Ulrike Vauth von der SV Böblingen bietet einen Gewaltschutzkurs für Frauen an. Die Teilnehmerinnen lernen nicht nur Verteidigungstechniken, sondern entwickeln auch einen Gefahrenradar.
Mit einem Ruck zieht Ulrike Vauth im katholischen Gemeindehaus St. Bonifatius die Jalousien herunter. Die Tische und Stühle sind an den Rand geschoben. An den Wänden hängen ausgedruckte Merkblätter: „Grundsätze der Selbstverteidigung“, „Typische Denkweisen“ und „Empfehlungen, um aus kritischen Situationen rauszukommen“. All diese Themen behandelt die Expertin in ihrem Gewaltschutzkurs für geflüchtete Frauen und Einheimische, der seit ein paar Wochen in Kooperation mit der SV Böblingen angeboten wird.
Selbstverteidigungsangebote gibt es in der Region natürlich viele. Das Besondere an der Herangehensweise von Ulrike Vauth ist aber, dass der Gewaltschutzkurs von Frauen für Frauen organisiert wird. Mit anderen Worten: Männer haben hier keinen Zutritt. „Das liegt ganz einfach daran, dass Frauen unter sich viel offener sind“, erklärt die Leiterin. Das sei vor allem für die Frauen mit Migrationshintergrund wichtig. „Wenn da Männer dabei sind, haben Frauen oft Angst, ausgelacht zu werden, und kommen nicht richtig aus sich heraus.“ Deshalb auch die heruntergelassenen Jalousien. „Das hier ist ein geschützter Raum, wo sich die Frauen sicher fühlen sollen.“
Im Kurs zum Gewaltschutz von Ulrike Vauth spielt das Alter keine Rolle
Für den Gewaltschutzkurs spielt es keine Rolle, wie sportlich oder wie alt man ist. Von Teenagern bis hin zu 65-Jährigen ist alles vertreten. „Ich hatte auch ein paar Mädels hier, die von ihren Müttern hergeschickt wurden“, schmunzelt Ulrike Vauth. Und obwohl sich der Kurs auch explizit an geflüchtete Frauen richtet, sind alle herzlich willkommen. „Übergriffe sind ein Frauenproblem, kein Flüchtlingsproblem“, stellt die Trägerin des 5. Dan im Karate klar. „Und der Kurs ist auch gleichzeitig eine Möglichkeit für Frauen, sich kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen.“
Durch die verschiedenen Nationen kann es natürlich vorkommen, dass die Trainerin sprachlich an ihre Grenzen stößt. Deshalb arbeitet sie mit einer Übersetzerin zusammen. „Mit Händen und Füßen kann man sich schon verständigen.“
Dass man nach fünf Terminen nicht plötzlich jeden Gegner mit einer ausgefeilten Kampfsportbewegung zu Boden streckt, ist der Böblingerin bewusst. Das ist aber auch gar nicht ihr Ziel. „Mir geht es vor allem darum, den Frauen beizubringen, dass sie keine Opfer sind“, sagt sie. „Und dass sie durch kleine Kniffe das Selbstbewusstsein bekommen, sich mit allem zu wehren, was sie haben.“
Wichtig ist hier zunächst einmal, Gefahrensituationen überhaupt zu erkennen. Ulrike Vauth hat nämlich beobachtet, dass das bei vielen Frauen das erste Problem ist. „Junge Mädchen haben oft überhaupt keinen Gefahrenradar“, schüttelt sie den Kopf. „Die laufen blind in ihr Verderben.“ Eine weitere wichtige Lektion sei es, in bedrohlichen Lagen nicht zu erstarren. „Man erlebt oft, dass Frauen Übergriffe von Männern einfach über sich ergehen lassen“, weiß sie. „Und das darf auf keinen Fall passieren.“
Denn: Wer sich nicht von Anfang an gegen das übergriffige Verhalten anderer wehrt, sorgt bei seinem Gegenüber für einen Gewöhnungseffekt. „Wenn eine Frau nicht laut ,Nein’ sagt, glauben die Männer, dass es für die Frau in Ordnung ist“, erläutert Ulrike Vauth. Dieses lautstarke, selbstbewusste und deutliche Nein ist also eine der Übungen, die sie mit ihren Schützlingen durchführt.
Für den Fall, dass es nicht hilft, bringt Ulrike Vauth den Teilnehmerinnen anhand verschiedener Szenarientrainings auch einige praktische Handgriffe bei. Die Frauen lernen zum Beispiel, wie man sich befreit, wenn jemand sie packen will. Flüssig ausgeführt schiebt man mit diesem kleinen Trick selbst Personen weg, die deutlich stärker sind als man selbst. Falls das nicht hilft: „Knie rein oder Handballen aufs Ohr.“
Gewaltschutzkurse bietet Ulrike Vauth übrigens schon seit elf Jahren an, parallel zu ihrer Tätigkeit als Coach bei der SVB. „Karate ist schwer zu lernen“, sagt sie. „Als normale Frau braucht man aber Techniken, die einfach und effektiv sind.“ So sei sie auf das Thema Selbstbehauptung gekommen. Mittlerweile hat sie hier im Rahmen der Guardian-Girls-Ausbildung sogar eine zweite Trainerlizenz ergattert. Der Name steht für ein globales Selbstverteidigungsprojekt für Frauen, das der Weltkarateverband unterstützt.
Ulrike Vauth sieht ihren Gewaltschutzkurs selbst als Start in die Selbstverteidigung an. „Ich empfehle denjenigen, die den Kurs gemacht haben, als nächstes in einen gemischten Kurs zu gehen“, erklärt sie. Das sei wichtig, um die Techniken auch an kräftigeren Personen zu üben. „Und durch den Gewaltschutzkurs sollten die Frauen das nötige Selbstbewusstsein haben, um auch in gemischten Kursen mitzumachen.“
Ulrike Vauth
Karate-Könnerin:
Sie ist seit über 33 Jahren in der Karateabteilung der SV Böblingen aktiv und inzwischen Trägerin des 5. Dan.
Noch mehr Seminare:
Ihr Gewaltschutzkurs findet unter dem Dach der Karate-Abteilung der SV Böblingen statt. Sie bietet noch mehr Seminare und Kurse zum Thema Selbstverteidigung und Selbstbewusstsein an. Infos dazu gibt es unter www.werdundbleibstark.de im Internet.