Tatort Friedhof: Im Juni 2023 warf ein 24-Jähriger in Altbach eine Handgranate auf eine Trauergemeinde. Der Vorfall gilt als bisheriger Höhepunkt der Gewaltserie in der Region Stuttgart. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Die Auseinandersetzungen rivalisierender Banden in der Region toben seit mehreren Jahren. Höhepunkt der Serie von Gewalttaten war der Handgranatenanschlag von Altbach. Ein Politologe wirft dem Staat jetzt vor, nicht entschlossen genug zu handeln.

Die Bandengewalt in der Region Stuttgart fordert den Staat und die Gesellschaft seit Jahren heraus. Ihren vorläufigen Höhepunkt hatte die jüngste Gewaltserie im Juni 2023 mit dem Handgranatenanschlag von Altbach erreicht, der bis heute die Gerichte beschäftigt. Auf Einladung des Kreisjugendrings Esslingen sprach jetzt der Erlangener Politikwissenschaftler Mahmoud Jaraba im Kultur- und Jugendzentrum Komma darüber, was junge Menschen in kriminelle Netzwerke treibt. Der Forscher vom Zentrum für Islam und Recht befasst sich seit Jahren mit dem Thema Clankriminalität.

 

„Es entwickelt sich eine katastrophale Situation“, warnt Jaraba. Das Bild sei seit einigen Jahren in nahezu allen deutschen Städten ähnlich. Junge Männer schlössen sich in mehr oder weniger festen kriminellen Strukturen zusammen. Die Gruppen seien vor allem im Drogenhandel aktiv. Doch auch Waffenhandel, Schleuseraktivitäten, Betrug, Zwangsprostitution, Schutzgelderpressung und Raub gehörten zu den Betätigungsfeldern. Oft agierten sie keineswegs versteckt im Untergrund, sondern nähmen öffentliche Plätze wie Hauptbahnhöfe in Beschlag. Echte „No-Go-Areas“ gebe es zwar nicht. „Es gibt aber Orte, die von Kriminalität geprägt sind“, so der Forscher vor rund 80 Zuhörern.

Forscher: Polizei ermittelt nicht ausreichend

Nicht ausschließlich, aber meistens seien es Jugendliche und junge Männer mit Migrationshintergrund, die Teil dieser kriminellen Netzwerke seien. Eine Stigmatisierung müsse jedoch vermieden werden, da sie das Problem verstärken könne. Nicht alle Menschen, die beispielsweise bestimmten Familien angehörten, seien kriminell, betonte Jaraba. Dass die Kriminalität für viele junge Männer ein attraktiver Lebensweg sei, habe unterschiedliche Gründe. Zum einen lohne es sich finanziell. Die Angst vor Strafverfolgung sei äußerst gering, und das nicht ohne Grund.

„Die Polizei ermittelt nicht“, ist Mahmoud Jaraba inzwischen überzeugt. Selbst wenn öffentlich auf sozialen Netzwerken im Internet geprahlt werde, passiere nichts. Es gebe Personen mit zig nachgewiesenen Vergehen, die frei herumliefen und immer weitere Straftaten begingen. „Warum gibt es keine Konsequenzen“, fragte Jaraba. Bei vielen Entscheidungsträgern in der Politik sei das Problem noch nicht angekommen, vermutet er. Jugendarbeiter wüssten um die Thematik schon länger, stießen jedoch bisher auf taube Ohren. Anders sei es nicht zu erklären, dass der Bandenkriminalität nicht effektiver entgegengewirkt werde.

Im Raum Stuttgart bekämpfen sich seit mehreren Jahren zwei Gruppen, die laut Jaraba deutschlandweit und international vernetzt sind. Eine Achse ist die Gruppe in Plochingen, Ludwigsburg und Esslingen. Die andere Gruppe zählt Göppingen und Zuffenhausen zu ihrem Gebiet. Der harte Kern sei kurdischer Abstammung, so Mahmoud Jaraba. Rund 500 Mitglieder, meist zwischen 18 und 28 Jahren alt, könnten die Gruppen insgesamt haben.

Im April 2023 wurde auf eine Shisha-Bar beim Bahnhof Plochingen gefeuert. Die Tat gehört zur Schuss-Serie. Foto: SDMG/Kohls

Anders als bei der Clankriminalität scheint beim Phänomen der Banden auch Kriminalität als Lifestyle eine wichtige Rolle zu spielen. Die mediale Selbstdarstellung verstärke die Gruppendynamik, so Jaraba. Hinzu komme, dass in bestimmten Milieus Gewalt als einzige Quelle von Macht und Respekt verherrlicht werde. Im kommenden Jahr soll eine wissenschaftliche Arbeit zu den kriminellen Aktivitäten und Strukturen im Raum Stuttgart erscheinen, kündigte der Redner an.

Die Frauen sind der Schlüssel in die Community

Was kann getan werden? Laut Mahmoud Jaraba gibt es eine einfache Formel: Prävention und Repression. Die Strafverfolgung müsse schneller und effektiver werden. „Wir müssen zeigen, dass sich Kriminalität nicht lohnt“, fordert der Forscher. Von Aussteigerprogrammen hält er wenig. Diese seien teuer und wenig effektiv, weil die Loyalität innerhalb der Clans oder Gruppen sehr groß sei. Besser sei es, auf die Familien einzuwirken. Am besten gelinge dies mit Sozialarbeiterinnen aus der jeweiligen Community, die auf die Frauen zugingen. Denn die Frauen seien in der Regel nicht in kriminelle Geschäfte verstrickt. „Sie sind der Schlüssel“, so Jaraba.

Ist am Ende sogar die Demokratie in Gefahr?

Ob bald mehr finanzielle Mittel für Prävention zur Verfügung gestellt werden, das bezweifelt der Wissenschaftler aber. „Das Geld ist knapp. Wir haben eine ökonomische Krise“, begründet Jaraba seine Skepsis. Wird aber nichts unternommen, werde das Problem weiter wachsen. Gewisse politische Kreise wüssten dies zu nutzen. Am Ende könnte dies sogar zu einer Gefährdung der Demokratie führen.

Herausforderungen der Jugendarbeit

Sprechbar
Die Informationsveranstaltung mit Mahmoud Jaraba war die zweite Veranstaltung der Reihe „Sprechbar“. Das neue Format des Kreisjugendrings befasst sich mit Herausforderungen der Kinder- und Jugendarbeit. Zum Auftakt zu der neuen Gesprächsreihe war über türkischen Nationalismus unter Jugendlichen in Deutschland gesprochen worden.

Termin
Die nächste Sprechbar findet zum Thema „Queer.History.Beats – Internationaler Tag der Menschenrechte“ am Dienstag, 10. Dezember, um 19 Uhr im Komma in Esslingen, Maille 5-9, statt. Der Eintritt kostet 12 Euro. Es gibt einen Vortrag des Historikers Albert Knoll. Anschließend sorgt die queer-feministische Rapperin Finna mit Live-Musik für Unterhaltung.

Kreisjugendring
Der KJR vereinigt als Arbeitsgemeinschaft alle wichtigen Verbände und Organisationen, die im Landkreis Esslingen Jugendarbeit betreiben. Der Verein verknüpft dabei die Kinder- und Jugendarbeit in der Offenen Jugendarbeit und Schule mit der Jugendverbandsarbeit, den kommunalen Jugendreferaten, der Projektarbeit und dem Freiwilligendienst.