft sie sich mehr Durchschlagskraft in der Tarifpolitik. Das Rennen um die Nachfolge des Dauervorsitzenden Frank Bsirske ist noch offen.

Stuttgart - Ganze 17 Jahre hat es gebraucht, um die Energie für einen Umbau aufzubringen – nun bereitet die Gewerkschaft Verdi eine Neuaufstellung vor. Die komplizierte Matrixstruktur, die der Fusion von fünf Gründungsorganisationen im Jahr 2001 geschuldet war, hat sich überlebt und wird vereinfacht. „Wir wollen in 15 Jahren nicht nur der ADAC der Arbeitswelt sein, sondern weiterhin die Gestaltungskraft haben, soziale Konflikte im Betrieb aufzugreifen und zu entscheiden“, begründete Landesbezirksleiter Martin Gross die Reform gegenüber unserer Zeitung.

Nach heftigen internen Auseinandersetzungen zeichnet sich nun die neue Struktur ab, über die endgültig beim Bundeskongress vom 22. bis 28. September 2019 in Leipzig entschieden werden soll. Zu den massivsten Eingriffen gehört die Bündelung der bisher 13 Fachbereiche zu fünf Einheiten. „Von größeren Fachbereichen versprechen wir uns mehr Durchschlagskraft in der Tarifpolitik, weil wir so die ganze Stärke der Organisation gezielt einsetzen können – nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern auch in kleineren oder regionalen Tarifrunden“, sagt Gross. „Wir müssen Schwerpunkte setzen, für die man viel Power braucht – dies geht in größeren Fachbereichen besser.“

Handel und Postdienste bleiben getrennt

Streit entzündete sich speziell an der Bündelung. Die Fachbereiche Handel und Postdienste wehrten sich nach Kräften gegen „Zwangsfusionen“, durch die die Branchenbezogenheit verloren gehe, wie ein Landesfachbereichsleiter fürchtete. Dieser Widerstand rief in den anderen Fachbereichen Unverständnis hervor, hatte aber Erfolg – Handel und Postdienste bleiben weiterhin getrennt.

Zugleich forciert Verdi die Betriebsarbeit, indem der Bereich Beratung und Recht ins Leben gerufen wird, um die vor Ort aktiven Gewerkschaftssekretäre von Serviceaufgaben zu entlasten. Mehr Spezialisierung und mehr Professionalität ist das Ziel. Mit Sparen habe der Umbau wenig zu tun, so Gross. „Im Gegenteil: Wir nehmen viel Geld für die Betriebs- und Tarifarbeit in die Hand, um die Prozesse besser zu organisieren.“ Der Branchenbezug werde durch eine engere Verzahnung von ehren- und hauptamtlicher Arbeit verbessert. Mehr Einfluss in den Belegschaften soll auch mehr politisches Gewicht bringen. „Was ist eine politische Position wert, die von einer Organisation ohne betriebliche Macht vertreten wird?“, fragt der Landeschef rhetorisch. „Betriebliche Macht ist nicht nur die Voraussetzung, dass die Gewerkschaft es sich leisten kann, vor Ort den Mund aufzumachen – sie ist auch die Basis für Handlungsfähigkeit in der politischen Auseinandersetzung.“ Nur so könne Verdi den Beschäftigten signalisieren: Wir kümmern uns nicht nur um euer Tarifgehalt, sondern auch um eure Krankenversicherung und eure Rente. „Deshalb engagieren wir uns auch so stark im Bündnis gegen Altersarmut in Baden-Württemberg.“

Mehrere mögliche Kandidaten für Bsirske-Nachfolge

Unbeantwortet ist eine zentrale Frage: Mit welcher Bundesleitung strebt Verdi in die Zukunft? Der seit 18 Jahren amtierende dienstälteste deutsche Gewerkschaftschef Frank Bsirske wird beim Kongress im September 2019 aufhören – so viel ist klar. Es ist dem 66-Jährigen offenkundig nicht gelungen, die reibungslose Stabübergabe selbst zu regeln. Kein potenzieller Kandidat konnte sich ausreichend neben „Mr. Verdi“ profilieren. Daher ringen mehrere Bewerber um das Amt – vor allem seine Stellvertreter Andrea Kocsis und Frank Werneke. Auch Vorstandsmitglied Sylvia Bühler wird des Öfteren genannt.

Alle Landesbezirksleitungen führen derzeit Gespräche mit der ehrenamtlichen Vorsitzenden des Gewerkschaftsrates, Monika Brandl. Diese leitet eine Findungskommission für den Vorsitz und will vor einem Personalvorschlag gut in die Organisation hineinhören. Anfang November soll das Präsidium des ehrenamtlichen Gewerkschaftsrats einen Vorschlag der Findungskommission bewerten. Gross wird an der Stelle einsilbig: Mit viel Kommunikation werde ein sehr transparenter Entscheidungsweg bereitet. Eine Prognose wagt er nicht. „Von meinem Gefühl her ist das Rennen eher offener geworden – da braucht es wohl diese Gründlichkeit.“

Verdi im Land bei Mitgliederentwicklung Spitze

Bundesweit ist die Nummer zwei der DGB-Organisationen unter die Zwei-Millionen-Grenze gefallen: Ende 2017 waren es 1,987 Millionen Mitglieder. 216 000 Beitragszahler sind es im Südwesten. Doch gibt es Lichtblicke: „Wir haben es 2017 geschafft, so viele Auszubildende zu werben wie noch nie seit Gründung von Verdi in Baden-Württemberg“, sagt Gross. Nicht nur da ist der Landesverband Spitzenreiter. „Auch insgesamt hatten wir im ersten Halbjahr 2018 die beste Mitgliederentwicklung aller Landesbezirke.“

Künftig gilt es, noch mehr die Chancen zu nutzen, die sich aus dem Strukturwandel ergeben: „Bis 2030 werden wir in unserem Bereich etwa 600 000 Arbeitsplätze in Baden-Württemberg verlieren – an anderer Stelle aber wahrscheinlich genauso viele dazugewinnen“, sagt der Landeschef. Insbesondere der Gesundheitsbereich wächst bei Verdi kontinuierlich. Dies hat mit dem großen Potenzial von etwa einer Million Beschäftigten allein im Südwesten zu tun – aber ebenso mit intensiven Tarifkampagnen. Da steckt offenbar noch viel Potenzial.

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