Detlev Zander (links) und Werner Hoeckh sind nicht einverstanden. Foto: factum/Weise

Brigitte Baums-Stammberger und Benno Hafeneger sollen es richten: Im zweiten Anlauf soll die Aufklärung der Vorfälle in Einrichtungen der Brüdergemeinde gelingen. Es werden allerdings schon Zweifel laut.

Korntal-Münchingen - Die Aufklärung hat begonnen.“ Mit diesen Worten nehmen die Brüdergemeinde und ehemalige Korntaler Heimkinder einen erneuten Anlauf, den Missbrauchsskandal in den Einrichtungen der Brüdergemeinde aufzuarbeiten. Am Montag wurden in Stuttgart die Wissenschaftler Benno Hafeneger und Brigitte Baums-Stammberger vorgestellt.

Die ehemalige Richterin Baums-Stammberger soll die Fälle aufnehmen und auf Plausibilität prüfen. Der Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger zählt zu den renommierten Jugendforschern. Er wird sich mit institutionellem Versagen befassen. Beide stellten in der Vorstellung ihre Berufserfahrung heraus.

Emotionale Momente bei der Präsentation

Bis Ende 2018 soll der Aufklärungsprozess beendet sein. Die beiden Wissenschaftlern gehen davon aus, nach 20 bis 30 Gesprächen mit Betroffenen einen Überblick zu haben. Dann könnte die Vergabekommission erstmals zusammentreten. Sie ist bisher nicht besetzt und wird über Entschädigungszahlungen entscheiden.

Bei der Präsentation in Stuttgart ging es phasenweise emotional zu, als sich ehemalige Heimkinder Gehör verschafften. Ihre Kritik am vorangegangenen Mediationsprozess und die in ihren Augen falsche Schwerpunktsetzung auf die wissenschaftliche Aufarbeitung brachten sie lautstark zu Gehör. Werner Hoeckh etwa vermutet, die wissenschaftliche Aufarbeitung nehme einen größeren Raum ein als die Entscheidung über Anerkennungsleistungen. Detlev Zander wiederum fordert, die evangelische Landeskirche und die Diakonie Württemberg zu beteiligen. „Es ist traurig und absurd. Wir sprechen von Aufklärung, dann müssen doch die Entscheidungsträger am Tisch sitzen.“ Er zweifelte die Unabhängigkeit der Aufklärer an. Im Mai 2014 hatte das ehemalige Heimkind Zander die Fälle von psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt in den Einrichtungen der evangelischen Brüdergemeinde in den 50er und 60er Jahren publik gemacht.

Detlev Zander stellt Unabhängigkeit in Frage

Es ist nun der wiederholte Versuch einer Aufarbeitung binnen drei Jahren. Nach dem Scheitern der Landshuter Wissenschaftlerin Mechthild Wolff war zuletzt die Benennung eines Aufklärers gescheitert.

Beauftragt wurden die Wissenschaftler von einer Auftraggebergruppe. In ihr sind Vertreter der Brüdergemeinde, der Opfergruppierung AG Heimopfer sowie zwei nicht organisierte Ex-Heimkinder vertreten. „Wir sind erleichtert und froh, dass Betroffene und Beteiligte es nach Jahren der Diskussionen und Hindernisse nun gemeinsam geschafft haben, unabhängige Aufklärer zu beauftragen“, sagt der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen. Er bekräftigte, den Geschädigten bis zu 5000 Euro für die Anerkennung ihres Leids zu bezahlen, in Ausnahmen auch mehr. Darauf hob auch Wolfgang Schulz von der AG Heimopfer ab. Detlev Zander wiederum ist der Sprecher der zweiten Gruppe, dem Betroffenenforum. Er gehört nicht der Auftraggebergruppe an und kritisiert die Personalentscheidung. Eine Aufklärerin müsse eine Vertrauensperson sein, das sei aber nur bedingt der Fall. „Dass 5000 Euro für einen Hartz-IV-Empfänger viel Geld sind, ist doch klar“, sagt er, überzeugt davon, dass sich viele Betroffene an sie wenden werden, obwohl sie nicht unabhängig sei. „Das ist das Perverse, die Betroffenen werden geködert.“

Man könne doch nicht Zahlungen abhängig machen von einer vorausgegangenen Befragung. Manches Opfer wolle seine Erlebnisse nicht mehr schildern, sagt Zander. Das Netzwerk Betroffenenforum hatte sich aus Kritik an den Mediatoren Elisabeth Rohr und Gerd Bauz aus dem Mediationsprozess verabschiedet. Daraus ging die Auftraggebergruppe hervor, die nun die Wissenschaftler benannt hat.

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