Hund Rico ist der Arbeitskollege der Psychologin Juliana Florencio. Foto: Florencio

Bei Präventsozial begleiten Hunde ehemalige und psychisch erkrankte Straftäter der Justizvollzugsanstalt Heimsheim. Manchmal wirkt allein die Anwesenheit des Hundes therapeutisch.

Rico sitzt in der Ecke, er traut sich nicht so recht in den Raum, in dem die Psychologin Juliana Florencio mit Amir Kolka (Name von der Redaktion abgeändert) sitzt. Es ist die dritte Sitzung, die sie zusammen mit dem elf Monate alten Hund in den Räumen von Präventsozial in der Neckarstraße absolvieren. Beim ersten Mal sei der Rüde gleich zu Kolka gegangen und habe die ganze Zeit bei ihm gesessen, sagt Florencio. Normalerweise sei Rico schüchtern und brauche Zeit mit ihm unbekannten Menschen, bis er sich entspannen könne.

 

Rico wird als therapeutischer Begleithund eingesetzt, in Amir Kolkas Fall im Rahmen der Forensischen Ambulanz zur Resozialisierung. Ursprünglich kam der 26-Jährige auf gerichtliche Weisung in die Therapie, nachdem er eine Straftat begangen hatte, über die er nicht sprechen will. Die Forensische Ambulanz, so heißt es auf der Webseite von Präventsozial, betreut Gewalt- und Sexualstraftäter. In der Therapie gehe es darum, Rückfallrisiken zu vermindern und weitere Opfer zu vermeiden, indem die psychische Erkrankung in Verbindung mit dem Delikt behandelt werde.

In der Therapiestunde finden ehemalige Straftäter neuen Mut

Mittlerweile müsse er gar nicht mehr zu den Therapiesitzungen kommen, sagt Kolka, er brauche aber jemanden zum Reden. Er komme bereits mehrere Jahre alle zwei Wochen, denn Freunde und Familienangehörige verstünden ihn nicht, fährt er fort. Nach der Therapiestunde finde er dagegen immer wieder neuen Mut.

In den Sitzungen bringe Kolka manchmal ein Thema mit, ansonsten sprechen die beiden viel über Schutz- und Risikofaktoren, ergänzt Florencio.

Auf die Frage, was Rico bei ihm auslöse, sagt Kolka, der Hund sei klein und brauche Liebe. Er habe einen Bezug zu Hunden, weil er früher einen Rottweiler gehabt habe – doch die Verantwortung für den jungen Hund habe ihn überfordert. Manchmal sei er selbst aggressiv gewesen und habe keine Lust auf den Hund gehabt. Der Hund habe ihn aber auch motiviert, regelmäßig raus zu gehen und den Kopf frei zu kriegen. Mittlerweile lebt der Rottweiler bei einem Freund, wo Kolka ihn ab und zu besuchen kann.

Hunde können Menschen ihre Emotionen spiegeln

Ricos therapeutischer Wert bestehe vor allem darin, dass er einfach im Raum sei, sagt Florencio. „Er macht die Atmosphäre ruhig und freundlich“, sagt sie, und ein Hund könne den Klienten auch ihre eigenen Emotionen spiegeln. „Ist mein Freund da?“, fragten manche Klienten schon beim Eintreten.

Im Beisein des Hundes werden die Klienten seltener laut oder aggressiv, sagt Thomas Kammerlander, der Geschäftsführer von Präventsozial. „Dem Hund ist es egal, was man gemacht hat“, ergänzt er. Hunde haben keine Vorurteile, reagieren aber stark auf Körpersprache und Stimme, was die Spiegelung von Emotionen bewirke.

Hunde können auch Menschen mit Behinderung helfen. Foto: dpa/Talpa Germany

Eine Klientin habe einmal Angst vor dem Hund gehabt, dieser wiederum habe diese Angst gespürt und seinerseits Angst vor der Klientin gehabt. Daraufhin habe die Klientin den Hund – und sich selbst damit auch – beruhigt, indem sie zu ihm gesagt habe: „Du brauchst keine Angst haben.“ So ein Prozess, in dem die Klienten sich ihrer Gefühle bewusst würden, diese ausdrückten und einen Umgang damit fänden, sei der Idealfall.

Harte Ausbildung zum Therapiehund

Wenn Rico noch vier Monate älter ist, kann er eine Ausbildung zum Therapiehund beginnen – und mit Klienten auch aktiv im Parkour arbeiten. Ein moderner therapeutischer Ansatz gehe über den Körper und die Emotionen, sagt Florencio. Gedanklich verstehen Menschen zwar vieles, es bewirke aber oft keine Veränderungen.

Bereits der Eignungstest, ob ein Hund überhaupt als Therapiehund ausgebildet werden könne, sei hart: In einer hallenden Tiefgarage werde ein Backblech voller Steine vor ihm auf den Boden geknallt, sagt Kammerlander. Der Hund dürfe sich erschrecken und auch wegspringen – nur aggressiv werden, das dürfe er nicht. Dasselbe gelte in noch drastischeren Situationen für die Ausbildung, in denen der Hund umzingelt werde oder auf Menschen mit fuchtelnden Krücken treffe.

Präventsozial arbeitet nicht nur bei der Resozialisierung von Inhaftierten und in der Forensischen Ambulanz mit Hunden, die Vierbeiner begleiten Betroffene und Angehörige auch vor Gericht oder bei Vernehmungen, sagt Kammerlander – wenn diese Hunde mögen, sei ihnen das oft eine emotionale Stütze. Das Begleitprogramm mit Hunden nennt sich „Mutmacher“.

Ob Amir Kolka sich vorstellen könne, irgendwann wieder die Verantwortung für einen Hund zu übernehmen? „Wenn ich eine Terrasse habe, dann ja“, sagt er. In seiner früheren kleinen Wohnung sei damals zu wenig Platz für einen Hund gewesen.