Viele Frauen in der Türkei werden von ihren Männern oder Partnern misshandelt. Eine Popsängerin geht jetzt an die Öffentlichkeit – und löst eine Welle aus.
Istanbul - Hunderttausende Fans jubeln Sila bei ihren Konzerten zu. Die Popsängerin füllt in der Türkei mühelos Stadien und stellte letzten Sommer einen neuen Zuschauerrekord auf: 250 000 Fans bei einem Konzert in Izmir. Millionen Menschen folgen der Künstlerin in den sozialen Medien. Vor einigen Tagen aber tippte sie dort eine persönliche Nachricht ein: „Ich weiß kaum, wie ich anfangen soll, also sage ich es besser direkt: Ich bin Opfer von häuslicher Gewalt geworden.“
Die Einzelheiten sickerten aus dem Polizeiprotokoll durch: Demnach wurde Sila von ihrem Lebensgefährten, dem bekannten Schauspieler Ahmet Kural, nachts in dessen Villa 45 Minuten lang verprügelt, herumgeschleift und mit dem Kopf an die Wand geschlagen. Ein ärztliches Attest bescheinigte ihr Ödeme am Schädel, Blut im Urin, Abschürfungen sowie blaue Flecken am ganzen Körper.
Frauenrechtlerinnen atmen auf
„Das ist eine vernichtende Erfahrung, die augenblicklich alles auslöscht, was man im Leben erreicht hat“, schrieb Sila Gencoglu, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt. „Es war ein Augenblick, in dem ich in die Augen all der Frauen in diesem Land geblickt habe, die das erleiden.“ Es sei schwer, öffentlich über die Prügel zu sprechen. „Aber ich weiß auch: Wenn ich jetzt schweige, dann verrate ich mich nicht nur selbst, sondern auch alle Frauen dieses Landes.“
Auf dem Papier haben die türkischen Frauen alle Rechte: Das Wahlrecht besitzen sie seit 1930, und das Zivilrecht wurde in den letzten 20 Jahren mehrfach zu ihren Gunsten nachgebessert. Auch die Gesetze zum Schutz vor häuslicher Gewalt können internationalen Vergleichen standhalten. Doch in der Praxis sieht es anders aus. Sila ging zur Staatsanwaltschaft und erstattete Anzeige wegen Körperverletzung gegen Kural. Das zuständige Gericht erließ daraufhin ein Kontaktverbot gegen den Schauspieler, der sich Sila nun drei Monate lang nicht nähern darf.
Türkische Frauenrechtlerinnen zeigten sich erleichtert. Sie gratuliere Sila von Herzen und danke ihr für ihren Mut, sagte die Aktivistin Dilber Sünnetcioglu. Täglich stehe sie auf Gerichtsfluren herum, um Gerechtigkeit für geschlagene und getötete Frauen zu fordern, weil bestehende Gesetze zum Schutz der Frauen nicht angewendet würden, sagte Sünnetcioglu. Dass Sila nun den Mut gehabt habe, ihre Rechte einzufordern, werde andere Frauen dazu ermuntern, das auch zu tun.
Die Gewalt wird verharmlost
Nötig wäre das. Nach offiziellen Angaben, die das türkische Innenministerium jetzt erstmals vorlegte, werden in der Türkei monatlich 20 Frauen von Männern totgeschlagen. Aktivistinnen schätzen die Dunkelziffer höher, da viele Fälle als Selbstmord getarnt werden.Monatlich werden fast 15 000 Fälle von häuslicher Gewalt registriert, das sind nahezu 500 verprügelte Frauen pro Tag.
Diese Gewalt wird oft verharmlost. Auch Ahmet Kural wiegelte in einer öffentlichen Stellungnahme ab. „Wir haben uns gegenseitig herumgeschubst, dabei habe ich sie einmal am Arm gepackt – sonst war nichts“, erklärte der Schauspieler. Es sind aber nicht nur Männer, die zu dieser Verharmlosung von Gewalt beitragen. So meldete sich eine andere türkische Popsängerin zu Wort, die Sila vorwarf, sich zu beklagen „wie ein kleines Kind“. „Rangeleien und Schubsereien gibt es in jeder Beziehung. Und Frauen, die keine Prügel verdienen, bekommen sie auch nicht.“
Doch die Sympathien der türkischen Öffentlichkeit sind eindeutig auf Silas Seite. Sowohl von anderen Prominenten als auch von Fans gibt es Solidaritätserklärungen für die Sängerin. Und ein führendes türkisches Unternehmen kündigte jetzt einen Werbevertrag mit Ahmet Kural.