Gewalt innerhalb der Familie wird oft verschwiegen und vor Außenstehenden verborgen. Foto: IMAGO/Pond5 Images

Gewalt von Kindern gegenüber ihren Eltern bleibt oft im Verborgenen – dabei betrifft das Problem viele Familien. Jugendliche in Baden-Württemberg werden immer gewalttätiger.

Es war eine Gewalttat, die die Ruhrgebietsstadt Herdecke Anfang Oktober nachhaltig erschütterte: Iris Stalzer, neu gewählte Bürgermeisterin der 23 000-Einwohner-Stadt, wurde Opfer einer Messerattacke – die 57-Jährige kam mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus. Der nächste Schock folgte einen Tag später, als klar wurde, wer beschuldigt wurde, die Tat verübt zu haben: die 17-jährige Adoptivtochter der SPD-Politikerin nämlich. Auch der 15-jährige Adoptivsohn soll beteiligt gewesen sein. In Medienberichten kamen in der Folge weitere Details ans Licht: Demnach soll Stalzer von den Jugendlichen im Keller ihres Hauses festgehalten und misshandelt worden sein, bevor die Adoptivtochter dann mit einem Messer zustach – anschließend aber immerhin selbst den Rettungsdienst alarmierte.

 

Bei der Gewalt geht es nicht um Kleinkinder

Über Eltern, die ihre Kinder schlagen oder gar missbrauchen, wird öfter berichtet. Von Jugendlichen und Kindern, die gegenüber ihren Eltern gewalttätig werden, hört man hingegen kaum. Dabei kommt das Problem gar nicht so selten vor: „Nach international übereinstimmenden Schätzungen zeigen etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen ein derartiges Verhalten“, sagt Wilhelm Rotthaus, Kinder- und Jugendpsychiater aus Bergheim bei Köln. Er verweist auf amerikanische Untersuchungen, wonach geschätzt um die zehn Prozent oder etwas mehr der Eltern Gewalterfahrungen mit dem Nachwuchs machen – manchmal nur einmal, in anderen Fällen regelmäßig. Zehn Prozent – übertragen auf Deutschland, würde das bei rund 8,4 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern bedeuten, dass rund 840 000 Familien hierzulande Erfahrungen mit gewalttätigem Nachwuchs machen müssen.

Dabei geht es nicht um Kleinkinder, die in einer Trotzphase unkontrolliert um sich schlagen, sondern um die Älteren. Dass Kleinkinder mit einem Wutanfall oder körperlichem Aggressionsverhalten wie Hauen oder Treten reagieren, wenn sie ihren Willen nicht bekommen, ist ein ganz natürliches Verhalten: Im Alter von etwa zwei bis drei Jahren entdecken die Kinder ihre Umwelt – und lernen, dass ihre Bedürfnisse manchmal nicht mit denen der Mitmenschen übereinstimmen. Dann handeln sie impulsiv, weil sie noch keine komplexen Konfliktlösungsstrategien erlernt haben – und das kann dann auch mal einen Tritt gegen das Schienbein von Mutter oder Vater zur Folge haben.

Viele betroffenen Eltern schämen sich sehr

Durch bedachte Reaktionen der Bezugspersonen auf die Wutausbrüche lernen sie, sich im Sozialgefüge zurechtzufinden. Nach einer kanadischen Studie kommt physisch aggressives Verhalten in der Altersspanne von eineinhalb bis dreieinhalb Jahren am häufigsten vor und ebbt nach dieser Zeit ab.

Doch eben nicht immer – und wenn auch ältere Kinder gegenüber ihren Eltern und anderen Bezugspersonen aggressiv werden, wird es zum Problem. Viele Eltern trauen sich dann nicht, mit ihrem Problem zu Hilfsstellen oder zum Familientherapeuten zu gehen. Sie schämen sich zu sehr, denn das Drama passiert schließlich genau dort, wo viele sich Wärme, Zuflucht und eine heile Welt erhoffen. Zudem haben viele das Gefühl, selbst schuld zu sein an dem Problem – also in der Erziehung versagt zu haben. So einfach ist es aber nicht: „Eltern verursachen nie einseitig das Problem ihrer Kinder“, sagt Rotthaus. „Sie schaffen allerdings möglicherweise ungünstige Bedingungen für deren Entwicklung.“ Auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen sei die Problematik dabei nicht begrenzt. „Aus meiner Übersicht kann ich sagen, dass dieses Phänomen in allen Gesellschaftsschichten auftritt“, erklärt Rotthaus. Die Täter seien bis etwa zum 14. Lebensjahr Söhne und Töchter gleichermaßen. „Im späteren Alter überwiegend die Söhne.“

Vor allem der seelische Terror setze den Eltern dabei zu, so der Psychiater. „Ich erinnere mich gut an eine Mutter, die sagte: Dass meine Tochter mich schlägt, das ist nicht schön. Aber mit welcher Verachtung sie mir begegnet, das ist schrecklich.“

Bei Problemen mit Gewalt spiele Geheimhaltung oft eine Rolle

Die Umstände, die zu der Situation führen, seien sehr individuell, betont Rotthaus. „Ich glaube, man darf nicht so sehr auf den Jugendlichen isoliert gucken.“ Hätten die Eltern beispielsweise selbst psychische oder körperliche Probleme, könnte das eine Eskalation fördern – es komme dann nämlich mitunter zu einer Umkehr der Hierarchie. „Die oder der Jugendliche oder das Kind wird Chef der Familie“, erläutert Rotthaus. Damit sei das Kind aber total überfordert. Die Kinder und Jugendlichen seien mit der Situation oft genauso unzufrieden wie die Eltern, leiden darunter und würden es gerne ändern – der Ausbruch aus der frustrierenden Lage sei aber schwierig. „Die Eltern denken, dass sie wahrscheinlich die Einzigen in ganz Deutschland sind, denen so was passiert“, sagt Rotthaus.

Je größer das Problem dann werde, desto mehr schotteten sich viele Eltern nach außen ab. Doch die Suche nach Hilfe sei ein wichtiger erster Schritt. Zwar könne das die Lage auch nochmals zuspitzen, zumindest kurzfristig. Trotzdem sei der Weg nach außen wichtig. Bei Problemen mit Gewalt spiele Geheimhaltung oft eine Rolle, sagt Rotthaus. „Die Aufhebung der Verschwiegenheit und Heimlichkeit ist etwas ungeheuer Wirksames.“

Jugendliche in Baden-Württemberg werden immer gewalttätiger

Und sie ist auch notwendig, denn wenn die Hemmschwelle gegenüber den engsten Bezugspersonen bereits gefallen ist, kann man auch mit Gewalttätigkeit im erweiterten Umfeld wie etwa der Schule rechnen. Dass es hier ein zunehmendes Problem gibt, zeigt ein Blick auf die amtliche Kriminalstatistik. Demnach werden Jugendliche in Baden-Württemberg immer gewalttätiger und landen daher auch zunehmend auf der Anklagebank. Nach Angaben des Justizministeriums in Stuttgart stieg die Zahl der Urteile wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren im Laufe des vergangenen Jahres um 27,1 Prozent. Mehr als jeder dritte verurteilte Jugendliche und Heranwachsende ist dabei der Statistik zufolge ein Wiederholungstäter. „Das Bild der Gewalt in dieser Altersgruppe ist besorgniserregend“, erklärt Justizministerin Marion Gentges (CDU).

Sorgen bereiten der Ministerin auch Zahlen, die gar nicht erst in der Statistik auftauchen. Denn wer jünger ist als 14 und somit nicht strafmündig, wird in Deutschland nicht verurteilt. Die Justiz habe keine Chance, auf Kinder einzuwirken, die Straftaten begingen. „Und wenn jemand schon sehr früh Straftaten begeht, dann ist die Gefahr natürlich groß, dass sich das verfestigt, bevor die Justiz eingreifen kann“, sagt die CDU-Ministerin. Sie spricht sich deshalb dafür aus, Fragen zur Strafmündigkeit, zur Einsichts- und Steuerungsfähigkeit von Kindern wissenschaftlich zu untersuchen. Nur dann könnten auch Konsequenzen für ihre Strafbarkeit beraten und die Frage beantwortet werden, ab wann mit Strafen reagiert werden könne.

Wo Eltern Hilfe finden können

Eine erste Anlaufstelle bei Familienproblemen kann die Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) sein. Per Mail und Chat können betroffene Eltern und natürlich auch Jugendliche mit Sozialpädagogen kommunizieren – anonym und vertraulich. Die Experten vermitteln dann entsprechende Kontakte in der Region und geben Ratschläge zum weiteren Vorgehen (www.bke-beratung.de).

Iris Stalzer lag übrigens rund drei Wochen im Krankenhaus, ihren Amtseid als Herdecker Bürgermeisterin legte sie daher etwas verspätet Anfang November ab. „Ich bin dank der sehr guten Erstversorgung und der sehr guten Versorgung in der Klinik schnell genesen“, sagte sie bei ihrer Antrittsrede. Ihre Adoptivtochter und ihr Adoptivsohn leben allerdings nicht mehr bei ihr – sie befinden sich in der Obhut des Herdecker Jugendamtes. Gegen die 17-jährige Adoptivtochter wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Sie ist zwar auf freiem Fuß, muss sich aber jeden Tag bei der Polizei melden.