Immer wieder kommt es im Amateurfußball zu Schlägereien und unschönen Szenen – auch in der Region Stuttgart. Wie oft es in den unteren Ligen „knallt“ – und wie sich der wfv äußert.
Es sind Fälle wie vom vergangenen Wochenende, die immer wieder für Aufsehen im Amateurfußball sorgen: In der Partie zwischen dem TSV Korntal und Türkspor Ditzingen spielen sich wilde Szenen ab. Ein Zuschauer rastet komplett aus, schlägt und tritt auf einen Spieler ein. Die Kreisliga-B-Partie wird abgebrochen, die Polizei ermittelt.
Nicht das einzige Negativbeispiel im Amateurfußball in jüngster Zeit: Bereits Mitte November prügelten sich rund 30 Personen am Rande eines Jugendspiels in Stuttgart-Zuffenhausen. Auch hier ermittelt die Polizei.
Nehmen die Fälle zu? Hat der Amateurfußball gar ein Gewaltproblem? Eine eindeutige Antworten auf die erste Frage gibt es nicht. Lückenlos dokumentiert sind die Fälle nicht, in den Systemen der Polizei in Baden-Württemberg finden sich keine sogenannten Kenner, mit denen Einsätze bei Amateurfußballspielen erfasst werden.
Der Württembergische Fußball-Verbands (wfv) führt eine Statistik. Ob ein Vorfall dokumentiert wird, hängt jedoch davon ab, ob der Schiedsrichter oder die Schiedsrichterin diesen im Spielbericht vermerkt. „Hier liegen Unschärfen aufgrund der subjektiven Wahrnehmung vor“, sagt wfv-Pressesprecher Heiner Baumeister.
wfv: So oft „knallt“ es bei Fußballspielen im Amateurbereich
Laut Philipp Martens, der hauptamtlich beim wfv tätig und für das Thema Gewaltprävention verantwortlich ist, sind Schlägereien, Beleidigungen und ähnliche Vorkommnisse in den vergangenen zehn Jahren sogar eher leicht zurückgegangen. In der zurückliegenden Spielzeit 2024/2025 habe es durchschnittlich in jedem 40. Spiel eine Verurteilung nach einem „Gewaltparagraphen“ gegeben. Die Bandbreite und Schwere der Vorfälle ist dabei groß. „Das geht von Beleidigungen bis zur körperlichen Auseinandersetzung“, sagt Martens.
In der vergangenen Saison habe es in jedem 303. Spiel „massiv geknallt“, so der 38-Jährige. Darunter fallen laut ihm etwa Schlägereien mit mehreren Personen und Spielabbrüche. Insgesamt sind 62.216 Partien in der Statistik des wfv für 2024/25 berücksichtigt, von den C-Junioren bis zu den Herren und Frauen. „Im Jugendbereich gibt es sicher auch mal Ärger“, sagt Martens, „aber das ist eher eine Randerscheinung“.
Eine Beobachtung haben die Verantwortlichen beim wfv dazu gemacht: Die Vorfälle häufen sich immer zu zwei Zeitpunkten im Jahr: im Spätherbst (November) und wenn es in die heiße Phase der Saison geht (April/Mai). Über die Gründe lässt sich nur mutmaßen. „Im Herbst sind die Plätze schlecht, die ersten Hoffnungen sind verfolgen und die Stimmung trübt sich insgesamt ein. Im Saisonendspurt geht es dann um Meisterschaft und Abstieg“, sagt Heiner Baumeister. „Das könnten alles Gründe sein.“
Polizei sieht „keinen Handlungsbedarf“
Die Zahlen des wfv spiegeln dabei in etwa das wider, was auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) an Daten zur Verfügung stellt. Seit zehn Jahren hält der DFB im „Lagebild“ entsprechende Vorkommnisse fest. In der vergangenen Spielzeit hat der Unparteiische demnach in 0,43 Prozent aller Spiele Verfehlungen von Beteiligten festgehalten. Der Anteil abgebrochener Spiele lag bei 0,06 Prozent.
Auch das Innenministerium führt Gewalt im Amateurfußball nicht als Problemfeld an. In der Saison 2022/23 wurden auf Betreiben der Innenministerkonferenz auch in Baden-Württemberg Polizeieinsätze bei Partien unterhalb der vierten Liga genauer unter die Lupe genommen. Bei der Auswertung sei festgestellt worden, „dass im bundesweiten Maßstab aufgrund der geringen Fallzahlen kein ergänzender Handlungsbedarf besteht“, heißt es auf Nachfrage aus dem Innenministerium.
Hat die Gewalt heute „eine andere Qualität“?
Also alles halb so wild? Philipp Martens will sich darauf nicht festnageln lassen. Von Bezirks- und Vereinsvertretern bekomme er immer öfter die Rückmeldung, dass die Gewalt auf den Fußballplätzen im Land „eine andere Qualität“ habe. Statistisch sei das nicht zu belegen. „Ich kann mir vorstellen, dass viele sensibler geworden sind – auch im Hinblick auf Diskriminierung“, und deshalb genauer hingeschaut werde, so Martens.
Gewalt sei kein Problem, dass der Fußball für sich gepachtet habe, sondern ein gesamtgesellschaftliches. „Aber der Fußball bildet die Gesellschaft mit am besten ab“, befindet Martens. Deshalb kommt ihm aus seiner Sicht auch eine besondere Verantwortung in Sachen Prävention zu.
Gewalt auf dem Fußballplatz wird sich nie komplett verhindern lassen
Der wfv hat Konzepte erarbeitet und Initiativen angestoßen. Seit mehr als zehn Jahren sind Ordner Pflicht, Schiedsrichter werden auch in Sachen Deeskalation geschult, auch neue Regeln wurden eingeführt: Seit zwei Jahren können die Unparteiischen eine Partie auch für zweimal maximal fünf Minuten unterbrechen, um die Gemüter zu beruhigen.
Sanktionen wie Sperren, Geldstrafen oder sogar Ausschlüsse werden immer wieder ausgesprochen. Sie treffen zwar die Vereine, für Gewalttäter haben sie aber selten abschreckende Wirkung. Zumal beteiligte Zuschauer nicht unbedingt Mitglieder eines Vereins sind.
Dass Einzelnen auf oder am Rande des Fußballplatzes die Sicherungen durchbrennen, wird der wfv auch künftig nicht verhindern können. „Gewalt auf dem Sportplatz wird es daher immer geben“, hatte Baumeister schon vor mehr als zehn Jahren konstatiert. Daran dürfte sich nichts geändert haben.