Rettungskräfte sind im Alltag immer wieder Beleidigungen und Angriffen ausgesetzt. Foto: imago images/Björn Trotzki

Nach den Übergriffen an Silvester läuft die Diskussion darüber, wie man Einsatzkräfte besser schützen kann. Riccardo Lardino arbeitet im Rettungsdienst und kennt die Probleme aus dem Alltag. Für Verbesserungen hat er klare Vorschläge.

Riccardo Lardino aus der Region Stuttgart ist Notfallsanitäter und Vorsitzender des InsideTeams, eines Vereins zur Förderung des Rettungswesens. Die Mitglieder setzen sich seit Jahren für Verbesserungen ein, sehen aber bedrohliche Entwicklungen. Das hat nicht nur mit den Attacken auf Retter an Silvester zu tun.

 

Herr Lardino, wie schlimm ist die Lage im alltäglichen Einsatz denn wirklich?

Es gibt insgesamt eine böse Entwicklung. Wobei man unterscheiden muss: Solche Ausschreitungen wie in Berlin und anderen Städten sind schlimm, aber nicht der Alltag. Da geht es um andere Dinge, die uns Sorgen machen und die Arbeit massiv erschweren.

Welche Situationen sind das?

Die Eskalationen, die wir Retter erleben, entstehen zu 90 Prozent daraus, dass Patienten oder andere Beteiligte nicht verstehen, was die Retter da tun. Viele reagieren dann aggressiv oder schreiben einem vor, wie man zu handeln habe. Da ist selbst der Notarzt nichts mehr wert.

Betrifft das, wie derzeit ebenfalls kontrovers diskutiert wird, vorwiegend Migranten?

Diesen Hintergrund gibt es tatsächlich oft. Man muss aber sagen, dass die Bevölkerung insgesamt sehr anmaßend und anspruchsvoll geworden ist und da oft völlig überzogene Erwartungen vorherrschen.

Sind Sie persönlich auch schon angegriffen worden?

Ich musste tatsächlich vor Kurzem zum ersten Mal einen Patienten anzeigen. Da ging es zum Glück nur um Beleidigung, aber die war heftig. Entstanden ist das aus der eben geschilderten Anspruchshaltung. Wir schlugen dem Patienten vor, ihn in das nächste fachlich geeignete Krankenhaus zu bringen, der Patient bestand aber auf ein weiter entferntes Krankenhaus seiner Wahl und band somit unnötig das Rettungsmittel.

Was kann man gegen diese Auswüchse tun? Konfliktbewältigungsstrategien erlernen?

Diese Schulungen gibt es ja. Natürlich müssen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen entsprechend ausgebildet werden. Aber man muss viel früher ansetzen.

Wo?

Es gibt einen klaren Zusammenhang mit den vielen Situationen, in denen der Notruf gewählt wird, obwohl gar kein Notfall vorliegt. Diese Fälle, in denen die Patienten sich wegen Lappalien melden oder frühzeitig selbstständig zum Arzt oder Facharzt gehen könnten, sind oft die Grundlage für Auseinandersetzungen. Wenn es diese Situationen in dieser Häufung nicht gäbe, würden sich die Leute gar nicht erst in Rage reden, wenn der Rettungsdienst sie wegen einer Grippe an eine Arztpraxis verweist.

Foto: privat/cf

Wie kann man dieses Umdenken denn erreichen? Verpuffen Kampagnen nicht?

Nein, Kampagnen verpuffen nicht, sie leben von Nachhaltigkeit – insbesondere in diesem Fall. Es muss viel mehr Aufklärung betrieben werden. Und zwar sowohl darüber, in welchen Fällen man den Notruf wählt und wer dann kommt, als auch darüber, wie man sich Einsatzkräften gegenüber zu verhalten hat. Das muss in alle Köpfe rein und sollte am besten auf Plakaten an jeder Bushaltestelle stehen. Wir müssen weg von der Vollkaskomentalität und wieder dahin, dass man die 112 nur wählt, wenn es wirklich nötig ist. Dann käme es zu vielen Konflikten von vornherein nicht.

Diskutiert werden auch Maßnahmen wie Schutzwesten, Bodycams oder Polizeischutz bei Einsätzen. Die Meinungen gehen da weit auseinander. Was halten Sie davon?

Ich denke, man kann den alltäglichen Herausforderungen im Rettungsdienst gut ohne Polizeischutz begegnen. Wo er erforderlich ist, weil sich die Notwendigkeit bereits im Notruf oder vor Ort ergibt, ist er stets zeitnah da. Bodycams könnten künftig eine sinnvolle Begleitmaßnahme sein. Schutzwesten erfüllen sicherlich auch bei uns Ihren Zweck – diese Maßnahme halte ich aus derzeitiger Sicht aber für nicht notwendig.

Das InsideTeam der Retter

Rettungsdienst
Der 1988 in Stuttgart geborene Lardino arbeitet seit über elf Jahren im Rettungsdienst. Er ist als Notfallsanitäter in der Region Stuttgart tätig und fährt auch landesweit Einsätze.

Verein
Bereits 2012 gründen Lardino und einige Mitstreiter das InsideTeam als landesweit aktive Interessengemeinschaft für das Rettungswesen. Seit Frühjahr 2022 ist das Team ein als gemeinnützig anerkannter Verein.