Demonstranten halten Bilder der ermordeten Studentin Pinar Gültekin hoch. Foto: imago images/INA Photo Agency

Der Mord an der 27-jährigen Studentin Pinar Gültekin hat in der Türkei eine politische Debatte losgetreten, an der sich auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beteiligt.

Istanbul - Bevor Pinar Gültekin von ihrem Freund ermordet wurde, hatte der sie noch von Zuhause abgeholt und in seine Wohnung gefahren – um mit ihr zu reden. Eigentlich wollte er Schluss machen und der außerehelichen Romanze damit ein Ende setzen, beteuert er in seinem Geständnis, das die Zeitung Cumhuriyet veröffentlicht hat. Das Gespräch artete jedoch in einen handfesten Streit aus. Sie werde seiner Frau alles verraten und seine Ehe zerstören, habe Pinar Gültekin gedroht. Daraufhin habe er sie mehrmals ins Gesicht geschlagen, sie fiel zu Boden und wurde von ihrem Liebhaber erwürgt.

Verbrannt und einbetoniert

Der Fall der ermordeten 27-jährigen Studentin aus Mugla, einer Stadt im Südwesten der Türkei, hat einen Sturm der Entrüstung im Land ausgelöst. Das liegt nicht nur an den makabren Details, die im Laufe der letzten Woche mehr und mehr an die Öffentlichkeit gelangten. So wurden beispielsweise Überwachungsvideos einer Tankstelle veröffentlicht. Sie zeigen, wie der Täter seelenruhig zwei Plastikflaschen mit Benzin füllt. Mit der brennbaren Flüssigkeit versuchte er anschließend den Körper von Pinar Gültekin zu verbrennen. Als ihm das nicht gelang, betonierte er sie in einer Tonne ein. Die Bluttat hat eine öffentliche Debatte über Gewalt gegen Frauen in der Türkei ausgelöst. Verschiedene Frauenrechtsorganisation riefen zu Protesten auf.

Der Fall von Pinar Gültekin reiht sich ein in eine Serie von Gewalttaten gegen Frauen in der Türkei. Erst Anfang Juni hatte bereits der Fall der 49-jährigen Nurtac Canan eine Debatte darüber ausgelöst, welche Rolle die Politik bei diesem Problem spielt. Auch sie hatte ihr Ehemann versucht zu töten, weil sie sich von ihm trennen wollte. Er verletzte sie jedoch nur schwer. Bevor die bewusstlose Frau von ihrem Sohn gefunden wurde, schrieb sie noch mit ihrem eigenen Blut eine Nachricht auf den Boden: „Ragip war’s. Seid nicht traurig, ich bin jetzt erlöst.“

474 Frauen wurden getötet

Eine Plattform, die sich in der Türkei gegen Gewalt an Frauen einsetzt und seit dem Jahr 2010 eigenständige Studien über solche Tötungsdelikte führt, ist die türkische Organisation „Wir werden Femizide stoppen“. Die Betreiber veröffentlichen unter anderem monatlich Zahlen, wie viele Frauen durch Gewalt in der Türkei ums Leben gekommen sind. Allein im Jahr 2019 wurden demnach insgesamt 474 Frauen getötet. Und die Zahl nehme jährlich zu.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) berichtet zudem davon, dass die Gewaltdelikte gegen Frauen insbesondere in der Corona-Zeit drastisch zugenommen hätten – allein in Istanbul im März um 38 Prozent. Diese Taten lösen öffentliches Entsetzen aus, was den Druck auf die Politik erhöht.

Dabei hatte die Türkei im Jahr 2012 für kurze Zeit noch eine Vorreiterrolle bei dem Thema Frauenrechte eingenommen. Als erstes Land ratifizierte das Land unter dem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in der sogenannten Istanbul-Konvention das Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Die Unterzeichner verpflichteten sich dazu, gegen geschlechtsspezifische Gewalt im eigenen Land präventiv vorzugehen. Frauenrechtlerinnen wie die türkische Rechtsanwältin Ervim Inan berufen sich auf diese Konvention, wenn sie auf die Gewalt gegen Mädchen und Frauen aufmerksam machen. In der türkischen Politik dagegen blieb die Konvention eher unbeachtet.

Deutliche Worte Erdogans

Jetzt aber äußerte sich auch Präsident Erdogan zum Mord an Pinar Gültekin. Es sei Aufgabe des Staates, ähnliche Akte der Gewalt zu verhindern. „Ich verfluche jedes Verbrechen, das gegen eine Frau begangen wird“, schrieb Erdogan auf der sozialen Plattform Twitter. „Um die Gewalt gegen Frauen zu beenden, werden wir als Türkische Republik alles in unserer Macht stehende tun.“ Meldungen, wonach die Türkei erwäge, aus der Istanbul-Konvention auszusteigen, passen dazu allerdings nicht.

Denn in der Realität hat sich Erdogan in den vergangenen Jahren für eine Rückkehr zum traditionellen Frauenbild eingesetzt. Auch die konservativen Kräfte im Land unterstützen diesen Kurs. So hat sich schon eine Gruppe im Land gegen die Istanbul-Konvention mobilisiert. Aktuell hält Erdogan an seiner Politik fest. Insbesondere seit seine Umfragewerte sinken, setzt er auf die nationalen und islamischen Kräfte im Land. Kritiker fragen, wie viele Pinar Gültekins es geben muss, bis sich der politische Kurs beim Thema Frauenrechte zum Positiven entwickelt.

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