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Die Randale nach dem 1:1 des VfB gegen Bochum am Samstag hat viele Außenstehende überrascht. Nicht aber Gewaltforscher Gunter A.Pilz.

Stuttgart - Die Randale nach dem 1:1 des VfB gegen Bochum am Samstag hat viele Außenstehende überrascht. Nicht aber Gunter A.Pilz. "Für die Fans ist das Maß eben irgendwann voll", sagt der Fanforscher.

Herr Pilz, hat Sie der Aufstand der VfB-Fans am vergangenen Samstag überrascht?

Das kann einen nicht überraschen. Man weiß, dass Fans stark abhängig sind von Erfolg und diesen auch sehr stark einklagen. Deswegen sind solche Reaktionen bei Misserfolgen nachvollziehbar.

Die VfB-Fans sind sehr lange hinter der Mannschaft gestanden. Wie kommt es, dass sich die Wut so plötzlich und so heftig entlädt?

Irgendwann ist das Maß voll. Man hat ein bestimmtes Leidensmoment und vielleicht die Hoffnung, dass es doch noch gutgeht. Und irgendwann, wenn man merkt, jetzt geht alles den Bach runter und man droht sogar abzusteigen, dann reagiert man anders.

Der Aufstand fand direkt vor dem Vip-Bereich der Mercedes-Benz-Arena statt - oben die Millionäre, unten das Volk . . .

Die heutige Fanszene - gerade die der Ultras - ist sehr kritisch. Sie sind absolut gegen die Eventisierung und Kommerzialisierung des Fußballs. Deshalb haben sie ein ausgeprägtes Feindbild: Das sind diejenigen, die zum Fußball gehen und diesen als ein großes Event sehen - welches dann ärgerlicherweise durch 90 Minuten Fußball unterbrochen wird. Für die Fans ist das Verrat. Es ist die Angst um die Seele des Fußballs und um seine sozialen Wurzeln.

Wird die Kluft zwischen Arm und Reich in den Stadien immer größer?

Wir beobachten, dass es eine zunehmende Differenzierung gibt und damit einhergehend auch eine zunehmende Gewalt innerhalb der Ultraszene - das ist eine Antwort darauf, wie stark sie sich angenommen oder nicht angenommen fühlt und wie stark sie sich Repressalien ausgesetzt sieht. Aktionen wie am Samstag sind Antworten auf diese Entwicklung.

Das Ganze ist also auch ein gesellschaftliches Problem?

Der Fußball ist wie ein Parabolspiegel der Gesellschaft, er bündelt gesellschaftliche Probleme und bringt sie zum Ausdruck. Auch, weil er eine hohe gesellschaftliche und mediale Anerkennung hat. Daher ist er besonders attraktiv für Demonstrationen.

Die Wut richtet sich aber vor allem gegen die Fußball-Profis, die Millionen verdienen, und - nach Ansicht der Fans - zu wenig leisten.

Das ist eine logische Konsequenz. Die Fans haben ein gutes Gespür. Sie wissen, was die Profis verdienen - deshalb werden zu Recht Leistungen eingeklagt. Die Fans selbst bringen ja auch ihre Leistung. Schauen Sie mal in die Fankurve, was die 90 Minuten lang an Spektakel bieten. Eine solche körperliche Leistung bringt kein Profi auf dem Platz.

Stuttgart ist eine von drei Städten, die zwar einen Bundesliga-Verein, aber kein Fan-Projekt hat. Ist das ein Problem?

Dass Stuttgart kein Fan-Projekt hat, ist sogar nach wie vor ein Skandal. Ich denke, Fan-Projekte leisten wichtige und gute Arbeit, aber solche Eskalationen wie die vom vorigen Samstag kann auch ein Fan-Projekt, das aus einem, höchstens zwei Sozialarbeitern besteht, nicht verhindern. So etwas geht nicht mit einem Handschlag. Es kann aber dazu beitragen, dass man für das, was da stattfindet - auch wenn es schwerfällt - ein Stück Verständnis aufbringt und nicht nur mit Gewalt und Gegengewalt reagiert.

Sie sind Mitbegründer des Hannoverschen Fan-Projekts. Was hat es bewirkt?

Das kann man nicht in wenigen Worten sagen. Wir haben aber zum Beispiel das progressivste Modell, was Fans und Polizei anbelangt. Es gibt Konfliktmanager, die dazu beitragen, dass das Problem zwischen Fans und Polizei in Hannover weitgehend befriedet ist.

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