Spezialkräfte der Polizei bereiten sich am 25.07.2016 nach einem Bombenanschlag am Tatort in Ansbach auf ihren Einsatz vor. Foto: dpa

Nizza, Würzburg, München, Ansbach. Schlag auf Schlag folgten vor einem Jahr die Gewaltakte aufeinander, und der Terror erreichte die Provinz. Im Rückblick wird deutlich: Es waren Tage, die Deutschland verändert haben.

Berlin - 10. Juli 2016, Endspiel der Fußball-EM in Paris. Viele haben an diesem Tag ein mulmiges Gefühl: Die Angst geht um vor einem neuen Terroranschlag wie im November 2015 beim Freundschaftsspiel Deutschland-Frankreich. Aber es bleibt ruhig. Portugal wird Europameister, allgemeine Erleichterung. Und dann, als Frankreich gerade aufatmet, beginnt die Woche des Schreckens.

Am 14. Juli 2016, dem Nationalfeiertag, rast ein junger Tunesier in einem 19 Tonnen schweren Lastwagen über die dicht bevölkerte Strandpromenade von Nizza. Zwei Kilometer weit. Mindestens 86 Menschen sterben.

Nächster Abend: Kampfflugzeuge über Ankara, Panzer in Istanbul. Teile des Militärs versuchen zu putschen, aber Präsident Recep Tayyip Erdogan appelliert an die Türken, auf die Straße zu gehen. Bei Sonnenaufgang ist der Umsturz gescheitert - Demonstranten erklimmen die Panzer auf der Bosporus-Brücke. Noch am selben Tag wird deutlich: Der misslungene Putsch spielt Erdogan in die Hände.

Alarmzustand in München

Drei Tage später, es ist Montag, der 18. Juli. In einem Regionalzug bei Würzburg geht ein 17-Jähriger mit Axt und Messer auf Fahrgäste los und verletzt vier von ihnen. Polizisten erschießen den Jugendlichen. Später taucht ein Video auf, in dem sich der unbegleitete Flüchtling als Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ dargestellt hat.

Freitagabend, 22. Juli. Es ist viel Betrieb auf den Straßen in München. Da gibt es Alarm: Schüsse im Olympia-Einkaufszentrum! Menschen flüchten in Kaufhäuser, in Keller, in Wohnungen von Fremden. Ärzte und Pfleger hasten in die Kliniken. Polizisten, viele schon im Feierabend, eilen zurück. Der Amoklauf eines Einzelnen - wie erst viel später klar wird - versetzt München in den größten Ausnahmezustand der Nachkriegszeit.

Sonntag, 24. Juli. Open-Air-Musikfestival im bayerischen Ansbach. Plötzlich ein Knall - ein 27 Jahre alter Mann hat sich mit einer Rucksackbombe in die Luft gesprengt. 15 Menschen werden verletzt. Der syrische Flüchtling stand vor der Abschiebung nach Bulgarien. Zwei Tage später das nächste Attentat, diesmal wieder in Frankreich: Der 86 Jahre alte Priester Jacques Hamel wird in einer Kirche in der Normandie ermordet. Vor den Augen von Gottesdienstbesuchern.

Keine Zeit mehr zur Verarbeitung

„Bayern erlebt Tage es Schreckens“, hat Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) damals gesagt. Doch die dritte Juliwoche 2016 hat nicht nur Bayern, sondern ganz Deutschland ins Mark getroffen, und dies aus zwei Gründen. Zum einen ist da die beispiellos dichte Folge von Gewalttaten. Wenn die Einschläge so schnell kommen, bleibt keine Zeit mehr zur Verarbeitung oder gar zur Besinnung. Manche Menschen sagen, in jener Woche hätten sie aufgehört, regelmäßig Nachrichten zu schauen.

Der zweite Grund ist, dass der islamistische Terror in dieser Woche die Provinz erreicht hat. Gerade die Deutschen hatten sich bis dahin mit dem Gedanken getröstet, dass sie selbst vor Anschlägen gefeit seien: „Hier kann das nicht passieren“ oder „Wenn, dann geschieht es in Berlin“ - so dachten viele. Es klang auch in der Berichterstattung über die Terroranschläge von Brüssel im März 2016 durch. Zwischen den Zeilen schwang mit: Belgien ist ein zerrissenes Land mit schlechter Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden, Belgien hat Brutstätten des Terrors wie den Brüsseler Stadtteil Molenbeek. In Deutschland ist das anders.

Hundertprozentige Sicherheit gab und gibt es nie

Für das glückliche, erfolgreiche Bayern galt diese Haltung vielleicht in besonderem Maße. Von außen betrachtet schien es jedenfalls so. Der britische „Guardian“ erläuterte seiner internationalen Leserschaft im Juli 2016: „In München haben die Leute mehr Angst davor, von der Polizei dabei erwischt zu werden, wie sie mit dem Fahrrad über Rot fahren, als Opfer eines Verbrechens zu werden. München ist die Hauptstadt des „Hier kann das nicht passieren.““

So musste Deutschland in jenem Sommer die schmerzliche Erfahrung machen, dass es gegen den islamistischen Terror ebenso wenig immun ist wie Frankreich oder Belgien. Hundertprozentige Sicherheit ist nicht möglich, selbst wenn man auf einen Strandurlaub in Tunesien und einen Kurztrip nach Paris oder London verzichtet. Es kann einen auch treffen, wenn man ein Open-Air-Festival in der Provinz besucht oder mit der Bimmelbahn nach Nirgendwo fährt.

Das ist eine Erkenntnis, die jeder Bürger erst einmal verdauen muss. Was nicht leicht fällt, vor allem wenn man noch in der alten Bundesrepublik groß geworden ist, als alles so festgefügt und unerschütterlich schien.

Hektischer Aktionismus

„Wenn ich versuche, für die Zeit, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich, am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit. Dieses Gefühl der Sicherheit war das gemeinsame Lebensideal. An barbarische Rückfälle glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster. Beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz.“ Das sagt der Schrifststeller Stefan Zweig in seinem Buch „Die Welt von Gestern“ - über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Seine Generation wurde auf viel fundamentalere Weise in ihrem Sicherheitsgefühl erschüttert als die heute Lebenden. Und dennoch ist seine Analyse aktuell.

Angesichts der allgemeinen Verunsicherung verfielen einige Politiker in hektischen Aktionismus. Kurzzeitig flammte sogar eine Debatte über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren auf. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte nach dem Amoklauf in München 100 Soldaten in Bereitschaft versetzen lassen, weil die Polizei zunächst von einer „akuten Terrorlage“ ausging. Die bayerische Landesregierung beschloss ein Konzept mit dem Titel „Sicherheit durch Stärke“.

Deutschland hat nicht die Nerven verloren

Noch brisanter wurde die emotionale Gemengelage durch den Flüchtlingshintergrund der Attentäter von Würzburg und Ansbach. Hatte sich Deutschland mit der Aufnahme von einer Million Flüchtlingen vielleicht doch zuviel zugemutet? Hetzer und Extremisten taten alles dafür, um diesen Eindruck zu verstärken.

Die Situation war so angespannt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihren Urlaub in der Uckermark unterbrach und bei einer Pressekonferenz in Berlin um Zuversicht warb. „Ich habe vor elf Monaten nicht gesagt, dass das eine einfache Sache würde, die wir mal nebenbei erledigen können“, rief sie in Erinnerung. Dennoch bleibe sie dabei: „Wir schaffen das. Und wir haben im Übrigen in den letzten elf Monaten sehr, sehr viel bereits geschafft.“ Für ihre Ruhe inmitten der Aufregung könne man sie gar nicht genug loben, kommentierte der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg („Blaue Montage“): „Aus ihrem Mund keine Kriegserklärungen.“

Fast ein Jahr ist seitdem vergangen. Im zeitlichen Abstand erscheint manches klarer. Zu allererst lässt sich feststellen: Deutschland hat nicht die Nerven verloren. Eine Kölner Medizinerin, die im vergangenen Oktober eine Landarztpraxis im tiefsten Bayern übernahm, berichtet: Kein Flüchtling, der als Patient zu ihr kommt, ist allein. Jeder hat einen freiwilligen Helfer zur Seite, der ihm beisteht, der vermittelt, erklärt, mitunter auch dolmetscht. Das ist Bayern im Jahr 2017. Ende der Willkommenskultur? So pauschal sicher nicht.

Naive Vorstellung

Spuren hat die Anschlagsserie vor allem im Sicherheitsbewusstsein der Bevölkerung hinterlassen. Jeder Zweite fühlt sich heute unsicherer, ergab eine Umfrage des Instituts YouGov Deutschland im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. 40 Prozent gaben an, ihr Sicherheitsgefühl sei unverändert. Vier von fünf (84 Prozent) sehen eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass islamistische Extremisten in den nächsten zwölf Monaten in Deutschland einen neuen Anschlag verüben.

Mehr als die Hälfte (56 Prozent) glaubt, dass die Menschen lernen müssen, mit Terroranschlägen in Deutschland zu leben. Es ist tatsächlich ein Erfahrungswert anderer Gesellschaften - Großbritannien auf dem Höhepunkt des IRA-Terrors, Israel seit Jahrzehnten - dass man sich damit arrangiert. Experten wie der Psychiater Borwin Bandelow glauben: Beim Besuch eines großen Konzerts wird man die Terrorgefahr bald ebenso selbstverständlich mit einkalkulieren wie bei einer langen Autofahrt das statistische Risiko eines tödlichen Verkehrsunfalls.

Deutschland als Insel der Seligen, eine solche Vorstellung war letztlich wohl auch naiv. Man habe sich lange Zeit etwas vorgemacht, musste sich schon Stefan Zweig eingestehen: „Heute wissen wir endgültig, dass jene Welt der Sicherheit ein Traumschloss gewesen ist.“

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