IG-Metall-Chef Jörg Hofmann und Vize Christiane Benner (hier beim Gewerkschaftskongress 2019 in Nürnberg) – der eine geht, die andere bleibt. Foto: dpa/Daniel Karmann

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann will bis zum Sommer einen Personalvorschlag für eine neue Führungsstruktur machen. Seine Vize Christiane Benner gilt schon als gesetzt – als Pendant dürfte nur der Bezirksleiter Roman Zitzelsberger infrage kommen.

Die größte deutsche Gewerkschaft will ihre Führung bis zum Gewerkschaftstag Ende Oktober neu ordnen. „Wenn sich die Welt um uns herum radikal ändert, braucht es auch Veränderungen in der IG Metall“, sagt ihr Vorsitzender Jörg Hofmann, der im Alter von 67 Jahren aufhören wird.

 

Erstmals skizzierte er bei der Jahrespressekonferenz die neue Struktur: „Die IG Metall wird an der Spitze schmaler und in der Breite der Organisation stärker – das ist die Logik der aktuell diskutierten Vorschläge.“ Bis März werde im Vorstand darüber diskutiert – „danach werde ich vor der Sommerpause einen Personalvorschlag unterbreiten, der zu dieser Struktur passt“.

Diskussionen auch mit politischen Partnern

Namen nennt er nicht. Gesetzt ist aber die bisherige Vizevorsitzende Christiane Benner (54) – als ihr Pendant dürfte an Roman Zitzelsberger (56), Bezirksleiter in Baden-Württemberg und Hofmann-Vertrauter, kein Weg vorbeiführen, wenngleich der sich zu einem möglichen Wechsel bislang nicht äußert.

Erwogen wird unter anderem ein künftig gleichberechtigtes Miteinander des ersten und zweiten Vorsitzenden, zudem die Verkleinerung des geschäftsführenden Vorstands von sieben auf fünf Mitglieder. Dass es eine echte Doppelspitze geben wird, ist damit aber noch nicht ausgemacht. Derzeit finden neben den internen Debatten auch Gespräche mit politischen Partnern statt, um die Akzeptanz des neuen Führungsmodells auszuloten. Bis jetzt ist der Vorsitzende das Gesicht der IG Metall – was sich in der politischen und medialen Wahrnehmung bewährt hat. Ausnahme ist die Tarifpolitik als Kerngeschäft: Da gab mitunter schon der zweite Vorsitzende – wie seinerzeit Hofmann oder auch Berthold Huber als zweiter Mann hinter Jürgen Peters – den Ton an.

Christiane Benner wirbt für die Teamkonstruktion

Künftig soll die Satzung weniger Vorgaben für das Verhältnis der beiden Vorsitzenden machen. „Insofern liegt es an denen, die diese Rollen spielen, wie sie diese interpretieren – wenn sie als Team gleichberechtigt zusammenarbeiten, ist das möglich“, sagt Hofmann. „Das finde ich gut und zeitgemäß – es passt zum Veränderungsprozess, den die IG Metall insgesamt angestoßen hat.“

Benner lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie ein Tandem auf Augenhöhe befürwortet: „Wenn ich mir das nicht vorstellen könnte, würde ich nicht versuchen, dafür zu werben“, sagt sie. In einer Teamkonstruktion liege die Zukunft moderner Organisationen. Es sei gut, dass diese Debatte jetzt sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern in der Gewerkschaft in einem „sehr offenen, transparenten Diskussionsprozess“ geführt werde. Dabei werde ausgelotet: „Welches Führungsmodell tut uns gut, was ist wirklich revolutionär?“ Sie sei „natürlich“ bereit, weiter Führungsverantwortung zu übernehmen. Benner hätte im vorigen Mai auch Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes (DGB) werden können, zog aber den Verbleib an der Spitze der IG Metall vor.

Hofmann wehrt Fragen ab, ob mit der Reform der linke Flügel geschwächt werden solle. „Wir können als Einheitsgewerkschaft per se nicht Flügel als Ausgangspunkt von Führungsentscheidungen machen“, sagt er. Darüber sei die IG Metall längst hinaus. Vielmehr sei das Spitzenteam eingebettet in die demokratische Willensbildung der Organisation. Wenn der geschäftsführende Vorstand verkleinert werden solle, „denken wir nicht darüber nach, die Zahl der ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder zu reduzieren“. Dies sei „ein klares Signal, dass die Rolle der Kollegen und Kolleginnen aus den Betrieben deutlich gestärkt wird“. Dies werde auch dazu beitragen, „Silo-Denken aufzubrechen und stärker zu Teamarbeit an der Spitze zu kommen“.

Leichte Einbußen bei den Mitgliederzahlen

Derweil hat die Gewerkschaft im dritten Coronajahr erneut Mitglieder eingebüßt: Ende 2022 verzeichnete sie 2,146 Millionen Beitragszahler – minus ein Prozent gegenüber 2021. Hofmann spricht von einer „grandiosen Aufholjagd in der zweiten Jahreshälfte“. Vor allem in der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie wurden 117 000 Neuaufnahmen verzeichnet – so groß war der Zulauf seit 2018 nicht mehr.

Die Mitgliedereinnahmen der IG Metall übertrafen mit 596 Millionen Euro das Vorjahr um rund vier Millionen, erreichten aber nicht den Stand des Rekordjahrs 2019 (598 Millionen Euro).

Dass bald die Babyboomer-Jahrgänge ausscheiden werden und einen langfristigen Abschwung im Mitgliederbestand verursachen könnten, schreckt Hofmann nicht. „Wir haben einen guten Organisationsgrad – aber auch viel, viel Potenzial in den Betrieben und den neuen Wertschöpfungsketten“, sagt er. Die einzig logische Schlussfolgerung sei: „Wir müssen unsere Ressourcen dort stärker konzentrieren, wo wir Mitglieder gewinnen können.“

1000 Neuaufnahmen im Hohenlohischen

So habe man im Herbst im Hohenlohischen in einer erstmaligen Aktion mehr als 12 000 Gespräche mit Beschäftigen geführt, „die sich zwischen Schwäbisch Hall, Crailsheim und Ellwangen tummeln“. Binnen vier Wochen habe man „in der Diaspora gewerkschaftlichen Handelns“ gut 1000 neue Mitglieder gewonnen. Es gebe „keine Naturgesetzlichkeiten“, dass die IG Metall aufgrund des demografischen Wandels Mitglieder verliert, sagt der Nochvorsitzende. „Wir werden uns nicht mit dem Bild einer schrumpfenden Gewerkschaft zufriedengeben.“

Leichte Mitgliederverluste in Baden-Württemberg

Stagnation
 Nach zwei Coronajahren verweist die IG Metall Baden-Württemberg im Jahr 2022 auf eine stabile Mitgliederentwicklung. Ende vorigen Jahres wurden 425 000 Mitglieder gezählt – das waren 0,7 Prozent weniger als Ende 2021. Im ersten Halbjahr vorigen Jahres ging die Zahl der Mitglieder in den Betrieben um 5000 zurück; im zweiten Halbjahr wurde der Schwund fast wieder aufgeholt.

Jugend
Unter den 27-Jährigen erreichte die IG Metall bis Ende 2022 ein leichtes Plus. „Dass wir besonders bei der Jugend zulegen, bestätigt: Bei der jungen Generation kommen wir trotz rückläufiger Ausbildungszahlen gut an“, sagte der Bezirksleiter Roman Zitzelsberger. Bundesweit sieht sich die IG Metall auch bei den Angestellten immer besser verankert.