Krawalle in Marseille: Russische Fans attackieren einen Briten. Foto: Getty Images Europe

Wird die Fußball-WM 2018 in Russland eine einzige Randale? Ein Projekt macht sich gegen Rassismus stark – und wendet sich vor allem an junge Leute.

Moskua - Die wackeligen Videoszenen im Internet werden auch ein Jahr danach noch tausendfach angeschaut. Kräftige Körper verkeilen sich ineinander, Flaschen splittern, Stühle fliegen, Sirenen heulen. 150 russische Hooligans randalierten während der Fußball-Europameisterschaft 2016 im Spielort Marseille, 35 Menschen wurden verletzt. Seitdem kehrt eine Frage immer wieder: Droht bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland ein Festival der Schläger?

Robert Ustian schüttelt den Kopf, wirkt ein wenig genervt. Er ist Fan des Spitzenklubs ZSKA Moskau und dokumentiert Gewalt und rechtsextreme Symbole. „Die Regierung ist um ein skandalfreies Turnier bemüht“, sagt Ustian. Die Offensive der Sicherheitsbehörden werde man schon beim Confederations Cup beobachten, die WM-Generalprobe beginnt an diesem Samstag. Die russische Polizei wird in den vier Spielorten massiv präsent sein. Zuvor wurden Gesetze verschärft und Hooligan-Anführer mit Hausarrest belegt. Einige Nazisymbole in Stadien wurden verboten und einschlägige Gruppen verbannt.

Robert Ustian besucht fast jedes Spiel von ZSKA

Auf den zweiten Blick drängen sich also andere Fragen auf: Was passiert, wenn das globale Rampenlicht nach der WM 2018 wieder erlischt? Und kann man vielleicht auch, statt Gesetze zu verschärfen, Präventionsarbeit leisten?

Robert Ustian, 33, ist einer, der die Initiative ergriffen hat. Er wuchs in Abchasien auf, einer Region im Süden des Kaukasus. Während des politischen Umbruchs Anfang der neunziger Jahre lebte seine Familie in Armut. Der Konflikt mit Georgien wurde zum Krieg. Ustian erzählt, dass seine Leidenschaft für ZSKA Moskau seine Alltagsängste gemindert habe. Später studierte er Wirtschaft, bereiste die Welt, erhielt Jobangebote. Doch er zog nach Moskau wegen des Fußballs. Und besuchte fast jedes Spiel von ZSKA, dem einstigen Stolz der sowjetischen Armee.

Aus Stolz wurde Scham, als ZSKA 2014 in der Champions League beim AS Rom spielte. Moskauer Hooligans zettelten Schlägereien an, zeigten Symbole der Waffen-SS, bewarfen italienische Fans mit Böllern. ZSKA erhielt eine hohe Geldstrafe und musste mehrere Spiele ohne Zuschauer bestreiten. Robert Ustian fragte sich: „Wie können einige Dutzend Leute so den Ruf einer großen Fanszene beschädigen?“

Russen suchen eine übergreifende Identität

Er rief seine Freunde an und schrieb einen Artikel für ein Internetportal, darin ging es um Respekt und um eine vielfältige Fanszene. Was ihn überraschte, waren die vielen positiven Antworten. Seitdem veröffentlicht Ustian Fotos, Botschaften und Interviews in sozialen Medien. Gegen Affenlaute im Stadion, gegen Hakenkreuzfahnen und das Verbrennen des Koran. Auch der Verein ZSKA verbreitet inzwischen die Inhalte der „ZSKA-Fans gegen Rassismus“. Ustian und seine Freunde stießen damit eine Basisbewegung an, die es in Russland so noch nicht gab.

Und sie werben für eine gesellschaftliche Betrachtung, die über Glitzerereignisse wie Confed-Cup und WM hinausweist. Hooligans schaffen nämlich eine brutale Ausdrucksform für weit verbreitete Meinungen. Das Riesenreich Russland mit seinen 100 ethnischen Gruppen sucht noch immer eine übergreifende Identität. Viele Menschen kompensieren ihre sozialen Sorgen mit Ablehnung gegen „äußere Feinde“, vor allem Minderheiten aus dem Kaukasus und Zentralasien.

Diese Entwicklung verdichtet sich in Fußballstrukturen: Alexander Schprygin, einst führender Neonazi in Moskau, leitete bis 2016 den Dachverband russischer Fans. Überdies arbeitete er für Igor Lebedew, den stellvertretenden Präsidenten des Parlaments. Lebedew, Sohn eines rechtsextremen Politikers, kommentierte die Ausschreitungen bei der EM so: „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs!“ Unter öffentlichem Druck wurde Alexander Schprygin später verhaftet, in einer Hoteltoilette, begleitet von Fernsehkameras.

Ustian kann sich keine Jahreskarte fürs Stadion kaufen

Schprygin ist längst wieder frei. Und es mehren sich die Gerüchte, dass er im Hintergrund weiter die Fäden zieht. Sein Netzwerk aus den neunziger Jahren bleibt dicht geknüpft. Damals, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, hatte die wachsende Neonaziszene kaum staatliche Gegenwehr zu fürchten. Verbindungen mit rechtsextremen Bewegungen anderer Länder wurden und werden vertieft, mit der Goldenen Morgenröte in Griechenland, Jobbik in Ungarn, dem Front National in Frankreich. Auch in Russland lassen sich Fans mitunter von nationalistischen Lokalpolitikern für Demonstrationen einspannen.

Robert Ustian ist sich bewusst, dass er Männer mit Überlegenheitsfantasien jenseits der Dreißig nicht mehr erreichen kann. Und er hat auch gelernt, dass sich Medien vorwiegend für spektakuläre Bilder der gut trainierten Straßenkämpfer interessieren. Ustian kann sich keine Jahreskarte fürs Stadion kaufen. Dann wüssten die Neonazis, wo er genau sitzt. Trotzdem richtet er sich an die junge Generation, an die Meinungsführer von morgen: „Früher dachten Fans, sie könnten nur als Rechtsextreme und Gewalttätige in der Kurve mitmachen. Aber wir wollen Jugendlichen eine neue Identifikation bieten. Man kann Fußball lieben und sich zugleich für Bildung und Sprachen interessieren. Jeder sollte sich in unserem Stadion wohlfühlen, unabhängig von Hautfarbe oder Sexualität.“ Ustians Engagement hat sich international herumgesprochen. Er wurde als Experte in ein wichtiges Fannetzwerk berufen: Football Supporters Europe. Nun reist er durch Europa, spricht auf Konferenzen, erweitert sein Wissen und gibt seine Erfahrungen weiter.

Annexion der Krim 2014 verstärkte den Nationalismus

Die Frage ist nur, ob die russischen Behörden das uneingeschränkt gutheißen. Der Begriff Zivilgesellschaft wird in Russland anders interpretiert als in Westeuropa oder in den USA. Die Revolutionen in Georgien 2003 und in der Ukraine 2004 schürten im Kreml ebenso die Sorgen vor dem Machtverlust wie der Arabische Frühling und die Protestwelle in Russland 2011. Seit der Wiederwahl von Wladimir Putin zum Präsidenten 2012 zählten Menschenrechtler dreißig neue Gesetze und Gesetzesänderungen, die persönliche Freiheitsrechte einschränken. Die Annexion der Krim 2014 verstärkte den Nationalismus. Abweichende Meinungen werden als „unpatriotisch“ dämonisiert. Mehr als 150 Organisationen der Zivilgesellschaft werden mittlerweile als „ausländische Agenten“ gelistet. Auch Mitarbeiter deutscher Stiftungen spüren den Druck der Regierung, durch Razzien, Verhöre, Bürokratie.

Für den Confederation Cup wurde die Versammlungsfreiheit weiter eingeschränkt. Regierungskritische Proteste wie beim letzten Turnier 2013 in Brasilien sollen sich nicht wiederholen. Dabei sind die Themen von damals auch in Russland aktuell, wie die landesweiten Proteste am Montag gezeigt haben: staatliche Korruption, die Ausbeutung von Leiharbeitern, die Vertreibung von Bewohnern. Das ausländische Interesse jedenfalls ist bescheiden, der Ticketverkauf für die Spiele liegt weit hinter den Erwartungen.

Der DFB will Brücken bauen

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) erörtert man seit Langem, wie man sich gegenüber Russland verhalten soll. DFB-Präsident Reinhard Grindel möchte „kleine, zivilgesellschaftliche Brücken bauen“. Jugendspiele, Besuche von historischen Stätten, Begegnungen mit NGOs. Am Wochenende wird Grindel beim „Petersburger Dialog“ Kontakte knüpfen – mit dabei: der ehemalige Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, DFB-Botschafter für Vielfalt. Doch die öffentliche Unterstützung aus dem Ausland könnte den Aktivisten vor Ort langfristig auch schaden. Wie politisch dürfen, wie politisch müssen sich Fußballer verhalten?

Robert Ustian ist Mitglied eines Debattierklubs, er wirbt für einen Dialog auf Augenhöhe. Vor Kurzem lernte er auf einer Konferenz Vertreter von Borussia Dortmund kennen. „Diese Leute haben nicht mit dem Finger auf uns gezeigt. Sie sprachen über eigene Probleme mit rechten Fans – und über Lösungen. Aber es gibt Organisationen, die uns ständig belehren wollen.“ Ustian nennt Amnesty International oder Human Rights Watch, die Vertrauen verspielt hätten. „Man muss sich auf die Geschichte und die Besonderheiten unseres Landes einlassen, nur so kann man etwas bewirken.“ Robert Ustian wünscht sich, dass seine 143 Millionen Landsleute nicht auf einen autokratischen Präsidenten reduziert werden. Er und seine Freunde suchen Mitstreiter, sie wollen etwas bewegen, sie lieben den Fußball. Und die WM 2018 könnte ihre Botschaft so laut klingen lassen wie nie zuvor.

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